> > > Koechlin, Charles: Kammermusik für Oboe und andere Instrumente
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Koechlin, Charles - Kammermusik für Oboe und andere Instrumente

Vielfältig schillernde Kammermusik


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stefan Schilli ist der Protagonist dieser durchweg gelungenen Veröffentlichung mit Kammermusik für Oboe aus der Feder von Charles Koechlin.

Noch vor 15 Jahren war die Musik von Charles Koechlin (1867–1950) ein Geheimtipp, auf Konzertprogrammen und Tonträgern kaum zu finden. Doch seit sich renommierte Musiker wie Heinz Holliger, Kathryn Stott oder Michael Korstick der Werke des Franzosen angenommen haben, wächst das Interesse – über vierzig CDs mit seiner Musik liegen mittlerweile vor. Dies ist freilich immer noch ein kleiner Teil aus dem weit über 200 Stücke umfassenden Schaffen. Orchester- und Kammermusik bilden zwei Schwerpunkte in einem Oeuvre, das sich fast jeder Kategorisierung entzieht – Schlagworte wie Impressionismus, Polytonalität oder Klangalchimie erfassen immer nur Details im Schaffen eines Meisters, der musikalische Stile ähnlich souverän handhaben und integrieren konnte wie Strawinsky (mit dem er sonst ziemlich wenig gemeinsam hat).

Gerade Koechlins Kammermusik ist von einer unglaublichen Vielfalt und Komplexität, wobei er immer wieder für seltene Instrumentalkombinationen schrieb. Der 'Épitaphe de Jean Harlow' op. 164 entstand für Flöte, Klavier und Saxophon, die 'Sonate à 7' op. 221 für Streichquartett mit Oboe, Flöte und Harfe. Letztgenanntes Stück befindet sich auf vorliegender CD, die Koechlins Schaffen für Oboe in den Mittelpunkt rückt. Der Protagonist ist Stefan Schilli, Professor am Salzburger Mozarteum und seit 1990 Mitglied des BR-Symphonieorchesters. An seiner Seite stehen Henrik Wiese (Flöte), Christopher Corbett (Klarinette), Marco Postinghel (Fagott), Cristina Bianchi (Harfe), Daniel Giglberger und Heather Cottrell (Violine), Anja Kreynacke (Viola), Kristin von der Goltz (Violoncello) sowie der Pianist Oliver Triendl.

Den Auftakt des Programms bildet die viersätzige Sonate op. 58 für Oboe und Klavier. Das 1911 begonnene und erst 1916 vollendete Werk könnte in seiner pastoralen Grundstimmung und dem aufgelockerten (Klavier-)Satz ein Vorbild für Camille Saint-Saëns gewesen sein, dessen Oboensonate einige Jahre später entstand. Das Klavier wird hier zwar nicht zum reinen Begleitinstrument degradiert, aber die Oboe steht doch klar im Vordergrund. Programmatische Satztitel wie 'Danses de faunes' erlauben dem Hörer viele Assoziationen; die Stimmungsvielfalt, die Schilli im Laufe des Werkes entfalten kann, ist jedenfalls bewundernswert. Seine Oboe singt, klagt und frohlockt auf einem technischen und musikalischen Niveau, das keinen Vergleich scheuen muss. Triendl agiert mit der Souveränität eines erfahrenen Kammermusikers und setzt hier und da eigene Akzente, hält sich aber insgesamt angemessen zurück. Die Balance zwischen den beiden Musikern ist ausgezeichnet, sicherlich auch ein Ergebnis der wohldosierten Klangtechnik.

Sensibles Zusammenspiel kennzeichnet auch das kürzere Trio d‘anches op. 206 für Oboe, Klarinette und Fagott, in dem Schilli, Corbett und Postinghel auf Augenhöhe musizieren. Der schlichte, aber geniale Choral zu Beginn des Stückes wirkt ebenso plastisch und bestens ausbalanciert wie die drei folgenden Sätze. Die perfekt geschliffene Fuge ist hier, sozusagen nebenbei, ein Beispiel für Koechlins kompositorische Meisterschaft – der Kenner wird sich daran erfreuen, der Liebhaber vermutlich würdigen, wie schön das doch bei allen kontrapunktischen Künsten klingt.

Der Auszug aus 'Au loin' op. 20 für Englischhorn und Klavier und die Monodie für Oboe d‘amore 'Le repos de Tiyre' op. 216/10 sind kürzere (und etwas schwächere) Werke, die Schilli ebenfalls mit höchster Präzision und facettenreicher Dynamik vorträgt. Unbestrittener Höhepunkt der CD ist jedoch die 'Sonate à 7', ein im Grenzbereich zwischen Kammermusik und kleinem Orchester angesiedeltes Stück von verblüffend expressivem Charakter. Koechlins raffinierte Klangkoppelungen lassen den Hörer phasenweise annehmen, hier würde tatsächlich ein mittelgroßes Ensemble spielen – es sind aber nur sieben Musiker. Flöte und Oboe dominieren die vier knappen Abschnitte. Schilli und Wiese spielen sich munter die Themen und Motive zu, zusammen mit den Streichern und Harfenistin Bianchi entsteht so – auch dank der hervorragenden Klangqualität – in der Tat ‚eine Sternstunde französischer Kammermusik‘, wie Stefan Schickhaus im Beiheft schreibt. Wobei man hinzufügen möchte: nicht nur der französischen.

So ist diese CD nicht nur ein weiterer Schritt auf der Entdeckungsreise durch Koechlins beeindruckendes Schaffen, sondern auch ein Genuss für alle Freunde gelungener Bläser-Kammermusik. Der Komponist konnte durchaus einen schroff-avantgardistischen Tonfall anschlagen, mit Dissonanzen und polytonalen Reibungen – doch die hier zu hörenden Werke gehen nicht in diese Richtung. Sie zeigen Koechlin als versierten Kenner der jeweiligen Instrumente und genialen Lyriker von höchster Inspiration.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Koechlin, Charles: Kammermusik für Oboe und andere Instrumente

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
09.10.2015
Medium:
EAN:

CD
4260330918239


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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