> > > Alyabyev, Alexander: Kammermusikwerke
Mittwoch, 18. Oktober 2017

Alyabyev, Alexander - Kammermusikwerke

Russischer Klassiker


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Beethoven Trio Bonn stellt bislang unbeachtete russische Kammermusik des frühen 19. Jahrhunderts vor. Das Ergebnis ist sehr ansprechend.

Die Herausbildung sogenannter Nationalen Schulen etwa Mitte des 19. Jahrhunderts rückte aus zentraleuropäischer Perspektive, zumal der deutsch-österreichischen Musiktradition, manches ins Blickfeld, was bis dahin terra incognita gewesen war. Auf einmal hatten Länder ‚ihre‘ Musik, von denen bislang kaum Notiz genommen worden war. Allerdings konnte dabei leicht vergessen werden, dass es in den betreffenden Ländern auch vorher schon Kunstmusik gab, die in Bezug auf die Musikpraxis wenn nicht kosmopolitisch, so doch wenigstens ohne nationale Scheuklappen angelegt war.

So mag es auf den ersten Blick überraschen, dass es in Russland vor Glinka schon Musik gab. Natürlich ist diese Überraschung, wenn man darüber nachdenkt, vollkommen absurd, denn selbstverständlich gab es in Russland auch vor der hierzulande als typisch russisch wahrgenommenen Musik schon Komponisten. Doch diese sind hier nahezu unbekannt. Das Beethoven Trio Bonn lüftet mit seiner neuen CD diesen Schleier und gibt den Blick frei auf einen Komponisten, der in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durchaus eine Rolle spielte – und mit einem ‚Evergreen‘ sogar in den Musikzentren Europas landen konnte. Die Rede ist von Alexander Aljabjew (1787-1851).

Der im sibirischen Tobolsk geborene Komponist hatte einen interessanten Lebenslauf. Sein begüterter Vater gründete in Alexanders Geburtsstadt als kunstliebender Mäzen ein Theater, später zog die Familie nach St. Petersburg und Moskau, wo Alexander seine musikalischen Kenntnisse stetig ausbauen konnte. Er ging zum Militär, zog in den Krieg gegen Napoleon, wurde verwundet und dürfte gerade mal 36-jährig in den Ruhestand treten. Vor allem in der Folgezeit entstanden zahlreiche Werke. Doch einer musikalischen Karriere in Moskau machte dem Komponisten seine Leidenschaft fürs Spiel ein Kreuz durch die Rechnung. Bei einem Handgemenge am Spieltisch kam es zu einem Todesfall, Aljabjew wurde mehrere Jahre inhaftiert, des Mordes verurteilt und konnte fortan nicht mehr öffentlich auftreten. Nach seinen Verbannungsjahren in Sibirien konnte er jedoch wenigstens wieder in Moskau wohnen. So viel zu den äußeren Umständen seines Lebensweges.

Das Beethoven Trio Bonn hat sich Kammermusikwerken Alexander Aljabjews angenommen. Auf der bei Avi-music erschienenen CD sind eine dreisätzige Violinsonate e-Moll, ein ebenso umfangreiches Klaviertrio a-Moll sowie zwei Einzelsätze zu hören, wovon einer für Klaviertrio, der andere für Klavierquintett angelegt ist. Bei beiden handelt es sich um frühe Werke des Komponisten, die als selbständige Sonatensätze für sich stehen können – auch wenn dem Klaviertrio-Satz Es-Dur der Beiname ‚Unvollendet‘ mitgegeben worden ist. Stilistisch decken die vier Werke eine große Spannweite im (tonsprachlich allerdings doch recht homogenen) Schaffen Aljabjews ab: In den frühen Einzelsätzen zeigt sich ein mit dem Klavier virtuos umgehender Komponist, der eingängige Themen in der Nachfolge deutsch-österreichischer Vorbilder zu entwerfen versteht, wobei in diesen Werken schon noch deutlich Schematisches und Vorgeprägtes zu finden ist. Typische Skalengänge, sequenzierte Modelle in der überraschungsarmen Durchführung des Es-Dur-Klaviertrios und etwas zum Salonhaften hin schielende Kantilenen. Doch wird eine solche Beschreibung der Musik gerecht? Mehr noch: Geht sie nicht von falschen Prämissen aus – einer Originalitätsästhetik nämlich –, der sich Aljabjew gar nicht verpflichtet sah? Denn wenn man mal den Vergleich zu Beethoven und Schubert beiseitelässt (die im Booklet explizit angesprochen werden), dann zeigt sich ein Komponist im Prozess der Reifung, der mit dem Material kundig und auf ansprechende Weise umgeht. Das wohl erst später entstandene 'Grand Trio' a-Moll präsentiert ihn dann als voll entwickelten Komponisten von Format, der als gelernter Pianist die Streichinstrumente souverän zum Einsatz zu bringen versteht.

Das Beethoven Trio Bonn legt sich in der (mittlerweile an der Klavierposition veränderten) Besetzung mit Mikhail Ovrutsky (Violine), Grigory Alumyan (Cello) und Rinko Hama (Klavier) für Alexander Aljabjew kräftig ins Zeug. Im Quintett werden die Musiker unterstützt von Artur Chermonov (Violine) und Vladimir Babeshko (Viola). Die Pianistin Rinko Hama verfügt über die technische Klasse, den von Aljabjew gestellten Ansprüchen vollauf gerecht zu werden, gleichzeitig spielt sie sich nie in den Vordergrund. Selbst in der Sonate für Klavier und obligate Violine, in der das Klavier klar die Vorreiterrolle hat, ist das Musizieren auf Dialog hin ausgelegt. Die Kammermusikpartner spielen sich die Bälle zu und sorgen für ein dichtes Musikerlebnis; da gibt es keine Durchhänger, sondern mit Innigkeit gesungene Linien, die von den Ensemblekollegen bruchlos aufgenommen und weitergeführt werden.

Natürlich würde eine Musik, wie Aljabjew sie schreibt, von Musikern, die durch die Schule Alter Musik gegangen sind, anders aufgefasst werden, vielleicht luftiger, vielleicht mit schärferen Kontrasten (die allerdings bei Aljabjew keine so große Rolle spielen), sicherlich in einem deutlich kurzatmigeren Duktus der Phrasierung. Aber der lyrische Charakter dieser Musik lässt die intensiven Spannungsbögen, das mit leiser Emphase erfüllte instrumentale Singen, das von dem fabelhaften Beethoven Trio geboten wird, als goldrichtig erscheinen. Denn so kommen die Qualitäten der Werke am besten zum Vorschein. Das ist das große Verdienst des Ensembles, das mit dem Programm übrigens eine Ersteinspielung realisiert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Alyabyev, Alexander: Kammermusikwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
16.10.2015
EAN:

4260085533381


Cover vergössern

Interpret(en):Beethoven Trio Bonn,


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Klangbilder aus Osten: Viola Wilmsen und Kimiko Imano erschließen neue Welten Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Allrounder: Das Werk Thorsten Enckes wird hier in eindrücklichen Ausschnitten vorgestellt. Die musikalische Umsetzung wird höchsten Ansprüchen gerecht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Für kleine Leute: Lars Vogt spielt Larcher, Schumann und Bartók und nimmt die kleinen Preziosen als Komposition ernst. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Florian Schreiner:

  • Zur Kritik... Wiederentdeckung des Gesangs: Das Ensemble Armoniosa bringt Giovanni Benedetto Plattis Triosonaten zum Funkeln. Mitreißend vom ersten bis zum letzten Ton. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Elegische Ströme: Atvars Lakstigala und das Liepaja Symphony Orchestra spüren den Spannungswellen der drei hier aufgenommenen Orchesterwerke von Peteris Vasks feinfühlig nach. Allerdings überzeugt nicht jedes Werk gleichermaßen. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
  • Zur Kritik... Auf Gipfelkurs: Die bei Carus erschienene 4-CD-Box mit Instrumentalkonzerten und Orchesterwerken der vier Bach-Söhne gehört zu den reizvollsten Einspielungen in der üppigen Diskographie des Freiburger Barockorchesters. Weiter...
    (Florian Schreiner, )
blättern

Alle Kritiken von Florian Schreiner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Beethoven für Millennium Snowflakes: Nun also Lars Vogt im New Millennium Look, zusammen mit der Royal Northern Sinfonia aus Sage, Großbritannien. Das Orchester dirigiert er gleich selbst. Irgendwie selbstverständlich in unseren DIY-Zeiten. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Ein Weihnachtsoratorium: Das Engagement der Ensembles und des Dirigenten für dieses noch immer selten gespielte Weihnachtsoratorium von Graun ist hocherfreulich und verdienstvoll. Vermutlich wird nichts Kanonisches ersetzt. Eine lohnende Alternative ist es dennoch. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Elspeth Wyllie & Friends: Ein Debüt-CD wie eine Küchen-Party: Eine schottische Pianistin lädt ihre Freundinnen ein, und jede bringt etwas anderes mit. Nicht alles ist gleich gut gelungen, manches aber hervorragend. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (10/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Gaetano Donizetti: Streichquartett Nr. 1 in Es-Dur - Minuetto: Presto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich