
Sabio, Alfonso el - Cantigas de Santa Maria
Ferne Schönheiten
Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel
Auszüge aus den 'Cantigas de Santa Maria' mit Hana Blaiková und Kollegen: eine hochstehende, klangsensible, überlegte Interpretation dieses verrätselten, nur in Teilen klar vor dem Ohr des Hörers der Gegenwart stehenden Repertoires.
Die 'Cantigas de Santa Maria' sind mit über 400 geistlichen Liedern die größte aus dem Mittelalter überlieferte Sammlung von Marienliedern in volkstümlicher Sprache. Entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts am Hof Alfons X. des Weisen, König von León und Kastilien, sind sie für Musiker der Gegenwart eine besonders attraktive Überlieferung: Eine der erhaltenen Handschriften orientiert nicht nur mit Blick auf die Tonhöhe, sondern auch zur relativen Tondauer, erlaubt also auch rhythmisch einigermaßen gesicherte Deutungen der einstimmigen Gesänge. Die sind an den Kirchentonarten orientiert, auf Texte in galizisch-portugiesischer Sprache, erzählend und lyrisch-betrachtend in ihrer Marienverehrung. König Alfons steuerte Texte und Melodien zu dem von ihm beaufsichtigten Prozess der Sammlung bei, durchaus mit dem Ziel, sich selbst und seine Familie ins rechte Licht zu rücken. Ein inspirierendes Konvolut, eine wichtige Brücke in die aus vielen Quellen sich speisende kulturelle Welt des mittelalterlichen Spanien.
Behutsam und höchst kultiviert gedeutet
Die Art der Überlieferung verlangt von allen Künstlern, die sich der Sammlung deutend nähern wollen, ein tiefes Wissen, vor allem aber einen untrüglichen Instinkt für die Intensität, mit der die einzig sicheren einstimmigen Melodien vokal und instrumental ausmusiziert werden können – denn natürlich weiß man nichts darüber, wie diese Musik aufgeführt wurde, auch die bildlichen Darstellungen etlicher Musikinstrumente in den Handschriften geben allenfalls Hinweise.
Da liefert die vorliegende Platte ein wunderbares Beispiel für Dezenz, Geschmack und Klangphantasie der beteiligten Musikerinnen und Musiker, die sich einer Auswahl von knapp 20 der Gesänge widmen: An der Spitze der Formation steht Hana Blaiková, die weithin gerühmte Sopranistin barocken Repertoires, deren zweite künstlerische Leidenschaft der Musik des Mittelalters gilt, oft sich selbst begleitend auf der Harfe – hier kann man sie endlich einmal auf der Platte in diesem Fach erleben. Dazu kommen die gleichfalls als Sopranistin wie als Harfenistin brillierende Barbora Kabátková, die aus vielen Kontexten bekannte Hackbrett-Virtuosin Margit Übellacker, schließlich der Perkussionist Martin Novák.
Blaikovás Name ist sicher der zugkräftigste dieser bei Philippe Herreweghes Label Phi erschienenen Platte. Und sie lässt hier auf ätherisch schöne Weise alles Artifizielle weit hinter sich, ist natürlich auch hier hörbar technisch brillant, aber in diesem Vermögen wunderbar sublimiert zu einer vollendet schlichten Geste. Ihre musikalischen Partner fallen um keinen Deut ab: Barbora Kabátková singt kongenial, unterscheidbar allenfalls in einer etwas ausgeprägteren Fülle der Stimme, aber doch sehr ähnlich in der Farbe und vor allem in der eminenten Begabung für diese Musik. Die Erfahrung des gemeinsamen Musizierens im Tiburtina Ensemble hört man den beiden Sängerinnen an. Und wie Hana Blaiková ist sie sensibel und souverän zugleich auch im Instrumentalen, gar auf vergleichbarem Niveau wie etliche Spezialisten der mittelalterlichen Musik. Margit Übellacker und Martin Novák bringen sich sehr diskret in die instrumentale Weitung der einstimmigen Linien ein – der einzigen sicheren Elemente der Überlieferung –, überladen nichts, vertrauen ganz auf die Wirkungen konzentrierter Schlichtheit.
Vokal geben sich die Akteure ganz dem linearen Moment hin, der Tragfähigkeit einer Stimme – den Texten sollte man allerdings nicht nur auf Grund sprachlicher Barrieren nicht folgen wollen, die muss man im sehr gut ausgestatteten Booklet nachlesen. Das Programm wird in einem großen Klangbild präsentiert, mit dem richtigen Maß an atmosphärischem Mehrwert, der dieser Musik zu voller Entfaltung verhilft. Zugleich wirkt das Geschehen hochkonzentriert, vor allem im präzisen Abbild der vielen zarten Momente. Es ist dies eine hochstehende, klangsensible, überlegte Interpretation dieses verrätselten, nur in Teilen klar vor dem Ohr des Hörers der Gegenwart stehenden Repertoires. Eine Fülle traumverloren schöner Momente warten auf den Geduldigen.
Interpretation: Klangqualität: Repertoirewert: Booklet: |
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:
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Sabio, Alfonso el: Cantigas de Santa Maria |
|||
Label: Anzahl Medien: Veröffentlichung: |
Phi 1 04.09.2015 |
Medium:
EAN: |
CD
5400439000179 |
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Phi Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion. Mehr Info... |
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