> > > Weinberg, Mieczyslaw: Der Idiot
Donnerstag, 24. August 2017

Weinberg, Mieczyslaw - Der Idiot

Endlich!


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mieczysław Weinbergs Oper 'Der Idiot' wurde erst 2013 uraufgeführt. Der Mitschnitt aus Mannheim ist für Opernlieber ein Muss!

Fjodor Dostojewskis Roman vom Fürsten Myschkin, der nach einem fünfjährigen Aufenthalt sein Schweizer Sanatorium verlässt, um in die Intrigen der Petersburger Gesellschaft zu geraten, ist ein Stoff, der den polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg, der aus Nazi-Deutschland in die UdSSR geflohen war, intensiv beschäftigt hat. Weinberg blieb dort zeitlebens ein Außenseiter, der trotz eines umfangreiches Werkes  und offizieller Anerkennungen und Preise kaum Beachtung fand. Dimitri Schostakowitsch war zwar sein Freund und Mentor, in seinen Memoiren erwähnt er Weinberg jedoch nicht, wie überhaupt Weinberg selten Erwähnung findet. Als er 1996 starb, gehörte noch immer zu den großen unbekannten Komponisten.

Der Inhalt seiner letzten Oper, die in den Jahren 1986-87 fertiggestellt wurde, muss Weinberg besonders am Herzen gelegen haben, wird doch hier eines seiner Hauptthemen, das Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft, behandelt. Persönliche Isolation dürfte er zudem als Jude, als Nichtmitglied der Kommunistischen Partei und als ein zurückhaltender Mensch, der sich fernhielt von den Intrigen im Komponistenverband, zeitlebens erfahren haben.

Als hochgradig naiv, unschuldig, emphatisch ist Fürst Myschkin ein ‚im positiven Sinne schöner Mensch‘, wie Dostojewski selbst feststellte. In seiner naiven, unkonventionellen Art versucht er, die Menschen mit ihren Widersprüchen zu verstehen und ihnen zu helfen. Er scheitert jedoch und wird von der Gesellschaft als ‚Idiot‘ – in der Bedeutung eines weltfremden Außenseiters – belächelt. Am Ende versinkt er wieder in seinen Krankheitszustand der geistigen Isolation. ‚Die gesamte Bewegung des Buches gleicht einem ungeheuren Kratereinsturz‘, so Walter Benjamin.

Warum diese Oper erst im Jahre 2013 (!) am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt wurde, bleibt rätselhaft. Sie ist spannend, hat bei aller Modernität schöne Partien für alle Stimmlagen und bedient sich einer gemäßigt modernen Tonsprache, ohne jedoch jemals trivial zu sein. Die nun vorliegende sorgfältig edierte CD ist im Rahmen der Mannheimer Inszenierung entstanden, die von der Zeitschrift ‚Opernwelt‘ als Uraufführung des Jahres ausgezeichnet wurde. Zu recht, wie man nun hören kann. Dirigent Thomas Sanderling entfaltete einen intensiven musikalischen Erzählstrom.

Er hat das rechte Gespür fürs Ganze, beherrscht Dramaturgie und Stil und führt das glänzend disponierte Orchester des Nationaltheaters zu Höchstleistungen. Er deutet zudem Weinbergs Musiksprache völlig angemessen in Richtung spätromantischen Expressionismus, betont aber gleichzeitig Deutlichkeit und Transparenz des Klangbildes und macht so eine dialektische Qualität einer höchst ausdrucksstarken Anti-Expressivität hörbar, zu der Weinbergs Musik auch neigt.

Sanderling gehört zu den Dirigenten, die hörbar die Hände immer hoch in der Luft bei den Sängern haben, dabei aber das Orchester nicht vergessen. Das ist auch ungemein wichtig, da Weinberg mit Leitmotiven arbeitet, die den Figuren zugeordnet sind. Oftmals fungiert das Orchester quasi als ‚allwissender Erzähler‘. Das muss subtil mit den Sängern koordiniert werden, damit die beteiligten Instrumentalisten sich mit einer vokalen Beredsamkeit den Gesangsolisten nähern können. Und die zeigen durchweg eine überragende Leistung, wozu auch gehört, dass sie stellenweise zu instrumentalem Timbre tendieren. Juhan Tralla ist ein idealer Fürst Myschkin. Er versteht es vor allem in den Mittellagen, subtil zu differenzieren, ohne die Extrembereiche zu unterschlagen. Beängstigend singt Steven Scheschareq mit seinem Bass-Bariton die düsteren Seiten des Rogoschin. Überzeugend auch Ludmila Slepneva als Baraschkowa und Anne-Theresa Moller unterstreicht mit differenzierter Höhenschärfe den Charakter der Aglaja. Aber auch die anderen Solisten überzeugenden ohne Abstriche. Diese Einspielung ist für Opernliebhaber ein Muss!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weinberg, Mieczyslaw: Der Idiot

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
3
02.10.2015
EAN:

7619990103283


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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