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Dienstag, 9. August 2022

Beethoven, Ludwig van - Sinfonien 1-9

Brillante Attacken, programmatische Ideen


Label/Verlag: Analekta
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kent Naganos mit dem Orchestre symphonique de Montréal bislang bei Sony in Einzelfolgen veröffentlichter Zyklus der Beethoven-Symphonien liegt inzwischen auch geschlossen beim kanadischen Kooperationspartner Analekta vor. Ein interpretatorisch wie konzeptionell lohnendes Paket!

Sieben Jahre hat die Aufnahmeserie gebraucht. Als erstes erschien 2008 – noch als Koproduktion von RCA und Analekta – die programmatische Koppelung der Fünften mit Auszügen aus der Schauspielmusik zu Goethes ‚Egmont‘ (Ouvertüre und Klärchens Lieder) und dem 'Opferlied' op. 121b unter dem Titel ‚Ideale der französischen Revolution‘. Nagano und das von ihm seit 2006 geleitete Orchester aus Montréal demonstrieren in Symphonie und Ouvertüre bereits ihre Qualitäten: Virtuoses Tempo mit Akzent auf hervorragender rhythmischer Präzision und wunderbar austarierte Bläser(ein)mischungen zeichnen ein farbiges, eher traditionelles Bild des ‚heroischen‘ Beethoven. Besonders das Finale der Symphonie ragt heraus, insbesondere dank grandioser Bläserleistungen und einer genauen Aussteuerung in Aufführung und Aufzeichnung (bis auf einige kleine Unsauberkeiten im Zusammenspiel in den Liedern mit der manchmal etwas zu flackernd intonierenden Adrianne Pieczonka; das Streicher-Martellato in 'Die Trommel gerühret' etwa ist nicht ganz synchron, aber marschcharakteristisch dennoch gut integriert).

Die Idee einer solchen Zusammenstellung nach spezifischen Idealen der Beethovenzeit bildete dann auch den Leitfaden für die Fortsetzung der Serie ab 2011 auf Sony: Die bereits 2007 noch nicht ganz so forsch wie Fünfte, aber in den Tuttihöhepunkten eindrucksvoll knallig-erhaben eingespielte ‚Eroica‘ etwa erschien unter der plakativen Überschrift ‚Götter, Helden und Menschen‘ mit großzügigen Auszügen aus der Ballettmusik 'Die Geschöpfe des Prometheus'. Nagano betont hier tatsächlich vor allem tänzerische Momente, das Bühnenhafte dieser neuartigen theatralischen Symphonik, in der – besonders im stimmungsvollen, szeneriehaften, aber punktuell auch etwas harmlos wirkenden Trauermarsch – zurecht eine deutlich opernhafte Inspiration durchscheint. Die fünf bis auf die Ouvertüre unbekannteren, aber zeitgemäß von humanem Idealismus musikalisch kündenden Nummern aus dem 'Prometheus'-Ballett – darunter gerade auch die erste Version des ‚Eroica‘-Finalthemas – werden begeisternd, da schwungvoll-begeistert dargeboten.

Programmatische Werk-Verbindungen: Revolutionäre und humanistische Ideale

Diese früheste Aufnahme des Zyklus wirkt allerdings noch nicht so signifikant im Hinblick auf Naganos spezifische, charakteristische Eigenheiten als Dirigent, man dürfte seine persönliche Handschrift eher kaum erkennen. Welche herausragenden Qualitäten dieses Orchester schon unter Charles Dutoit besaß – nicht wenige internationale Kritiker rechnen es schon seit Mitte der 1980er Jahre durchgehend zu den zehn weltbesten – und auch 2007/08 demonstrierte, steht völlig außer Frage. Die klangliche Mischung wie auch die geradezu leichthändig wirkende Präzision von Streichern und Bläsern ist ‚französisch‘ ausgerichtet, ein Gespür für individuelle Klangfarben immer als Gebot und Talent evident, und Nagano hat diese Grundlagen hier aufgegriffen und später weiter gepflegt und seiner Neigung zur präzisen synchronen Herausstellung rhythmischer und instrumentaler Texturen dienstbar gemacht: eine ideale Kombination, die der legendären Kombination OSM-Dutoit nicht nachsteht.

Die gewachsene Verbindung zwischen Dirigent und Orchester ist in den dann ab 2011 in rascherer Folge eingespielten sieben Symphonien viel deutlicher wahrnehmbar. Ganz hervorragend gelingt die Achte: Für Naganos Einspielungen ist ja die wahrnehmbar präzise Rhythmik und Phrasierung auch der Mittelstimmen bei hoher Tempokonstanz, die Kontrolle eines vollständig und gleichberechtigend durchgestalteten Gesamtstimmengeflechts ein Markenzeichen (ideal zu beobachten in seiner grandiosen Referenz-Einspielung der Sechsten Symphonie von Anton Bruckner mit dem Berliner DSO). In der Sechsten Symphonie Beethovens werden allerdings auch punktuell Probleme dieses Ansatzes deutlich, kommt doch im eher moderaten, jedoch vielleicht schon etwas zu gleichförmig durchgehaltenen Tempo des Kopfsatzes eine überzeugende emotionale Emphase etwas zu kurz (das ist häufiger Naganos spezifisches Problem, meines Erachtens etwa, ebenfalls mit dem DSO, in Brahms‘ Vierter). Manche dynamische Steigerung – überraschend bei der Wiederholung des Hauptthemas im Kopfsatz, dann natürlich im 'Gewitter' und Finale – gelingt wiederum ganz hervorragend; man muss den Neo-Espressivo-Stil Daniel Barenboims nicht vermissen, Nagano arbeitet doch deutlich emphatischer, klangfreudiger als David Zinman oder Thomas Dausgaard. Die Produktion der beiden F-Dur-Symphonien unter dem Titel ‚In the Breath of Time‘ wurde übrigens in der Erstveröffentlichung ganz hervorragend ergänzt durch die Felix-Weingartner-Fassung der 'Großen Fuge' für Streichquartett op. 133 (mit zusätzlichen Bläsern statt in sonst oft üblicher bloßer Streicheraufstockung); die Fuge findet sich allerdings jetzt entgegen den Booklet-Angaben aus Spieldauer-Gründen auf der CD mit der Fünften (ein Erratum-Zettel liegt bei).

Französischer Klangsinn und angloamerikanische rhythmische Prägnanz

2011 entstand bereits auch die Aufnahme der Neunten. Nagano nimmt den Kopfsatz weniger als Vision des Erhabenen, sondern bewegt sich schnell in einen an die ‚Eroica‘ gemahnenden kämpferischen Grundmodus. Das Resultat ist eindrucksvoll, auch hinsichtlich der klanglichen und dynamischen Kontrastwirkungen wie hinsichtlich des aggressiven Scherzos. Das 'Adagio' besitzt genügend Ruhe und schöne Bläserauftritte über sanft zurückgenommenen, innerlich leuchtenden Streichergesängen (der Nebengeräusch-Pegel ist allerdings nicht gering, ein kleinerer Makel in den anderen Live-Mitschnitten dieses Zyklus). Das Chor-Finale – grandios dort vor allem die heftig beschleunigte Streicherfuge – gibt es jedoch sicherlich in der massiven historischen und aktuellen (historisierenden) Konkurrenz rhetorisch und dramaturgisch, ja auch sängerisch viel eindrucksvoller gestaltet. Nicht jedoch die im März 2013 in Montréal live eingespielten Symphonien Nr. 1 und Nr. 7 (‚Departure – Utopia‘): Die Erste strotzt vor klanglicher Delikatesse, die Blechbläser-Mischungen im Finale und dessen subtil phrasierter Eingangshumor stimmen ebenso wie das bissig gemachte 'Menuett' und das Vorwärtsdrängen im Kopfsatz. Und in der Siebten zeigt Nagano dann exemplarisch, dass die historische Aufführungspraxis doch nicht ganz an ihm vorbeigegangen ist: Verschiedene Abstufungen des Streicher-Vibrato werden – gerade im 'Allegretto' – ganz gezielt als Klangfarben eingesetzt. Die Virtuosität des Orchesters macht diese Koppelung zur Referenzeinspielung in dieser Gesamtaufnahme (auch die Einzel-CD bei Sony ist deshalb als ‚Auskoppelung‘ sehr empfehlenswert). Als letztes vom Januar 2014 noch die beiden ja merkwürdigerweise immer recht unbeliebten Symphonien Nr. 2 und Nr. 4 unter dem Titel ‚Poesie der Freiheit‘: Der scheinbare Mangel an Programmatik lenkt hier abermals das Augenmerk auf Beethovens Qualitäten als Entwickler motivischer und rhythmischer Zellen und Naganos Qualitäten als deren handwerklich peniblen Mechaniker und Ekstatiker. Man muss diesen Zyklus vielleicht nicht komplett haben (die Dokumentation im Booklet ist auch nur zweisprachig engl.-frz.), spannend sind Naganos kanadische Erträge aber zweifellos.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Sinfonien 1-9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Analekta
6
13.11.2015
Medium:
EAN:

CD
774204915025


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Analekta

ANALEKTA is a Greek word which can be translated as "a collection of the finest works". Since the inception of the company in 1988, founder and President Mario Labbé and his team of dedicated people have worked diligently to represent its corporate name.
ANALEKTA has become the largest independent classical record company in Canada. Being the recipient of many distinguished prizes, notably for the quality of its recordings and the rigorous musicianship of its artists, ANALEKTA has earned a reputation of excellence on the international music scene. The company is now considered a benchmark within the Canadian music industry and a true gem of Canadian culture.
The Quebec recording company specializing in classical music, ANALEKTA was founded with the goal of becoming one of Canada's leading record labels. The driving force behind the label has always been its musicians, exceptional artists who would become ANALEKTA's guarantee of excellence. Over the years, the label has therefore developed an association with the country's finest musicians and musical organizations. ANALEKTA's recordings equal fine interpretations, originality and excellence.
Each year, ANALEKTA releases no less than 30 classical recordings featuring the greatest Canadian musicians. Over the years, ANALEKTA has produced over 350 titles with more than 200 artists. The level of excellence of its artists, combined with the determination of its management and its entire team have created an enviable reputation and a first-rate image for the company, both at home and abroad.
Though its focus remains classical music, ANALEKTA continues to seek new talent and promote Canadian musicians. Embracing a new array of genres to widen its musical horizons, ANALEKTA's catalogue now includes World Music, jazz and movie soundtracks, making music accessible to music aficionados with eclectic taste.
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