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Donnerstag, 21. März 2019

Mahler, Gustav - Symphonie Nr. 10

Klassizistischer Mahler


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung ist Mahler heute einer der populärsten Komponisten im symphonischen Repertoire. 1964 fügte Deryck Cooke den neun Symphonien noch seine Vervollständigung der Fragment gebliebenen Zehnten hinzu.

Mahlers Symphonien haben sich in ihrer wechselhaften Rezeptionsgeschichte zum Vehikel entwickelt, an dem Dirigenten sich profilieren können. Die riesenhaften Werke zu durchdringen und abseits der bloßen Realisierung der komplexen Partituren eine eigene Perspektive zu eröffnen, darf als eine der schwierigsten und verlockendsten Aufgaben auf symphonischem Gebiet gelten. So haben sich etwa unter den jüngeren Dirigenten nicht zuletzt Gustavo Dudamel und Daniel Harding dieses Repertoires angenommen. Yannick Nézet-Séguin hat sich bisher im spätromantischen Bereich mit Aufnahmen der Bruckner-Symphonien vorgestellt, die vermutlich bald komplett sein werden. Von ihm lagen bisher nur Mahlers Symphonien Nr. 1 und 4 vor. Nun ergänzt ein Konzertmitschnitt der Zehnten in der von Deryck Cooke hergestellten Fassung die Dokumentation seiner Mahler-Exegese.

Nézet-Séguin entwirft mit derZehnten Symphonie einen geradezu klassizistischen Mahler, der der grellen Kontraste müde geworden ist. Die einzelnen Sätze gestaltet er wie aus einem Guss. Selbst den enormen Orchesterausbruch nach dem zarten Violinenduett, bei Bernstein ein unvergesslicher Schock, sprengt nicht die Form, sondern ist organisch integriert. Es finden sich kaum jemals harsche Töne, stattdessen herrscht Schönklang. Manchmal mag sich geradezu das Gefühl einstellen, man lausche einer (überdimensionierten) klassischen Symphonie, so wohlproportioniert und abseits aller romantischen Exzesse musiziert das Orchestre Métropolitain, mit dem der Dirigent seit dem Jahr 2000 verbunden ist, diese Symphonie. Nézet-Séguin breitet die motivischen Zusammenhänge der einzelnen Sätze vor uns aus, etwa die Bezüge des 'Purgatorio' zu den beiden Scherzi. Eine Stärke seiner Interpretation ist zweifellos die Gestaltung der Piano-Passagen, wie der spannungsreiche Beginn des 'Purgatorio', der das düstere Ende des Satzes schon von Anfang an in den Blick nimmt oder der ungemein zarte Einsatz der Violinen nach dem Flöten-Solo im Anfang des Finales. Diese Piano-Oasen wären jedoch umso eindrucksvoller, stünden ihnen profiliertere dynamische Ausbrüche entgegen.

Insgesamt versteht Nézet-Séguin das Werk als melancholisch-verklärte Abschieds-Symphonie, und da mag man dann doch Einspruch erheben, nicht nur weil diese Auffassung die biographischen Hintergründe (die schmerzliche Trennung von Alma und Mahlers Verzweiflung hierüber inklusive seiner Konsultation Freuds) außen vorlässt. Nézet-Séguin harmonisiert das Widerstrebende, die disparaten Elemente, die von der Ersten Symphonie an zum Charakteristikum der mahlerschen Symphonik gehören. In jedem Falle eine eigene Interpretation, aber das von Walter Weidringer beschworene ‚Brachland jenseits der Klischees‘ wird hier nicht betreten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Symphonie Nr. 10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Atma classique
1
06.11.2015
EAN:

722056271127


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Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


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