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Montag, 4. Juli 2022

Huppertz, Gottfried - Die Nibelungen

Ein Meisterwerk der Stummfilmzeit


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Gesamteinspielung der Musik zu Fritz Langs 'Die Nibelungen' zeigt den Komponisten Gottfried Huppertz als Meister seines Faches.

Die umfangreichen Orchesterpartituren, die der Komponist Gottfried Huppertz (1887-1937) für die Filme von Fritz Lang schrieb, gehören zu den absoluten Glücks- und Ausnahmefällen aus dem Bereich der Stummfilmmusik. Der Dirigent Frank Strobel, der sich diesem Repertoire mit Leidenschaft widmet, hat nun nach seiner 2011 bei Capriccio veröffentlichten vollständigen Neuaufnahme der rekonstruierten Originalpartitur zum Filmklassiker ‚Metropolis‘ (1927) auch die monumentale Partitur zu Langs Zweiteiler ‚Die Nibelungen‘ (1924) vorgelegt. Die Einspielung mit dem glänzend aufgelegten und klanglich brillierenden hr-Sinfonieorchester, 144 Minuten Spielzeit für ‚Siegfried‘ und 126 Minuten Spielzeit für ‚Kriemhilds Rache‘ umfassend, ist in einer mit ausführlichem Booklet ausgestatteten 4-CD-Box bei Pan Classics erhältlich.

Dass die Musik auch ohne Langs Filmbilder ihre Wirksamkeit nicht verfehlt, liegt daran, dass Huppertz sie als Aneinanderreihung plastischer Szenen anlegt, deren inhaltliche Aspekte – in der Titelliste ausführlich referiert – die Imaginationsfähigkeit des Hörers herausfordern, so dass man stellenweise tatsächlich meint, das Geschehen vor dem inneren Auge ablaufen zu sehen. Überraschend ist aber auch, wie stark Huppertz in Bezug auf harmonische Verbindungen und melodische Momente einiges von dem vorwegnimmt, was sich im Laufe des 20. Jahrhunderts im Bereich der Filmmusik als stilbildend eingebürgert hat. Insgesamt setzt der Komponist häufig die Mittel musikalischer Malerei ein, um die charakteristische Atmosphäre der jeweiligen Filmszenen einzufangen. Sequenzen wie 'Hochwald – Waldsee – Jagd' aus dem 6. Gesang von ‚Siegfried‘ erweisen sich als perfekt instrumentierte, in ihrer klanglichen Wirkung genauestens kalkulierte Stimmungsbilder, deren Klangpracht nicht selten an die Orchesterwerke von Richard Strauss gemahnt, darüber hinaus aber auch hohes Maß an künstlerischer Eigenständigkeit wahrt.

Viele Feinheiten und Spezifika des Huppertz’schen Stils lassen sich sehr gut studieren, wenn es, wie in der Sequenz 'Burggarten – Kriemhild und Siegfried' aus dem 5. Gesang von ‚Siegfried‘, in der Musik um das Verhältnis zwischen den Liebenden geht. Sie treten aber auch dort hervor, wo der Komponist, etwa im 1. Gesang von ‚Kriemhilds Rache‘, mit Akkordballungen arbeitet und ein Netz von Leitmotiven und harmonischen Querverbindungen auszuwerfen beginnt. Dass es darüber hinaus immer wieder auch Sequenzen mit präzise eingestreutem szenischem Kolorit gibt – beispielsweise wenn es sich um die musikalische Darstellung von Tanzeinlagen oder Spielmannsliedern handelt –, gibt dem Komponisten weitere Gelegenheiten, seine Klangfantasie auszuleben. Strobels Wiedergabe der Partituren überzeugt durch einen überlegten Zugang, der einerseits den dramatischen Facetten der Partituren nachspürt und dabei viel Wert auf die Darstellung übergeordneter Zusammenhänge motivischer oder harmonischer Art legt, andererseits aber auch die Musik atmen lässt, um die vielen atmosphärischen Momente ganz aus dem Klang heraus wirken zu lassen. Das Ergebnis ist erstaunlich kurzweilig und dürfte selbst denjenigen ansprechen, der sich nicht mit Filmmusik befasst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Huppertz, Gottfried: Die Nibelungen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
4
04.09.2015
Medium:
EAN:

CD
7619990103450


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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