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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Schostakowitsch, Dmitri - Michelangelo-Suite

Zartbittere Melancholie


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieses neue Album ist keine CD, die man unbeschwert nebenher hört. Sie erfordert Konzentration – dann aber vermögen die Musik und die beiden Interpreten zu berühren.

Der sibirische Bariton Dmitri Hvorostovsky wird international vor allem für seine intensiven und stimmstarken Verdi-Interpretationen, aber auch noch immer als eindrücklicher Onegin in Tschaikowskys 'Eugen Onegin' und seit kurzem auch als Rubinsteins Dämon gefeiert. Auf sein Opernrepertoire lässt sich der Künstler aber nicht reduzieren. Seit Beginn seiner steilen Karriere in den 1990er Jahren pflegt Hvorostovsky auch das Lied – vor allem die Liedkompositionen russischer Meister von Mussorgsky bis Tanejew. Seine 'Russischen Romanzen' und Mussorgskys 'Lieder und Tänze des Todes', damals bei Philips erschienen, gehören zu seinen eindrücklichsten Lied-Alben. Mittlerweile ist der Sänger älter und reifer geworden und hat nach einer zwischenzeitlich starken Konzentration auf Opernpartien zum Lied zurückgefunden. Die Plattenfirma hat Dmitri Hvorostovsky auch gewechselt und singt seit einigen Jahren für Delos und das finnische Label Ondine. Für letzteres hat er bereits drei russische Liederalben eingespielt, nun folgt sein viertes mit Liedern von Dmitri Schostakowitsch und Franz Liszt.

Die Aufnahmen dieser 2015 erschienenen CD entstanden bereits im Juli 2012 in Moskau und wurden im September 2014 komplettiert. Die Programmwahl erscheint auf den ersten Blick ein wenig trocken, und tatsächlich ist dieses neue Album keine CD, die man unbeschwert nebenher hört. Sie erfordert Konzentration – dann aber vermögen die Musik und die beiden Interpreten zu berühren.

Am Klavier wird Hvorostovsky von seinem langjährigen Liedbegleiter Ivari Ilja nach Leibeskräften unterstützt. Ilja tritt dabei keineswegs in den Hintergrund, sondern agiert auf Augenhöhe mit dem Sänger als musikalischer Dialogpartner. Wie auch der Bariton greift Ilja in die Vollen: zaubert feine Lyrismen, lässt es unheilvoll und unnachgiebig dröhnen, arbeitet sich am Notenmaterial virtuos, aber bodenverhaftet ab.

Dieser Zugang ist überzeugend, weil sich die Künstler für die selten gespielte Klavierfassung der 'Michelangelo-Suite' op. 145a von Schostakowitsch entschieden haben, die ein Jahr vor dem Tod des Komponisten entstand. Dieser hat die elf Lieder unmittelbar nach der Komposition instrumentiert und auch Hvorostovsky hat diesen als Suite betitelten Liederzyklus oft mit Orchesterbegleitung im Repertoire. Die hier eingespielte Klavierfassung ist fraglos intimer, verlangt aber aus genau diesem Grund nach einer schlüssigen Handhabe mit deutlichen Ecken und Kanten. Ilja und Hvorostovsky gehen dabei so manches Mal an den Rand des Brachialen, schaffen aber mit feiner Textauslotung und stets durchsichtigem Zusammenspiel effektvolle Kontraste, die tiefes Verständnis und große Musikalität beweisen.

Die bittere Melancholie der Michelangelo-Vertonungen schlägt sich bewegend in Hvorostovskys noch immer gesunder Stimme – wenn auch mit deutlich mehr Vibrato als früher – nieder. Fahle Tongebung unterstreicht die bedrohliche Resignation, dann packt er auf einmal wieder kraftvoll zu und schleudert dem Hörer klingendes Testosteron entgegen. Doch was sich im einen Moment als schroff und zugleich ausdrucksstark in seinem Gesang manifestiert, löst sich im nächsten Augenblick oder Lied in sanfter Zartheit wieder auf. Besonders eindrücklich nutzt der Bariton den schnellen Wechsel der Farben in 'Nacht', einem Zwiegespräch zwischen Giovanni Strozzi und Michelangelo.

Oft klingt in der 'Michelangelo-Suite' die Erinnerung an Schostakowitschs Symphonie Nr. 14 herüber, und dann ist es plötzlich doch die Fünfzehnte, die im letzten Lied 'Unsterblichkeit' einen Nachhall erfährt. Der Klaviersatz gibt sich nach all der klingenden Dunkelheit verschmitzt und spielerisch. Irgendwo blinkt ein Licht, das dem Tod trotzt.

Die Intensität, die Schostakowitschs Zyklus in dieser Neueinspielung erreicht, setzt sich in den drei 'Petrarca-Sonetten' nicht wirklich fort. Sie wirken aber wie ein Aufatmen nach so viel erfahrener Desillusionierung in Wort und Ton. Auch hier geht Hvorostovsky mit seiner kraftvollen Opernstimme zu Werke und Ivari Ilja schwelgt im anspruchsvollen Klaviersatz. Diese drei Liszt-Lieder, die im Übrigen in anderer Reihenfolge erklingen als im Beiheft angegeben, mag man schon einfühlsamer gehört haben. Im Zusammenhang mit der voranstehenden Schostakowitsch-Einspielung erscheint der interpretatorische Zugang jedoch allemal schlüssig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dmitri: Michelangelo-Suite

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
13.11.2015
Medium:
EAN:

CD
761195127728


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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