> > > Schostakowitsch, Dimitri: Violinkonzert Nr.1
Sonntag, 15. September 2019

Schostakowitsch, Dimitri - Violinkonzert Nr.1

Innere Emigration


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nahezu ein ganzes Jahrzehnt liegt zwischen der Entstehung der beiden auf der vorliegenden CD vertretenen Violinkonzerte. Karl Amadeus Hartmann, 1905 in München geboren, schrieb sein ?Concerto funèbre? im Jahr 1939, der nahezu gleich alte, 1906 in Sankt Petersburg geborene Schostakowitsch vollendete sein Violinkonzert Nr.1 im Jahr 1948.
Bei werkimmanenter Betrachtung fällt bei beiden Komponisten vor allem der Paradigmenwechsel hinsichtlich der Funktion des Soloinstrumentes auf: Stand in der Gattung des Violinkonzertes in der klassisch-romantischen Tradition stets der Dialog zwischen dem Solist und dem Orchester im Vordergrund, so stellt sich der Solist hier als Einzelner dem Ensemble gegenüber ? der Dialog wird zum Monolog und somit künstlerisches Abbild der Vereinsamung und des schutzlosen Ausgeliefertseins des Individuums, welches die Agitation der Gruppe erdulden und erleiden muss.

Die jeweilige Entstehungszeit wiederum legt nahe, dass die in den Werken eingenommene künstlerische Perspektive direkte Reaktion auf das jeweilige Zeitgeschehen ist: Karl Amadeus Hartmann, von den Nazis verfemt, lässt sein kondukt-artiges, mit einem Choral schließendes Werk, quasi zu einem Requiem werden ? eine direkte künstlerische Reflektion auf die Ereignisse im Jahr des Beginns des Zweiten Weltkrieges. In Schostakowitschs Violinkonzert hingegen wird die stete innere Zerrissenheit eines Komponisten deutlich, der zeitlebens unter der politischen Situation seines Heimatlandes zu leiden hatte. Bezeichnenderweise wurde sein Violinkonzert auch erst sieben Jahre nach der Vollendung im Jahre 1955 uraufgeführt ? nach dem Tod Josef Stalins.
So stellen beide Werke auf ihre Art neue Anforderungen an den Solisten, allerdings weiniger hinsichtlich der Virtuosität sondern vielmehr bezüglich der Expressivität ? eine Herausforderung, der sich der gebürtige Dresdner Michael Erxleben mit Bravour stellt. Seine Aufnahmen beider Werke entstanden bereits Anfang der neunziger Jahre und wurden für die vorliegende CD von BerlinClassics neu kompiliert. Begleitet wurde Erxleben bei seiner Schostakowitsch-Einspielung vom Berliner Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Claus Peter Flor, bei Karl Amadeus Hartmans Concerto unterstützte ihn das Neue Berliner Kammerorchester unter Sebastian Weigle.

Beide Ensembles machen ihre Sache ausgezeichnet, obwohl ein direkter Vergleich aufgrund der doch sehr unterschiedlichen Instrumentierung ? im Gegensatz zu Schostakowitsch lässt Hartmann seinem Solisten ausschließlich ein Streichorchester entgegentreten ? etwas schwer fällt. Beiden gelingt jedoch die richtige Mischung aus Intimität und Expressivität, um den passenden Hintergrund für den solistischen Monolog zu schaffen. Insbesondere das Berliner Sinfonie -Orchester vermag dabei mit Spielfreude, Virtuosität und Ausdruckskraft zu begeistern.
Sehr beeindruckend ist aber vor allem die Leistung von Michael Erxleben, der beide Kompositionen mit seinem gefühlvollen Spiel durchdringt und den Zuhörer auf eine höchst emotionale Weise anzusprechen und mitzureißen vermag. Sein Spiel ist durchweg von höchster Expressivität, ohne jedoch ins schwelgerische Romantisieren zu verfallen. Genau damit wird er der kompositorischen Vorlage aufs Beste gerecht ? Erxlebens Spiel ist kein oberflächliches Lamento, sondern Ausdruck von Vereinsamung und Leid. Dazu passen hervorragend sein etwas dunkler und nicht primär auf Schönheit bedachter Ton sowie das sehr dosiert eingesetzte Vibrato, womit insbesondere die langen langsamen Sätze des Schostakowitsch-Konzertes eine unglaubliche emotionale Spannung und Dichte bekommen.

Die Aufnahmetechnik trägt erfreulicherweise zum positiven Gesamteindruck bei. Vor allem die 1990 in der Berliner Christuskirche entstandene Aufnahme des Violinkonzertes von Schostakowitsch besticht mit einem sehr ausgewogenen Klangbild und einer ausgezeichneten akustischen Abstimmung zwischen Solo-Violine und Orchester. Diesbezüglich fällt die zwei Jahre jüngere Einspielung des Concerto funèbre etwas ab. Dennoch vermag die klangtechnische Gestaltung der CD insgesamt mit einem leicht dunklen, dafür sehr warmen und homogenen Klangbild zu überzeugen, was alles in allem gut zu beiden Kompositionen passt.

Zusammenfassend betrachtet, fallen die beiden auf der vorliegenden CD vertretenen Einspielungen schon allein deshalb positiv auf, weil sie alles andere als eine weitere, lediglich aufs Repertoire bedachte oberflächliche Einspielung von ohnehin schon tausend Mal gehörten Werken sind. Zwar gehört Schostakowitschs Violinkonzert Nr.1 sicher nicht zu den unbekanntesten Kompositionen seiner Gattung, allerdings macht gerade auch die Kombination mit Karl Amadeus Hartmann deutlich, wie sehr sich im Zuge der historischen Entwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eben auch die Kunst ? gewollt oder ungewollt ? verändert hat. An dieser Stelle hat das klassisch-romantische Solokonzert ausgedient ? und genau dieser Tatsache vermögen Michael Erxleben und die beiden Berliner Ensemble auf kongeniale Weise ihre Stimme zu verleihen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Claas Lübbert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Violinkonzert Nr.1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
07.04.2003
73:01
1992
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124836320
0183632BC

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Hartmann, Karl Amadeus
Schostakowitsch, Dimitri


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Dirigent(en):Flor, Claus Peter
Weigle, Sebastian
Orchester/Ensemble:Berliner Sinfonie-Orchester
Neues Berliner Kammerorchester
Interpret(en):Erxleben, Michael (Violine)


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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