> > > Wagner, Richard: Die Meistersinger von Nürnberg
Freitag, 5. März 2021

Wagner, Richard - Die Meistersinger von Nürnberg

Meisterlich leuchtend


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Orfeos Serie Bayreuther Festspiele Live folgt die nächste gut restaurierte 'Meistersinger'-Veröffentlichung, die unter dem Dirigat von Knappertsbusch musikalisch bis heute Maßstäbe setzt.

Am 23. Juli 1960 waren es insbesondere zwei Persönlichkeiten, welche die Eröffnung der Bayreuther Festspiele durch die Wiederaufnahme der 'Meistersinger von Nürnberg' in der Inszenierung von Wieland Wagner zum besonderen Erlebnis werden ließen: zum einen Josef Greindl, der sein mehr als erfolgreiches Rollendebüt als Sachs gab, zum anderen Hans Knappertsbusch, der erstmalig diese Produktion dirigierte. Heute vor allem noch unerreicht in seiner 'Parsifal'-Interpretation, beweist Knappertsbusch in diesem Mitschnitt, dass ihm auch Richard Wagners einzige ‚große komische Oper‘, bei allem nicht zu verleugnenden Pathos überaus amüsant und humorvoll gelingt.

Gründe genug, den Wert dieses Mitschnittes hoch einzuschätzen. Die Aufnahme, welche bislang nur beim Label Myto vorlag, ist im Rahmen der Serie ‚Bayreuther Festspiele Live‘ von Orfeo restauriert wiederveröffentlicht worden. Wie man es vom Label gewohnt ist, bedeutet dies klanglich gesehen eine deutliche Verbesserung, Orchester und Stimmen beeindrucken mit Präsenz und Transparenz. Gleichwohl sind die Störgeräusche immer noch ein großes Problem der alten Bayreuther Mitschnitte; konkret ist es speziell das Geflüster des Souffleurs, welches sich nicht selten doch recht störend auf das Hörvergnügen auswirkt. Mag man ferner einen absolut unpassenden CD-Wechsel im Finale des ersten Aktes verkraften, sind die positiven Aspekte der Edition hervorzuheben. Hier sei insbesondere auf das exzellente dreisprachige Booklet verwiesen, welches nicht nur anhand von Schwarzweiß-Fotos Wieland Wagners Bühnenbilder wie auch seine Personenkostümierung nachvollziehen lässt, sondern auch tiefe Einsichten in das Konzept des Wagnerenkels unter Berücksichtigung seines Aufsatzes ‚Denkmalschutz für Wagner?‘ ermöglicht. Abgerundet wird das Booklet durch eine Fülle von Einblicken in die zeitgenössische Rezeption sowie einer obligaten Werkzusammenfassung.

Improvisation statt Präzision

Auf musikalischer Ebene wird man des Weiteren mit bester Wagner-Interpretation verwöhnt. Es ist zweifellos besonders die Präsenz von Hans Knappertsbusch, welche Grund genug ist, diesen Mitschnitt in keiner 'Meistersinger'-Sammlung zu vernachlässigen – hier wurde wahrlich eine der eigenwilligsten Interpretationen dieses Werkes verewigt. Der große ‚Kna‘ war bekanntlich kein Freund von Proben; entsprechend improvisatorisch wirkt die Einspielung. Bei aller vermeintlichen Überemphase mit zum Teil überzogen langatmig wirkenden, breiten Tempi, sorgen die großen musikalischen Bögen dennoch für absolut schlüssigen Zusammenhalt dieser Mammutoper. Nein, Präzision ist sicher nicht das primäre Ziel, welches verfolgt wird, was man etwa in einer der langsamsten Prügelfugen aller Zeiten nachhören kann, die trotz des zurückgenommenen Tempos lange nicht an Genauigkeit gewinnt. Doch wenn man am Ende des Vorspiels zum ersten Akt das so intelligente Wechselspiel zwischen Zweiunddreißigstel-Sextolenketten in den Streichern gegen die Viertel-Tuttischläge im übrigen Orchester vernimmt, muss man festhalten, dass in der epischen Leseart mittels mächtigem Orchesterklang und atmender Agogik eine Ekstase entfacht wird, die heutige Interpretationen in der Regel nicht erreichen.

Dem meisterlichen Dirigat steht ein eindrucksvoll flexibles Sängerensemble gegenüber, das in diesem Mitschnitt insbesondere durch die darstellende Leistung beeindruckt. So ist in kaum einem anderen Opern-Mitschnitt die Regie Wieland Wagners so eindringlich rein auditiv wahrzunehmen – der Zuhörer kann die Personenregie vor dem inneren Auge bestens imaginieren.

Auf gesanglicher Ebene ist an erster Stelle Josef Greindl als Hans Sachs zu nennen, vielleicht einer der besten Darsteller dieser heiklen und vielschichtigen Partie. Mit seiner resonanzreichen Stimme ist er sicher kein lyrischer Poet, sondern bleibt vielmehr der Schuster, der in beiden großen Monologen allerdings zu solch tiefer Reflexion fähig ist, dass die Ambivalenz zwischen Schuhmacherei und Poeterei exzellent zur Geltung kommt.

Selig, süß und aufmüpfig

Die kongeniale Elisabeth Grümmer beweist einmal mehr, dass sie in nahezu jeder Rolle, die sie verkörperte, zu einer Referenz geworden ist. Der Klangschönheit und Beseeltheit einer Gundula Janowitz oder Helen Donath, welche die Rolle der Eva ebenso exzellent interpretierten, kann Grümmer im Gegenzug auch ein variables Vibrato entgegensetzen, welches nicht nur beständig süß, sondern hier und da gezielt aufmüpfig aufblitzt. Allein wie sie das Quintett 'Selig, wie die Sonne' eröffnet, darf mit ihrer zarten Innigkeit auf den weichen Pianissimo-Tönen und der feierlichen Zelebration auf den hohen Spitzentönen als Glanzleistung bezeichnet werden.

An ihrer Seite ist Wolfgang Windgassen ein gewohnt guter Partner, der sowohl als unbelehrter Jüngling, verzweifelter Geschmähter wie auch leuchtender Werbesänger zu überzeugen weiß, wenngleich die Rolle des Stolzing unter den Wagner-Partien sicherlich nicht seine Paradedisziplin war. Gerhard Stolze wiederum gibt, anders als in seinen fragwürdigen Interpretationen als Mime oder Loge, einen vortrefflichen David – dies ist seine vielleicht beste Wagnerfigur, wobei er sowohl sarkastisch spöttelnd als auch im Quintett sauber intonierend lyrisch zu unterstützen versteht. Karl Schmitt-Walter überzeugt derweil als Darsteller, weniger hingegen als Sänger. Ihm ist zugute zu halten, dass er aus der Partie des Beckmessers keine rein parodistisch angelegte, geckige Witzfigur macht; stimmlich jedoch offenbaren das wenig kontrollierte Vibrato wie auch das Pressen der hohen Töne deutliche Defizite. Der Rest des Ensembles kann das hohe Niveau halten, erwähnt sei hier speziell Theo Adam, einige Jahre später als Sachs zu hören, welcher einen dominanten und gewichtigen Pogner gibt.

Alles in allem ist diese Meistersinger-Aufnahme eine mehr als nur meisterliche Einspielung, die auf musikalischer Ebene heutige Interpretationen in die Schranken zu weisen vermag und dank der Bemühungen von Orfeo nun endlich auch in einer sehr schönen Edition vorliegt. Gleichwohl ist es eine sehr eigensinnige Interpretation, für einen Neueinsteiger dadurch ein ‚nice to have‘, für den Kenner aber umso mehr ein ‚must have‘.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Die Meistersinger von Nürnberg

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
4
20.08.2015
Medium:
EAN:

CD
4011790917429


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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