> > > Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 3 & Symphonische Tänze
Samstag, 21. Juli 2018

Rachmaninoff, Sergej - Symphonie Nr. 3 & Symphonische Tänze

Wissend und fühlend


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch die dritte Folge des Rachmaninoff-Zyklus von Dmitrij Kitajenko ist zugleich von hoher Spannkraft und gelöster Klangentfaltung bestimmt. Eine in allen Belangen so tiefenscharfe Lesart findet sich in unserer heutigen Interpretationskultur nur selten.

Recht zurückgenommen das Tempo, mit reichlich atmender Freiheit die sangliche Phrasierung, melodische Gestalten, die so natürlich und ungekünstelt daherkommen, als wäre deren Formung ein Kinderspiel – Altmeister Dmitrij Kitajenko gibt eine weitere Kostprobe seiner Meisterschaft. Mit ihr bringt er zugleich seine Gesamteinspielung der Sinfonien Sergej Rachmaninoffs zum Abschluss. Ach, was heißt zum Abschluss: zu einem krönenden Ende. Man darf das an dieser Stelle ruhig einmal mit solch weihevollen Tönen besingen, denn es ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit, dass ein Dirigent in munterer Folge zuerst Referenzeinspielungen der Prokofjew- und Schostakowitsch-Sinfonien vorlegt, auf ebensolch hohem Niveau mit Tschaikowsky weitermacht und sodann einen großartigen Rachmaninoff-Zyklus anschließt. Das Kölner Gürzenich-Orchester hat sich in der jahrelangen intensiven Zusammenarbeit mit Kitajenko tief in das Idiom russischer Sinfonik hineingewühlt und folgt den Winken von Kitajenko mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit.

Knisternde Spannung, freies lyrisches Strömen

Die letzte Folge des Rachmaninoff-Zyklus enthält die sinfonischen Werke aus der Zeit des amerikanischen Exils, Werke der Wehmut, gleichzeitig aber auch der Erprobung neuer Klangfarben und neuer Ausdrucksmittel: Die Dritte Sinfonie a-Moll op. 44 wie auch die 'Sinfonischen Tänze' op. 45 zeichnen sich durch diskontinuierliche Verläufe aus, zusammengefügt aus kleineren Einheiten als in früheren Werken. Während aber andere Interpreten diese musikalischen Schnitttechniken als Element der Moderne in der nostalgisch grundierten Tonsprache Rachmaninoffs hervorkehren, entfaltet Kitajenko ein breites lyrisches Strömen, das dem Hörer keine Ahnung gibt von den munter zusammengewürfelten Taktarten. Er entwickelt bezwingend natürlich gestaltete Phrasen mit fesselnden Höhepunkten und sorgsam ausformulierten Schlusswendungen, ohne Hast, aber auch ganz ohne Larmoyanz. Kitajenko erweist sich – wieder einmal und daher keineswegs erstaunlich – als wissender Interpret, der große Spannungsbögen aus der sinnvollen Verknüpfung kleiner Einheiten gewinnt und aufs große Satzganze überträgt; und er ist ein fühlender Interpret, der die Ausdrucksdimensionen der Musik voll ausschöpft – und daher gerade in der Dritten Sinfonie auch harsche Brüche ohne Glättung inszeniert und die ins Bizarre, Geisterhafte tendierenden Kolorierungen, etwa im Mittelteil des zweiten Satzes, suggestiv herausarbeitet.

Interpretationskunst

Bei der Gewichtung der Stimmen walten eine ordnende Hand und ein aufmerksames, unbestechliches Ohr. Man hört selten ein Orchester, das so vollmundig klingt und gleichzeitig so durchsichtig das Stimmengeflecht ausbreitet. (Am ehesten fällt einem unter Dirigenten, die Orchester zu dieser Quadratur des Kreises bringen können, noch Stanislaw Skrowaczewski ein.) Kitajenko macht bei aller Sonorität, die er dem glänzenden Gürzenich-Orchester entlockt, aber auch die harschen Abtönungen, die gerade in diesen späten Werken das Klangbild bestimmen, ungeschönt hörbar. So entwickelt er etwa den letzten Satz der 'Sinfonischen Tänze' zu einem grimmigen Totentanz. Auch im Schusssatz der Dritten Sinfonie entfacht Kitajenko unwiderstehlichen Schwung, auch wenn das Tempo etwas langsamer ist als bei manchem Kollegen – ein weiterer Beweis dafür, dass rhythmische Energie und Drive nicht direkt mit dem physikalisch messbaren Tempo korrelieren. Aber auch den elegischen Melodien widmet sich das Kölner Gürzenich-Orchester mit fein abgestuften bzw. vermischten Farben, dass es eine wahre Freude ist. Hervorzuheben sind hier die wunderbar dunkel gefärbten Hörner oder auch leicht ansprechende Trompeten, die hier mit ihren Einwürfen deutlicher wahrgenommen werden können als in vielen anderen Aufnahmen – von den straff geführten Violinen und den inbrünstig singenden Celli ganz zu schweigen. Einzelne Gruppen hervorzuheben, wird der Klasse des hier präsentierten Orchesterspiels ohnehin nicht gerecht; man müsste schon alle lobend würdigen.

Sollte der Rachmaninoff-Zyklus damit beendet sein (und nicht noch, was allerdings wünschenswert wäre, mit der 'Toteninsel', dem frühen, einzeln stehenden Sinfonie-Satz oder weiteren sinfonischen Dichtungen ergänzt werden), so hat Dimitrij Kitajenko der Diskographie einen weiteren beachtenswerten, hochwillkommenen Zyklus hinzugefügt, der mit den Großen der Geschichte mithalten kann und für zukünftige Einspielungen die Messlatte denkbar hoch legt.



Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Rachmaninoff, Sergej: Symphonie Nr. 3 & Symphonische Tänze

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
30.10.2015
EAN:

4260034864429


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Dr. Tobias Pfleger zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Faszinierende Beleuchtung: Dmitrij Kitajenkos Rachmaninoff-Zyklus könnte zu einer der spannendsten Gesamteinspielungen der Sinfonien werden. Die Deutung der Zweiten Sinfonie ist eigenständig und schlichtweg bezaubernd. Weiter...
    (Florian Schreiner, 19.03.2015)
  • Zur Kritik... Sinnlich und streng: Dmitrij Kitajenko knüpft mit der ersten Folge seines zweiten Rachmaninoff-Zyklus dort an, wo er mit Tschaikowsky in Köln aufgehört hat. Das Ergebnis ist eine Deutung, die vom großen Überblick des Dirigenten profitiert. Weiter...
    (Florian Schreiner, 24.11.2014)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Von wegen bieder!: Das ist eine zeitgemäße 'Martha', musikalisch ein wirkliches Feuerwerk und der beste Beweis, dass Flotows berühmteste Oper noch heute einen Heidenspaß machen kann. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Chopin für Klaviersextett: Chopins Klavierkonzerte in anderem Klanggewand – klanglich und interpretatorisch attraktiv. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Goethe-Lieder: Dieses Album präsentiert in attraktiver Besetzung viele unerhörte Goethe-Vertonungen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Noch ein Nilsson-Windgassen-'Tristan'? Ja!: Dieser 'Tristan' dokumentiert die junge Birgit Nilsson und den hörbar entflammten Wolfgang Windgassen in ihren Paraderollen – einige Jahre, bevor sie als Traumpaar dieses Werks in die Geschichte eingingen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Orpheus auf dem Cembalo: Henry Purcell war auch als Meister des Cembalos eine Hausnummer. In eigensinnigen Spezialitäten wie den Hornpipes manifestieren sich musikantische Unternehmungslust und ein beweglicher Geist vielleicht am schönsten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klangpracht aus dem Dom von Perugia: Adriano Falcioni entfaltet die klangliche Vielfalt der Orgel des Doms von Perugia mit drei Kompositionen von Max Reger, darunter die bekannte 'Fantasie und Fuge über B-A-C-H'. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2018) herunterladen (3463 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/2018) herunterladen (3001 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Giovanni Sgambati: Symphony No.1 op.16 in D major - Allegro vivace, non troppo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich