> > > Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 2
Montag, 15. Oktober 2018

Rachmaninoff, Sergej - Symphonie Nr. 2

Klangsinnlich und süßlich


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrew Littons neuerliche Rachmaninoff-Lektüre greift idiomatische Ausdrucksmittel auf, neigt dabei aber zur Übertreibung. Das verleiht dieser grandiosen Sinfonie eine sentimentale, überzuckerte Note.

Der amerikanische Dirigent Andrew Litton hat in seiner Amtszeit als Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Bergen den Schwerpunkt auf russisches Repertoire gelegt: Strawinsky, Prokofjew, Medtner, Skrjabin, Tschaikowsky, Rachmaninoff. Diesen Akzent weisen zumindest die beim schwedischen Label BIS erschienenen Aufnahmen des Dirigenten auf. In dieselbe Kerbe schlägt auch ein weiterer Mosaikstein in seiner Diskographie, die Einspielung von Sergej Rachmaninoffs Zweiter Sinfonie e-Moll op. 27. Damit knüpfen das norwegische Orchester und Andrew Litton an ihre 2012 erschienene, vor allem klanglich aufrauschende Deutung der 'Sinfonischen Tänze' op. 45 und zweier sinfonischer Dichtungen.

Konstanz

Andrew Litton wandte sich bereits als junger Dirigent den Sinfonien Sergej Rachmaninoffs zu und realisierte 1990  mit dem Royal Philharmonic Orchestra eine Gesamteinspielung, die bis heute als eine mindestens solide, in Teilen famose Werkschau gilt. Der amerikanische Dirigent ist seiner Lesart treu geblieben, jedenfalls im Hinblick auf die Tempi. Die Satzdauern unterscheiden sich im Gegensatz zur 25 Jahre älteren Aufnahme nur um wenige Sekunden; das ist bei Satzlängen von rund 23 Minuten – so lange dauert der Kopfsatz mit Expositionswiederholung bei Litton – bemerkenswert. Auch im Hinblick auf die Nachzeichnung der Spannungsverläufe, der Dichtegrade des Orchesterklangs und der kontrapunktischen Verdeutlichung, die Kantabilität sowie den Klangfarbenreichtum sind die Aufnahmen ähnlich, wenn auch freilich die klangliche Präsentation der als hybride SACD veröffentlichten BIS-Aufnahme nochmal ein ganzes Stück reichhaltiger, farbiger und feiner in den dynamischen Abstufungen daherkommt. Dies ist keine Aufnahme, die gewissermaßen nebenher produziert worden ist; allein in Details der Spielstilistik ist einige Probenzeit geflossen.

Historisch informierte Neuerungen

Was Littons Neueinspielung von dem älteren Zugriff unterscheidet, ist die Umsetzung stilistischer Elemente, die zur Werkentstehungszeit zum expressiven Grundrepertoire gehörten. Allem voran ist hier das Streicher-Portamento zu nennen, das Litton bereits in den Rachmaninoff-Klavierkonzerten mit Stephen Hough auffällig prominent ins Klangbild integrierte. Hier geht der Dirigent nochmals einen Schritt weiter und hält die melodieführenden Streicher des Philharmonischen Orchesters Bergen dazu an, kantable Linien mit satten Portamenti herauszukehren – an sich eine Entscheidung, die es lobend hervorzuheben gilt. Wer traut sich heutzutage schon noch, dieses als sentimental verschriene Ausdrucksmittel derart forciert einzusetzen?

Es zeigt sich aber auch die Kehrseite dieser besonderen Annäherung: Während Portamenti bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein mit einer sehnig-straffen Klanggestaltung der Streicher verknüpft waren, tendieren sie im Kontext der warmen, weichen, voluminösen Klangentfaltung des Bergen Philharmonischen Orchesters zum Süßlichen und überzuckern die Konturen der Streicherkantilenen. Darüber hinaus greift Litton klangliche Gestaltungsweisen auf, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für russische Orchester typisch waren. Dazu gehört etwa das Vibrato in den hohen Blechbläsern, das hier im Kopfsatz etwa von den Trompetern sehr ausgiebig nachgebildet wird. Mit diesem interpretatorischen Zugang zeigt Litton auf, was unter einem historisch informierten Deutungsansatz in Bezug auf Rachmaninoffs Sinfonien verstanden werden kann - ein Ansatz, der diskussionswürdig ist und Anstoß zur Debatte um historisch orientiertes Musizieren im Bereich spätromantischer Orchestermusik liefert.

Tendenz zum Saucigen

Während aber bei früheren Anhängern expressiv ausgeformter Portamenti (wie Mengelberg oder Stokowski) das Sangliche in eine dramatisch zupackende, mit kräftiger Hand modellierte Formung eingebettet war, wirken die Ecken und Kanten in Littons Lesart geschliffen. Dadurch erscheint die klangliche Gestalt insgesamt etwas saucig, was durch die kleinteilige Rubato-Schmiegsamkeit und den opulenten, zur Dickleibigkeit neigenden Orchesterklang noch unterstützt wird. Die katastrophischen Steigerungen im Kopfsatz entwickeln daher keineswegs so viel Spannung wie in Deutungen eines Mitropoulos, Golowanow oder Swetlanow, auch weil Littons Phrasierung eher Kommata setzt und von stärkeren Schlussbildungen zur formalen Gliederung absieht.

Prächtige Klangentfaltung

Diese Kritikpunkte dürfen allerdings nicht den Blick für die Kostbarkeiten dieser Interpretation verstellen, die in der flexiblen Nachzeichnung melodischer Spannungsverläufe zu suchen sind oder in der schieren Pracht des Orchesterklangs. Littons Deutung der e-Moll-Sinfonie Rachmaninoffs gehört trotz der geäußerten Kritik zu den interessanteren der jüngsten Zeit. Auch die Zugabe, Ljadows 'Verzauberter See', Paradigma eines Klangfarbenstücks, wird vom formidablen Philharmonischen Orchester Bergen mit silbrigen Feenklängen ausgestattet. Auf diesem Gebiet zeigt sich die Klasse Andrew Littons und des norwegischen Klangkörpers.


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    Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
02.09.2015
EAN:

7318599920719


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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