> > > Lamsma, Simone: Violinsonaten von Mendelssohn und Schumann
Dienstag, 27. Juni 2017

Lamsma, Simone - Violinsonaten von Mendelssohn und Schumann

Zwingende Wiedergabe


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Geigerin Simone Lamsma und der Pianist Robert Kulek leisten bei der musikalischen Umsetzung dreier Sonaten Erstaunliches.

Als die junge niederländische Geigerin Simone Lamsma 2006 bei Naxos eine Einspielung mit Edward Elgars Werken für Violine und Klavier veröffentlichte, bescheinigte ich ihr eine anpassungs- und wandlungsfähigen Tongebung, gepaart mit großer Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen Ausdrucksnuancen der Musik. Nun – zehn Jahre und eine gleichfalls bei Naxos erschienene Einspielung dreier Violinkonzerte von Louis Spohr später – tritt Lamsma bei Challenge Classics mit einer Einspielung dreier sehr unterschiedlicher Violinsonaten als gereifte Kammermusikerin hervor und unterstreicht gemeinsam mit ihrem Partner, dem Pianisten Robert Kulek, dass sich das Warten gelohnt hat.

Am Beginn steht Felix Mendelssohn Bartholdys Jugendsonate F-Dur, die weniger als klassisch-ausgewogenes denn als genuin romantisches Stück interpretiert wird. Die Geigerin arbeitet nicht nur mit elektrisierendem Tonfall die gestischen Momente der Musik heraus, indem sie etwa das aufwärts strebende Thema des Kopfsatzes als prägnante Klangmarke in den Raum stellt oder im Finale die Akzente wie kleine Nadelstiche formt; durch Ausdrucksmittel wie Vibrato und Portamento schafft sie darüber hinaus auch dort intensive Momente, wo der Violinpart zugunsten des Klaviers stärker zurücktritt. Kuleks exzellenter pianistischer Vortrag trägt wesentlich dazu bei, dass sich das traumhaft sichere Zusammenspiel beider Partner immer wieder zu einem flexiblen, agogisch geformten Dialog auswächst. Ganz besonders ragt diesbezüglich der langsame Mittelsatz hervor, dessen unterschiedliche Facetten zwischen schwelgerischer Kantabilität, dramatischer Erregung und deklamierter Klage selten so ausgeprägt zu hören waren wie in dieser Aufnahme.

Weit stärker noch offenbaren sich die Qualitäten des Zusammenspiels bei der Wiedergabe von Leoš Janáčeks Sonate für Violine und Klavier (1914–22): Lamtsma und Kulek legen das diffizile Werk als Abfolge aufeinander bezogener Klangsituationen an, die sie – wie beispielsweise im zart und gelegentlich sogar fast schon zerbrechlich dargebotenen Mittelsatz – durch sorgfältig abgetöntes Spiel verändern und zu einem großen, die vier Sätze übergreifenden Ganzen verweben. Dabei erlangt die Musik große dramatische Intensität, wenn – wie im Kopfsatz – die Geigerin die Sprachnähe von Janáčeks betont und der Pianist die weiten dynamischen Bögen seiner atemlosen Tremoli an diesen Duktus anpasst. Aber auch dort, wo – wie im knappen Scherzo – das Aufeinandertreffen energetischer Passagen und lyrischer Momente auf engstem Raum inszeniert wird, kann die Musik vom Zusammenspiel und der klanglichen Imaginationsfähigkeit der Duopartner profitieren.

Schließlich bleibt auch Robert Schumanns Violinsonate Nr. 2 d-Moll op. 121 nicht ohne Überraschungen: Lamsma und Kulek gestalten die Komposition in Form eines musikalischen Psychogramms, in dem ein zwar zurückhaltender, aber aufgrund der zerrissenen Diktion auch extrem angespannter Tonfall vorherrscht. Dadurch wahren die Interpreten beispielsweise im Kopfsatz auch dort die Spannung, wo sie mit ihrem Spiel im Pianobereich verharren, was die immer wieder klanglich leuchtenden Ausbrüche melodischer Phrasen, die voller unerwarteter Wendungen steckende Durchführung oder die Steigerung im Zuge einer fast schon in Hyperaktivität umschlagenden Coda umso wirkungsvoller werden lässt. Auch in diesem Fall überzeugen die Partner mit einem Zusammenspiel, das – wie im scherzoartigen zweite Satz – den Momenten rhythmischer Prägnanz ein erstaunliches, völlig organisch aus den Impulsen der Musik herauswachsendes Maß an Agogik gegenüberstellt oder – wie im zarten dritten Satz – die melodischen Qualitäten beider Instrumente förmlich auf geradezu ideale Weise miteinander vermittelt.

Das Gesamturteil über diese auch in aufnahmetechnischer Hinsicht vollauf gelungene SACD fällt äußerst positiv aus: Es handelt sich um eine abwechslungsreiche Platte, die nicht nur von großem musikalischem und klanglichen Einfallsreichtum zeugt, sondern auch mit einigen ungewöhnlichen interpretatorischen Ideen aufwartet. Lamsma und Kulek legen bei der Gestaltung ihrer Werkauswahl eine erstaunliche Variabilität an den Tag und entwickeln für jede der drei Kompositionen eine zwingende Wiedergabe. Man wünscht sich daher sofort, das Duo möglichst bald wieder mit einer weiteren Einspielung hören zu können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lamsma, Simone: Violinsonaten von Mendelssohn und Schumann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
1
06.11.2015
EAN:

608917267723


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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