> > > Amiable Conversation: Klavierwerke von Cowell und Cage
Donnerstag, 1. Oktober 2020

Amiable Conversation - Klavierwerke von Cowell und Cage

Außergewöhnliche Gegenüberstellung


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Pianistin Sabine Liebner nimmt sich frühe Klavierwerke John Cages vor und konfrontiert sie mit Stücken seines Lehrers Henry Cowell.

Gerade mal drei Jahre ist es her, als der einhundertste Geburtstag John Cages uns eine ganze Reihe mehr oder minder gelungener, teils auch ziemlich langweiliger Interpretationen seiner Werke bescherte. Die Idee jedoch, eine Verbindung zwischen Arbeiten Cages und den Stücken anderer Komponisten herzustellen, um dadurch auf historische oder ästhetische Einflüsse zu verweisen, hat sich bislang nie so recht durchsetzen können. Es bleibt der Pianistin Sabine Liebner vorbehalten, einen solchen Ansatz zu präsentieren und in seiner ganzen – überraschenden – Konsequenz vorzuführen.

Liebner, die sich in den vergangenen Jahren unter anderem als Urheberin ausgezeichneter Cage-Einspielungen etwa der 'Etudes Australes' (Wergo, 2011) und des 'Solo for Piano' (Wergo, 2013) hervorgetan oder durch ihre zwingende Lektüre ausgewählter Werke Earle Browns (Wergo, 2012) und Morton Feldmans (Wergo, 2012) das künstlerische Umfeld Cages näher beleuchtet hat, nimmt sich in ihrer neuesten Wergo-Produktion eine Reihe früher Klavierstücke vor und konfrontiert sie mit einer Auswahl von Arbeiten des Komponisten Henry Cowell, bei dem Cage 1934 studierte, bevor er 1935–37 seinen kurzen und informellen Unterricht bei Arnold Schönberg nahm.

Das Ergebnis von Liebners Gegenüberstellung, laut CD-Titel eine ‚amiable conversation‘, ist frappierend: Die Produktion – sie deckt insgesamt einen Zeitraum von dreieinhalb Jahrzehnten von 1912 bis 1948 ab – dokumentiert nicht nur den Aufbruch der experimentellen amerikanischen Musik, sondern belegt auch die äußerst fruchtbaren Einflüsse, die Cowells Arbeiten bis zum Ende 1940er Jahre sowohl in klanglicher Hinsicht auch als in Bezug auf den Umgang mit elastischen, auf metrischen Ordnungen basierenden Formkonzeptionen auf den jungen Cage ausübten. Cowells über die Titel seiner Werke vermittelte Versuche, die Klavierklänge suggestiv und illustrativ einzusetzen – sie tritt vielleicht am deutlichsten in seinen mit der Kombination von Traditionals und Clusterharmonik arbeitenden 'Three Irish Legends' (1912) hervor, wird aber auch dort deutlich, wo der Innenraum des Instruments genutzt wird oder ungewöhnliche Klangerzeugungsmaßnahme wie der Einsatz gestrichener Klaviersaiten heranzuziehen sind –, steht Cages gleichsam abstrahierender Ansatz gegenüber, bei dem der Objektcharakter der Klänge hervorgehoben und gegebenenfalls auch durch Präparationen unterstrichen wird.

Liebners Zugang zu den einzelnen Kompositionen zeichnet sich durch die Aufmerksamkeit für klangliche Details aus. Was in vielen Einspielungen von Cowells Werken gelegentlich etüdenhaft ausgestellt wird oder in Interpretationen früher Cage’scher Klavierstücke allzu trocken daherkommt, wird unter den Händen der Pianistin zum poetischen, oftmals verspielten Ereignis, das immer der jeweiligen Klangdramaturgie verpflichtet ist. Angerissen, fast gitarrenartig kommen die Klänge des präparierten Klaviers beispielsweise in Cages 'Tossed as it is Untroubled' (1942) daher, im Anschluss daran konfrontiert mit den von der Pianistin durch Greifen im Klavierinnern zu manipulierenden Saitenschwingungen aus Cowells zartem Stück 'Sinister Resonanz' (um 1930). Die rhythmische Prägnanz, mit der Liebner dann Cages 'Soliloquy' (1945) dazu nutzt, um an die zur selben Zeit entstandenen Schlagzeugarbeiten zu erinnern, bietet einen großen Kontrast zu den atmosphärischen Klangwolken ausschließlich gezupfter Saiten aus Cowells 'Aeolian Harp' (1945), die wiederum beantwortet werden von den leise und weich getupften, verschwimmenden Tonkaskaden aus Cages 'Dream' (1948).

Überhaupt trägt die geschickte Platzierung und Abfolge der ausgewählten Kompositionen viel zur Gesamtwirkung dieser außergewöhnlichen Produktion bei: So scheinen die konzentrierten Spannungsbögen, die Liebner über die 'Three Irish Legends' legt, auch im Aufeinanderprall der von unterschiedlichen Präparierungen bestimmten Abschnitte aus Cages 'In the Name of the Holocaust' (1942) widerzuhallen, um danach nochmals in den gestrichenen Saiten von Cowells 'The Banshee' (1925) aufgegriffen zu werden und dort endgültig in der Stille zu verschwinden. Auch wenn die entsprechenden Werke in klanglicher wie konzeptueller Hinsicht denkbar weit auseinander liegen, wird hier wie auch in anderen Fällen die Aufmerksamkeit für versteckte Beziehungen und für Ähnlichkeiten in der klanglichen Disposition geschärft. Mit einer Spielzeit von 78 Minuten bietet die klanglich hervorragende Produktion nicht nur eine Fülle solcher spannender Momente; mit dem exzellenten Bookletbeitrag des Musikwissenschaftlers Wolfgang Rathert liefert sie darüber hinaus auch historisches Hintergrundwissen, das dem Hörer ein tieferes Eindringen in die Materie und eine adäquate Beschäftigung mit den hier aufeinandertreffenden Klangwelten ermöglicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Amiable Conversation: Klavierwerke von Cowell und Cage

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
06.11.2015
78:06
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228732627
WER 73262


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Prof. Dr. Stefan Drees zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Die Schönheit abstrakter Klangobjekte: Die Pianistin Sabine Liebner hat eine Auswahl aus dem Klavierschaffen von Earle Brown eingespielt und überzeugt durch ihre Konsequenz bei der Umsetzung der grafischen Notationsformen. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 08.06.2012)
  • Zur Kritik... Kreativer Zugriff: In ihrer dritten Einspielung mit Werken John Cages widmet sich die Pianistin Sabine Liebner zwei 'number pieces' aus dem Jahr 1990. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 07.11.2014)
  • Zur Kritik... Schlüssige Scelsi-Lektüre: Mit ihrer neuesten CD begibt sich die Pianistin Sabine Liebner auf die Spuren des Komponisten Giacinto Scelsi und entdeckt die harmonischen Strukturen seiner Musik neu. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 10.05.2015)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Anspruchsvolles Tonexperiment: Michel Roth geht in seiner Komposition 'Im Bau' Kafka auf den Grund. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Überschäumend: Monica Gutman widmet sich Klavierkompositionen des Dadaisten Erwin Schulhoff. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Klangbaden: Sehr feine, subtile Klangräume zeichnen ein spirituelles Programm, das unmittelbar ansprechend ist. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Düstere Beschwörungen: Pianist Frank Peters und Mezzosopranistin Ekaterina Levental beginnen eine Gesamteinspielung der ziemlich individuellen Lieder des Russen Nikolaj Medtner. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Klänge des 21. Jahrhunderts: Das London Symphony Orchestra bietet zwölf jungen Komponistinnen und Komponisten eine freie Spielfläche. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zwischen klassischem Klavierkonzert und Filmwalzer: Der Pianist Oliver Triendl und der Dirigent Ernst Theis werben auf einer schönen CD für die klassische Seite des Operettenkomponisten Oscar Straus. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Schumann: 6 Fantasien für Klavier op. 36 - Im Begegnen - Allegretto grazioso

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich