> > > Beethoven, Ludwig van: Symphonien Nr. 2 & 7
Freitag, 5. März 2021

Beethoven, Ludwig van - Symphonien Nr. 2 & 7

Apotheose der Statik


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Orfeo veröffentlicht in einer schönen Edition das letzte Beethovenkonzert mit Karl Böhm und den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen mit einer größtenteils sehr beständig-konservativen Interpretation des Altmeisters.

Die Aura des ‚legendären Vermächtnisses‘ schwebt zweifelsohne über den Mitschnitten der Salzburger Festspiele vom 17. August 1980. Dies mag für das Label Orfeo Grund genug gewesen sein, die Einspielung in einer gewohnt schönen Edition in ansehnlicher Klangqualität samt exzellentem Booklet neu zu veröffentlichen. In der Tat handelt es sich um die letzte Beethoven-Interpretation mit Karl Böhm und den Wiener Philharmonikern; ein Jahr später verstarb der Dirigent, wodurch diese Einspielung konsequenterweise eine Art Denkmal der jahrelangen fruchtbaren Zusammenarbeit markiert. Relativierend muss zugleich festgestellt werden, dass weder Karl Böhm noch die Wiener Philharmoniker mit der Erwartung in das Konzert gingen, zum letzten Mal Beethoven zu musizieren – die musikalische Interpretation ist eher durch ein altkonservatives Musikbild denn durch eine melancholische Todesahnung charakterisiert.

Speziell was die Siebte Sinfonie angeht, bleibt festzuhalten, dass die alleinige Aura des Konzertes nicht genügt, um den Eindruck einer überschwerfälligen Interpretation zu rechtfertigen. Unter den zahlreichen Beethoven-Einspielungen sind Böhm im Laufe seiner Karriere zudem weitaus eindrucksvollere Interpretationen gelungen. Das Tempo allein kann hierfür keine Erklärung sein; dass man es bei Böhm, zumal in diesen späten Lebensjahren, gewohnt ist, sehr langatmige und breite Tempi vorzufinden, muss nicht zwangsläufig ein Manko sein. Nimmt man etwa Furtwängler oder Knappertsbusch, können bei diesen Dirigenten gerade die ungewöhnlich langsamen Tempi zu bemerkenswerter Spannung führen. Doch weder die Expressivität und Ekstasen Furtwänglers noch das Pathos von Knappertsbusch vermag Böhm durch seine Agogik zu vermitteln. Vielmehr ist es am Ende der Eindruck eines behäbig schleppenden Dahinströmens, das etwa den Schlusssatz der ADur-Sinfonie prägt. Weder Apotheose des Tanzes noch aberwitziger Sog sind in diesem Schlusssatz zu erkennen, Böhm scheint stattdessen bereits in der Durchführung, spätestens aber in der Reprise, in einer heiklen Statik gefangen zu sein. Auch der beeindruckende Orchesterschönklang der Wiener Philharmoniker kann aus dieser vertrackten Situation nicht heraushelfen; der massive Streicherteppich wirkt eher zusätzlich hemmend. So ist schließlich auch der finale Orchesterausbruch nach dem Wechselspiel zwischen ersten und zweiten Geigen in der Coda erdrückend; unter Berücksichtigung der Dramaturgie der vorangegangenen Sinfonie wirkt er darüber hinaus mehr erzwungen als wirklich überzeugend.

Folglich bleiben die Vorzüge dieser Edition die Einspielung der Zweiten Sinfonie, welche – aus dem Schattendasein im sinfonischen Kanon Beethovens heraustretend – durchaus gleichwertig neben der populären Siebten steht. Böhm lässt es in dieser Sinfonie zwar ähnlich gemächlich angehen, doch kommen hier die Qualitäten des bronzefarbenen Klanges der Wiener deutlich besser zur Geltung. Obgleich auch hier die Streicherdecke ähnlich massig wirkt, beeindruckt der noble Ton der Holzbläser, etwa im Seitensatz des Finales. Auch kann der Dirigent im ersten Satz einen feierlich, fast schon majestätisch erhabenen Duktus formen, ohne vorhandene Abgründe vollkommen im makellosen Tonfall zu erdrücken. Am Ende ist es auch der Mut, sich vom ehrwürdig kultivierten Dirigat zu lösen, welcher den Reiz der Interpretation ausmacht und welcher gerade in der Siebten Sinfonie, die auf ein Auftrumpfen dieser Art gänzlich verzichtet, schmerzlich vermisst wird. So zeigt der Grazer, dass er im Finale der Sinfonie durchaus bereit ist, aus der Starrheit seiner Tempi auszubrechen und durch dezente Beschleunigungsphasen neue Impulse zu setzen.

Im Ganzen betrachtet ist diese Neuveröffentlichung des letzten Beethoven-Konzertes unter Karl Böhm im Zuge der Salzburger Festspiele das Abschiedsdokument einer großen Dirigierpersönlichkeit, gleichzeitig jedoch deswegen nicht unbedingt seine gelungenste Hinterlassenschaft. Ein Videodokument wäre vermutlich ansprechender gewesen, hätte es hier auf visuellem Wege die besondere Verbundenheit Böhms zum Orchester nachvollziehen lassen. Auf der reinen Hörebene bleibt so nur der Eindruck einer soliden, altersweisen Beethoven-Interpretation. Dabei lässt die Musik viel Raum für mitreißende Leidenschaft –  Karl Böhm konnte ihr am Sommerabend seiner letzten Beethoven-Aufnahme in dieser Hinsicht nicht gerecht werden.   

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Beethoven, Ludwig van: Symphonien Nr. 2 & 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
20.09.2015
Medium:
EAN:

CD
4011790910123


Cover vergössern

ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ORFEO:

  • Zur Kritik... Unerhört aufregend: Der 26-jährige Samuel Mariño lässt mit seinem außergewöhnlichen Sopran und Raritäten von Händel und Gluck die Ohren klingeln. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Seelenmusik: Pavol Breslik gelingt mit Janáceks 'Tagebuch eines Verschollenen' ein rundum authentisches und eigenwilliges Album. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Schöner Amerikaner nie klingen: Baiba Skride ist ganz klar aktuell Referenz hinsichtlich ihrer Ausdrucksintensität und Makellosigkeit der Tonbildung. Die drei hier vorliegenden amerikanischen Violinkonzerte unterstreichen das eindrucksvoll. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von ORFEO...

Weitere CD-Besprechungen von Daniel Eberhard:

  • Zur Kritik... All about Kirill: Die neue Berliner-Philharmoniker-Box wartet mit der derzeitig wohl besten Interpretation von Beethoven und Tschaikowsky auf und untermauert die herausragende Stellung des neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Das Leben der anderen (Dirigenten): Auf einer bunten 5-CD-Kollektion wird die langjährige Zusammenarbeit zwischen Otmar Suitner und der Staatskapelle Berlin in der DDR gewürdigt. Die hochwertigen Mitschnitte stellen auf dem heutigen Plattenmarkt allerdings nur noch Randnotizen dar. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Zwischen den Extremen: Auch im hohen Alter bleibt sich Herbert Blomstedt seiner Musikästhetik treu und eröffnet mit dem Gewandhausorchester eine Brahms-Interpretation, die in ihrer Ausgeglichenheit hier und da die dramatische Komponente aus den Augen verliert. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle Kritiken von Daniel Eberhard...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sir Hubert Parry: An English Suite - Sraband

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich