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Dienstag, 16. August 2022

Fitzenhagen, Wilhelm - Cellokonzerte

Opernhafte Dramatik


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Cellist Alban Gerhardt und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Stefan Blunier machen die anspruchsvollen Solowerke von Wilhelm Fitzenhagen in zu einem Hör-Abenteuer.

Die Aufnahme wird von einem elektrisierenden, durch Akkorde gestützten Beginn im Orchester eröffnet, dem sich fast sofort der Celloeinsatz anschließt: Über einem regelmäßig getupften Akkordteppich der Streicher schwingt sich der Solist nach oben, stimmt zwischen Arpeggien und Passagenwerk Fragmente einer Kantilene an und lässt sein Spiel dann nach einer Weile endlich ins zweite Thema münden, dessen Kantabilität sich weich verströmt. Voller Energie steckt Alban Gerhardts Vortrag des Violoncellokonzerts Nr. 1 h-Moll op 2 (1870) von Wilhelm Fitzenhagen (1848–1890), und man merkt deutlich, dass ihm diese Musik liegt. Der Solopart wird mit viel Liebe zur Präsentation virtuoser Passagen umgesetzt, aber auch das manchmal überschäumende Pathos der Musik tritt deutlich hervor – und zwar auch auf Seiten des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, das hier unter Leitung von Stefan Blunier musiziert. Genau dieses Pathos, den Überschwang und die Übertreibung, benötigt diese Musik: Es ist ihre Nähe zur Dramatik der Opernbühne, die hier in den Fokus rückt, die Integration von Rezitativen, der Umschlag in divenhaften Gesang, die dramatischen Verwicklungen: all dies mit vielen abwechslungsreichen Wendungen, wie sie beispielsweise auch für die als Überleitung zum langsamen Werkteil dienenden Kadenz typisch sind.

Fitzenhagen, begnadeter Cellist und bedeutender Lehrer am Moskauer Konservatorium, überrascht bereits in seinem Konzerterstling durch seine Kennerschaft in Bezug auf die Kalkulation dramatischer Wirkung der Musik. Aber auch das Violoncellokonzert Nr. 2 a-Moll op. 4 (1873) belegt das glückliche Händchen, das der Komponist bei Wahl und Einsatz musikalischen Mittel an den Tag legte. Und auch hier erzielt er eine Atmosphäre, die den Eindruck von kondensierter Bühnendramatik hinterlässt. Eine wahre Freude ist es, der differenzierten Gestaltung Gerhardts zu lauschen, seiner Einfärbung der Kantilenen durch feine Vibratonuancen, aber auch dem brillanten Zugriff auf die bisweilen eminent hohen technischen Anforderungen, mit denen Fitzenhagen den Solopart gelegentlich zur Zumutung werden lässt. Blunier setzt diesem Zugriff des Solisten eine geschickte Verwendung des Orchesters als Farbpalette entgegen und unterstützt Gerhardts Spiel zudem durch eine in Bezug auf die sich ständig wandelnde Gewichtung zwischen begleitende und solistisch Orchesterstimmen klare Darstellung. So lebt beispielsweise der Beginn des a-Moll-Konzerts zunächst von ständigen Klang- und Ausdruckswechseln in Orchester und Solopart, an dessen Ende erst die Findung des Hauptthemas steht, bei der wiederum der harmonische Klangteppich der Streicher mit Einsprengseln der Bläser vermischt ist.

Neben der vorwiegend auf Kantabilität setzenden 'Resignation' op. 8, von Fitzenhagen als ‚geistliches Lied ohne Worte‘ beschrieben, und dem als 'Ballade' betitelten Concertstück op. 10 (1875), das in puncto Schwierigkeit und Anspruch dem h-Moll-Konzert in nichts nachsteht, beinhaltet die CD noch Fitzenhagens Version der 'Variationen über ein Rokoko-Thema' op. 33 von Peter Tschaikowsky. Auf Bitten des Komponisten hatte sich der Cellist mit dem Variationswerk befasst und dabei eine ganze Reihe von Revisionen vorgenommen, die jedoch weit über die von Tschaikowsky erhofften Korrekturen des Celloparts hinausgingen. Dieses Verhalten stufte der Komponist später als selbstherrlich ein, da Fitzenhagen nicht nur die bei Tschaikowsky an achter Stelle stehende Variation vollständig eliminierte, sondern auch die dritte Variation an sechste und die siebte Variation an dritte Stelle setzte, während ihm die vierte als Abschluss diente. Zusammen mit einer Verlagerung der Kadenz sowie zusätzlich eingefügten Passagen und Tempowechseln erhielt das Werk dadurch eine völlig neue Gestalt, die allerdings – das macht die hier mit reichlich Verve, viel Einfühlungsvermögen, aber auch mit feinsinnigen dramatischen Volten eingespielte Fitzenhagen-Fassung unmissverständlich deutlich – dramaturgisch weitaus schlüssiger und musikalisch wirkungsvoller geraten ist als das Original.

Insgesamt hat das Label Hyperion also mit dem siebten Teil seiner CD-Reihe ‚The Romantic Cello Concerto‘ eine ebenso erfreuliche wie aufschlussreiche Produktion vorgelegt. Die Veröffentlichung ist eine Empfehlung für all jene Hörer, die sich für die Geschichte des (Violoncello-)Konzerts im 19. Jahrhundert interessieren und die – wie ich – immer wieder einmal die Frage aufwerfen, warum das in unseren Konzertsälen erklingende Repertoire so stark beschränkt ist, wo es doch offensichtlich daneben noch viel lohnenswerte Musik zu entdecken gibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Fitzenhagen, Wilhelm: Cellokonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
02.10.2015
Medium:
EAN:

CD
034571280639


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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