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Mittwoch, 26. Februar 2020

Hosokawa, Toshio - Voyage VIII und andere Werke

Dem Atem nachlauschen


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit einer Auswahl von zwei Ensemble- und drei Kammermusikwerken führt das Ensemble Musikfabrik wichtige Aspekte von Toshio Hosokawas Komponieren zusammen.

Nach den Veröffentlichungen mit Karlheinz Stockhausens 'Michaels Reise um die Erde' (Wergo, 2012) und Lisa Lims 'Tongue of the Invisible' (Wergo, 2013) ist dies die dritte CD aus der bei Wergo erscheinenden ‚edition musikfabrik‘, die nicht unter einem Generalthema steht, sondern sich ausschließlich dem Schaffen einer einzigen Komponistenpersönlichkeit widmet. Im Zentrum steht der Japaner Toshio Hosokawa (*1955), dessen künstlerische Arbeit anhand von fünf unterschiedlich besetzten Werken porträtiert wird. Ihren besonderen Reiz gewinnt die Produktion aus der Gegenüberstellung zweier Kompositionen für Soloinstrument und Ensemble auf der einen und dreier unterschiedlich besetzter Kammermusikwerke auf der anderen Seite. In Verbindung mit dem ausführlichen und kenntnisreichen Booklettext von Patrick Hahn entsteht dadurch ein Porträt, das wichtige Facetten von Hosokawas Komponieren vereint. Neu ist, dass es sich – im Gegensatz zu den übrigen CDs der ‚edition musikfabrik‘ und abgesehen vom Live-Mitschnitt der Komposition 'Voyage VIII' aus dem Jahr 2006 – vorwiegend um Studioproduktionen handelt.

Im 'Lied' für Flöte und Klavier (2007) entfalten Helen Bledsoe (Flöte) und Ulrich Löffler (Klavier) einen über mehrere Abschnitte hinweg reichenden, an die Tradition des Kunstliedes gemahnenden Dialog, der sich im Verlauf auf unterschiedliche Weise zu einem komplexen melodischen Gewebe verzweigt und am Ende in ein Gegenüber von farbigen harmonischen Flächen mündet. Ähnlich wie hier hat Hosokawa im 'Arc Song' für Oboe und Harfe (1999) zwei völlig unterschiedliche instrumentale Klangbereiche miteinander vereint und sie über Anleihen an die Idiomatik ostasiatischer Musik miteinander vermittelt. Peter Veale (Oboe) und Mirjam Schröder (Harfe) zeichnen diesen Dialog mit subtilen Schattierungen und konzentrierter Gestaltung von Ruhephasen nach. In 'Stunden-Blumen. Hommage à Olivier Messiaen' für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier (2008) wiederum nutzt Hosokawa die unterschiedlichen Möglichkeiten der Instrumente zu einer feinfühligen Verbeugung vor Messiaens 'Quatuor pour la fin du temps', die sich nicht nur in der Wahl der Besetzung, sondern auch im Umgang mit Farbflächen, harmonischer Disposition und Melodiesplittern abzeichnet. Die Angabe zu den Interpreten dieser besonders schönen Aufnahme fehlt bedauerlicherweise im Booklet und lässt sich nur partiell anhand der Auflistung sämtlicher Musiker erschließen.

Den Rahmen für die drei klanglich außerordentlich intimen Kammermusikwerke bilden zwei groß besetzten Kompositionen. 'Voyage VIII' für Tuba und Ensemble (2006), dargeboten unter Leitung von Peter Rundel mit dem Solisten Melvyn Poore (Tuba), folgt dem Atemrhythmus des Solisten: Zu Beginn und an zentralen Ruhepassagen ganz deutlich durch ein- und ausströmendes Luftgeräusch markiert, dient der hieraus entstehende weiträumige Rhythmus als roter Faden, an den klanglich komplexere Ereignisse angelagert sind. Ähnlich funktioniert 'Voyage X – Nozarashi' für die japanische Flöte Shakuhachi und Ensemble (2009), das den Abschluss der CD bildet. Weitaus deutlicher als im eröffnenden Schwesterwerk entpuppt sich das Ensemble hier als Erweiterung des Soloinstruments: Unter Leitung von Ilan Volkov entfalten die Musiker Farbwerte von sehr unterschiedlicher Klang- oder Geräuschqualität, die sich als räumliche Verdichtungen des von Tadashi Tajima vorgetragenen Shakuhachiparts wahrnehmen lassen und zeitweise bis hin zu massiven Klangkomplexen anwachsen, dabei aber nie ihre Bindung an den Atem verlieren.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hosokawa, Toshio: Voyage VIII und andere Werke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
06.11.2015
56:51
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228686029
WER 68602


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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