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Sonntag, 21. Juli 2019

Ragna Schirmer - Etude Fantasy

Etüden von heute und aus vergangenen Tagen


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wiedereinmal eine Aufnahme von Chopins Etüden op.10. Wiedereinmal... und dem Klavierliebhaber wohlbekannt. Sicher handelt es sich bei Frédéric Chopins Etüden um Meisterstücke. Ja, und er war es auch, der der Etüde einst den Aufstieg vom einfachen Übungsstück zur Kunstmusik ermöglichte. Nur, rechtfertigt dies wieder und wieder neue Aufnahmen des selben Repertoires?
Sobald man die ersten Töne erklingen hört, ist man sich sicher: Ja! Denn hier handelt es sich hier nicht um irgendeine Aufnahme! Bereits 2000 wurde die junge Pianistin Ragna Schirmer (31) für ihre Interpretation von Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen hoch gelobt. Und auch mit ihrer aktuellen Chopin-Interpretation kann sie sich der Lobeshymnen der Kritiker sicher sein. Diese Einspielung steht ihren bisherigen Aufnahmen weder im Bezug auf leidenschaftliches Spiel noch auf technische Perfektion nach. Mit enormem Einfühlungsvermögen für den Charakter jeder einzelnen Etüde präsentiert Ragna Schirmer die einzigartige Brillanz dieser subtilen Stücke Chopins. Bannt den Hörer in ungekannter Faszination. Sie kann sich dabei mühelos mit anderen Chopin-Interpreten, etwa Boris Berezovsky oder Nikolai Lugansky messen, denn weder musikalischer Gehalt noch die durchaus schwierigen spieltechnischen Bedingungen bereiten ihr Schwierigkeiten.
Interessanterweise kombiniert Ragna Schirmer die Etüden nicht mit Chopins zweitem Etüdenzyklus op. 25, wie viele ihrer Kollegen es tun, sondern bietet mit John Coriglianos ?Etude Fantasy? sowie seiner ?Fantasia on an Ostinato? einen interessanten Kontrast.
Die Verbindung Chopins mit Neuer Musik ist gewagt, aber genau darin liegt der Reiz für die Pianistin. Die Konfrontation der Musik der Vergangenheit, mit der der Gegenwart empfindet sie als äußerst fruchtbar, denn die Musik des 20.Jahrhunderts habe Werke hervorgebracht, die den Vergleich mit ?den Klassikern? nicht scheuen zu brauchen. Die Wahl fiel in diesem Fall auf John Corigliano, da vor allem in dessen Etüdenzyklus ?Etude Fantasy? Bezüge zu den Etüden des 19.Jahrhunderts zu finden sind. Erweitert durch die tonsprachlichen Mittel der Neuen Musik, etwa der Atonalität Schönbergs oder der perkussiven Benutzung des Klaviers, wie etwa bei Bela Bartók, hört man bei Corigliano durchaus Anklänge an Chopin oder Liszt.

Der 1938 in New York geborene John Corigliano, wurde mit mehreren Preisen (u.a. dem Pulitzer Preises 2001) ausgezeichnet und ist seit 1991 Dozent an der legendären Juilliard School. Die beiden hier dargebotenen Klavierstücke aus den Jahren 1976 und 1985 reihen sich zweifelsohne in die Liste wichtiger Beiträge zur Musik der Gegenwart ein. Sie spielen mit deren Elementen etwa der permanenten Tonrepetition, der Perkussivität oder atonalen und seriellen Klängen, erscheinen aber dennoch nicht zu ?Neu? und sind daher auch für Hörer zu empfehlen, die den ?Meistern? der Neuen Musik wie John Cage, György Ligeti, Pierre Boulez oder Mauricio Kagel eher abgeneigt sind. Vor allem ?Etude Fantasy? zeichnet sich durch einfallsreiche und ausdrucksstarke musikalische Sprache aus, die die technischen Möglichkeiten des Klaviers in expressiver Art nutzt.
Zu Beginn wird mit der linken Hand ein Sechstonthema eingeführt, das gewissermaßen die harmonisch- und thematische Grundlage für den ganzen Zyklus bildet. Die folgenden Etüden setzen neue Schwerpunkte auf Legatotechnik (2), Doppelgriffspiel (3), Ornamentik (4) und Melodie(5). Besolderst beeindruckend ist hier die vierte Etüde. Ihr ausgeprägtes Spiel mit den unterschiedlichen Möglichkeiten der Verzierung, kontrastierenden Klangwelten und hektischen Trillern macht sie zu einem spannenden Hörerlebnis.
?Fantasia on an Ostinato? stellt den berühmten Ostinato aus Beethovens 7.Symphonie in den Mittelpunkt. Er wird im Stile der Minimal-Music bearbeitet, wobei das rhythmisch repetitive Element als zentral erweist.

Das ungewöhnliche Repertoire der Pianistin mag Aufsehen erregen. Durch ihr sensibles Spiel aber, und die vollkommene Umsetzung werden Chopin und Corigliano gar zu einer Einheit. Neue Musik ist sicher nicht jedermanns Sache, doch Ragna Schirmer versteht es geschickt in die Beschäftigung mit dieser einzuführen und präsentiert sich, durch ihren Umgang mit Musik von damals und heute, als kreative und engagierte Künstlerin.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Christina Prediger,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ragna Schirmer: Etude Fantasy

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
22.04.2003
61:02
2002
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124176020
001760BC

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Chopin, Frédéric
Corigliano, John


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Interpret(en):Schirmer, Ragna (Klavier)


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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