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Mittwoch, 17. Oktober 2018

Gebel, Franz Xaver - Streichquartette

Unterschätzter Unbekannter?


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer kennt Franz Xaver Gebel? Ist seine Musik so wertvoll, wie zeitgenössische Kritiker behaupten?

"Unter allen zeitgenössischen Komponisten von Kammermusik kenne ich keinen einzigen, der sich mit Herrn Gebel vergleichen, geschweige denn, an ihn heranreichen könnte. Ein solches Urteil mögen viele vielleicht für zu kühn halten. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass Herrn Gebel nur die Gelegenheit fehlt, europäische Berühmtheit zu erlangen. Ich hoffe, dass alle, die seine Musik hören, meine Überzeugung teilen werden." Der Musikkritiker Nikolaj Aleksandrovic Mel´gunov lobte die Musik Franz Xaver Gebels (1787-1843) in der Kritik eines Konzertes am 1.12.1834 in Moskau überschwänglich. Lag dies nur daran, dass Mel´gunov zu dieser Zeit Musiktheorieschüler Gebels war, oder haben wir alle bisher etwas verpasst? Denn den wenigsten wird die Musik Gebels bekannt sein. Bisher gibt es auf dem CD-Markt nur eine CD mit einigen seiner Streichquintetten (Ensemble Concertant Frankfurt - MDG). Das Hoffmeister Quartett, dem wir zuletzt die Wiederentdeckung von Anton Ferdinand Titz verdanken, hat nun zwei der angeblich mindestens drei Streichquartette ausgegraben und eingespielt.

Wer aber war Franz Xaver Gebel? Geboren wurde er in Fürstenberg bei Breslau in Schlesien. Wie viele schlesische Musiker ging er zur Ausbildung nach Wien. Dort waren Georg Joseph Abbé Vogler und Johann Georg Albrechtsberger seine Lehrer. Nach ein paar Jahren als Kapellmeister am Leopoldstädter Theater in Wien kam er 1817 nach Moskau und verdiente dort als einer von vielen gutbezahlten deutschen Musiklehrern für die russische Oberschicht den Lebenshalt für seine zehnköpfige Familie. Von 1829 veranstaltete er die erste private Kammermusikreihe Moskaus auf Subskriptionsbasis, in der neben der Musik seiner Vorbilder der Wiener Klassik, vor allem Beethovens, auch viele seiner eigenen Werke erstmals mit großem Erfolg aufgeführt wurden. Dafür komponierte er, dem Vorbild George Onslows und Luigi Boccherinis folgend, vor allem Streichquintette mit zwei Celli, da er mit dem ersten Cello und der ersten Geige zwei gleichwertige Partner hatte, die sich seine wunderschönen Melodien gegenseitig zuspielen konnten. Nur wenige Werke Gebels wurden gedruckt, vor allem ein Großteil seiner Kammermusik mit Klavier - er selbst war Pianist - gilt heute als verschollen. Auch von den Streichquartetten war lange nur ein Druck bekannt, bis das Hoffmeister Quartett durch Zufall auf ein weiteres Werk stieß.

Das erste Quartett dieser CD trägt keine Opusnummer, entstand aber wahrscheinlich noch in Gebels Wiener Zeit, da es bereits 1817/18 bei Peters in Leipzig erschien. Es orientiert sich deutlich an Gebels klassischen Vorbildern und enthält zahlreiche schöne Kantilenen über einfachen Begleitmustern und den einen oder anderen opernhaften Überraschungseffekt. Allerdings reiht Gebel die unterschiedlichen Satzabschnitte fast immer etwas ungeschickt aneinander. Vieles wirkt ein wenig konstruiert und inhaltsleer. So erfreuen den Hörer zwar immer wieder schöne Stellen, ein großer Bogen stellt sich aber trotz des souveränen Spiels des Hoffmeister Quartetts nicht ein. Das andere Quartett, das erst 1840 in Moskau gedruckt wurde, wirkt da etwas reifer. Die Sätze sind kompakter gehalten, die Einzelstimmen zum Teil deutlich virtuoser als beim ersten Quartett. Wie bei den Quintetten sind die erste Violine und das Cello die Hauptmelodieträger. Ungewöhnlich ist das Minuetto des dritten Satzes, das in seiner Gestik fast barockisierend daherkommt, und das Trio, das ein reines Imitationsfestival darstellt. Einen Bogen zu seiner neuen russischen Heimat schlägt er im Finalrondo mit einem lied- oder choralhaften Thema. Das informative, nicht besonders dicke Booklet spricht hier von Anklängen an ein russisches Volkslied.

"Ich glaube, dass nach Beethoven - übrigens ohne sich mit diesem vergleichen zu können - Herr Gebel in der Quartettmusik am höchsten steht." Dieses weitere Urteil Mel´gunovs kann ich nach dem Anhören dieser beiden Quartette zwar leider nicht bestätigen. Dass sich eine Beschäftigung mit Gebels Kammermusik aber trotzdem lohnt, zeigt aber die oben erwähnte Einspielung seiner Quintette. Diese CD ist somit wohl hauptsächlich etwas für Entdecker und Sammler unbekannter Werke.

Christian  Starke Kurzkritik von Christian Starke,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gebel, Franz Xaver: Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
14.08.2015
EAN:

881488150315


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
PROFIL: Ein Programm - eine Verpflichtung aus Tradition!


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