> > > Weinberg, Mieczyslaw: Die Passagierin op.97
Sonntag, 21. Juli 2019

Weinberg, Mieczyslaw - Die Passagierin op.97

Operndokument ersten Ranges


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arthaus bringt eine Wiederveröffentlichung der szenischen Uraufführung von Mieczysław Weinbergs Oper 'Die Passagierin' auf den Markt.

Im Rahmen der Bemühungen, wenig bekannte ‚Ausgrabungsopern‘ des 20. Jahrhunderts auf die Bühne zu bringen, präsentierten die Bregenzer Festspiele im Jahr 2010 die erste Bühnenumsetzung der Oper 'Die Passagierin'. Geschrieben 1967/68 vom polnisch-russischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919–1996) und erst 2006 in Moskau in konzertanter Fassung uraufgeführt, hat das Werk innerhalb weniger Jahre eine rasante Karriere auf deutschen und internationalen Bühnen hingelegt und entwickelt sich bereits jetzt zu einem Repertoirestück. Basierend auf der 1962 erschienenen, gleichnamigen Romanvorlage der polnischen Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz, erzählt die Oper die Geschichte zweier Frauen, der einstigen KZ-Aufseherin Lisa und der Gefangene Marta, die sich zufällig Ende der 1950er Jahre auf dem Deck eines nach Brasilien fahrenden Schiffes begegnen. Diese Begegnung ruft die Ereignisse der Vergangenheit wieder wach, so dass sich das gegenwärtige Szenario musikalisch wie szenisch immer wieder mit dem der Vergangenheit verschränkt: Die Schiffssirene wird zur Lagersirene, die Kajüte zur Baracke, die Salonkapelle zum Lagerorchester, und hinter der Wiederbegegnung beider Frauen wird zudem allmählich eine grausam zu einem Ende gebrachte Liebesgeschichte enthüllt.

Dass Weinbergs ausdrucksreiche, aber die Tonalität nie verlassende Musik in der Sowjetunion, wohin der Komponist vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, lange Zeit über repressiv behandelt wurde, mutet heute grotesk an und gehört wohl zu den denkwürdigsten Fehleinschätzungen der jüngeren Musikgeschichte. Die vorliegende DVD-Veröffentlichung von Arthaus – Wiederauflage einer bereits 2010 bei NEOS veröffentlichten und mittlerweile nicht mehr erhältlichen Produktion – ist ein Dokument ersten Ranges, weil sie die denkwürdige Bregenzer Inszenierung von David Pountney in Bild und Ton festhält. Charakteristisch hierfür ist eine präzise Figurenzeichnung, die in einen spannungsvollen Handlungsablauf eingepasst wird, unterstützt von einem durchdachten zweigeschossigen Bühnenbild, in dessen oberen Teil Johan Engels den Dampfer abbildet, während das untere Geschoss dem Konzentrationslager gewidmet ist. Bereits die musikalische Realisierung erweist sich als beachtlich: Gemeinsam mit den Wiener Symphonikern und dem Philharmonischen Chor Prag arbeitet Dirigent Teodor Currentzis die instrumentalen und vokalen Linien klar und plastisch heraus und überzeugt ohnehin – wie bereits das kurze, kontrastreiche Orchestervorspiel verdeutlicht und die differenziert dargebotenen KZ-Sequenzen nachdrücklich unterstreichen – durch eine scharfe musikalische Beobachtungsgabe, mit welcher er sowohl die Abfolge von Rezitativen, solistischen Nummern, Chorgesang und orchestralen Einschübe als auch die zahlreichen musikalischen Details all dieser Passagen gestaltet.

Doch auch die Protagonisten – allen voran Michelle Breedt als Lisa, Elena Kelessidi als Martha, Artur Rucinski als Tadeusz und Roberto Saccá als Walter – geben sich keinerlei Blöße und fügen sich nahtlos in die Gesamtheit ein. Besonders schön ist dies, weil Gesang und Schauspiel dadurch als Einheit erscheinen, die sich durch präzise Setzung von gestischen und mimischen Aktionen auszeichnet und auch dort überzeugt, wo sie plötzlich in reflexiven Stillstand mündet. Außergewöhnlich gut sind all diese Momente auch in der Videoregie von Felix Breisach eingefangen. Daher bleibt die Produktion weiterhin empfehlenswert, zumal die Neuauflage neben der Oper selbst (mit einer Spielzeit von 161 Minuten) auch die informative 20-minütige Dokumentation ‚In der Fremde‘ (in englischer und deutscher Sprache) bietet. Allein das Booklet zeugt von keinem besonders großen Ehrgeiz, da es über einen wohl eher als Presseankündigung gedachten Text zur Bregenzer Produktion von einer Seite Umfang samt einiger Bühnenfotografien lediglich Dmitri Schostakowitschs Kommentar zur Veröffentlichung des Klavierauszugs von Weinbergs Werk aus dem Jahr 1974 enthält. Hier hätte man dem Käufer wirklich etwas weitergehende Informationen bieten können.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weinberg, Mieczyslaw: Die Passagierin op.97

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
2
30.10.2015
Medium:
EAN:

DVD
807280907995


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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