> > > Sabio, Alfonso el: Cantigas de Santa Maria
Samstag, 15. August 2020

Sabio, Alfonso el - Cantigas de Santa Maria

Ferne Schönheiten


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auszüge aus den 'Cantigas de Santa Maria' mit Hana Blažiková und Kollegen: eine hochstehende, klangsensible, überlegte Interpretation dieses verrätselten, nur in Teilen klar vor dem Ohr des Hörers der Gegenwart stehenden Repertoires.

Die 'Cantigas de Santa Maria' sind mit über 400 geistlichen Liedern die größte aus dem Mittelalter überlieferte Sammlung von Marienliedern in volkstümlicher Sprache. Entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts am Hof Alfons X. des Weisen, König von León und Kastilien, sind sie für Musiker der Gegenwart eine besonders attraktive Überlieferung: Eine der erhaltenen Handschriften orientiert nicht nur mit Blick auf die Tonhöhe, sondern auch zur relativen Tondauer, erlaubt also auch rhythmisch einigermaßen gesicherte Deutungen der einstimmigen Gesänge. Die sind an den Kirchentonarten orientiert, auf Texte in galizisch-portugiesischer Sprache, erzählend und lyrisch-betrachtend in ihrer Marienverehrung. König Alfons steuerte Texte und Melodien zu dem von ihm beaufsichtigten Prozess der Sammlung bei, durchaus mit dem Ziel, sich selbst und seine Familie ins rechte Licht zu rücken. Ein inspirierendes Konvolut, eine wichtige Brücke in die aus vielen Quellen sich speisende kulturelle Welt des mittelalterlichen Spanien.

Behutsam und höchst kultiviert gedeutet

Die Art der Überlieferung verlangt von allen Künstlern, die sich der Sammlung deutend nähern wollen, ein tiefes Wissen, vor allem aber einen untrüglichen Instinkt für die Intensität, mit der die einzig sicheren einstimmigen Melodien vokal und instrumental ausmusiziert werden können – denn natürlich weiß man nichts darüber, wie diese Musik aufgeführt wurde, auch die bildlichen Darstellungen etlicher Musikinstrumente in den Handschriften geben allenfalls Hinweise.

Da liefert die vorliegende Platte ein wunderbares Beispiel für Dezenz, Geschmack und Klangphantasie der beteiligten Musikerinnen und Musiker, die sich einer Auswahl von knapp 20 der Gesänge widmen: An der Spitze der Formation steht Hana Blažiková, die weithin gerühmte Sopranistin barocken Repertoires, deren zweite künstlerische Leidenschaft der Musik des Mittelalters gilt, oft sich selbst begleitend auf der Harfe – hier kann man sie endlich einmal auf der Platte in diesem Fach erleben. Dazu kommen die gleichfalls als Sopranistin wie als Harfenistin brillierende Barbora Kabátková, die aus vielen Kontexten bekannte Hackbrett-Virtuosin Margit Übellacker, schließlich der Perkussionist Martin Novák.

Blažikovás Name ist sicher der zugkräftigste dieser bei Philippe Herreweghes Label Phi erschienenen Platte. Und sie lässt hier auf ätherisch schöne Weise alles Artifizielle weit hinter sich, ist natürlich auch hier hörbar technisch brillant, aber in diesem Vermögen wunderbar sublimiert zu einer vollendet schlichten Geste. Ihre musikalischen Partner fallen um keinen Deut ab: Barbora Kabátková singt kongenial, unterscheidbar allenfalls in einer etwas ausgeprägteren Fülle der Stimme, aber doch sehr ähnlich in der Farbe und vor allem in der eminenten Begabung für diese Musik. Die Erfahrung des gemeinsamen Musizierens im Tiburtina Ensemble hört man den beiden Sängerinnen an. Und wie Hana Blažiková ist sie sensibel und souverän zugleich auch im Instrumentalen, gar auf vergleichbarem Niveau wie etliche Spezialisten der mittelalterlichen Musik. Margit Übellacker und Martin Novák bringen sich sehr diskret in die instrumentale Weitung der einstimmigen Linien ein – der einzigen sicheren Elemente der Überlieferung –, überladen nichts, vertrauen ganz auf die Wirkungen konzentrierter Schlichtheit.

Vokal geben sich die Akteure ganz dem linearen Moment hin, der Tragfähigkeit einer Stimme – den Texten sollte man allerdings nicht nur auf Grund sprachlicher Barrieren nicht folgen wollen, die muss man im sehr gut ausgestatteten Booklet nachlesen. Das Programm wird in einem großen Klangbild präsentiert, mit dem richtigen Maß an atmosphärischem Mehrwert, der dieser Musik zu voller Entfaltung verhilft. Zugleich wirkt das Geschehen hochkonzentriert, vor allem im präzisen Abbild der vielen zarten Momente. Es ist dies eine hochstehende, klangsensible, überlegte Interpretation dieses verrätselten, nur in Teilen klar vor dem Ohr des Hörers der Gegenwart stehenden Repertoires. Eine Fülle traumverloren schöner Momente warten auf den Geduldigen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Sabio, Alfonso el: Cantigas de Santa Maria

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phi
1
04.09.2015
Medium:
EAN:

CD
5400439000179


Cover vergössern

Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Phi:

  • Zur Kritik... Edel: Kundig, subtil, gelassen: So gerät diese Deutung einiger Bach-Kantaten durch einen der Pioniere der historisch informierten Praxis. Herreweghe macht keine halben Sachen. Die Diskografie seines exquisiten Labels Phi gleicht einer edlen Perlenkette. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Reichtum: Es gibt eine große Reihe erstklassiger Einspielungen der Marienvesper. Philippe Herreweghe und seine Ensembles treten gelassen und selbstbewusst in ebendiese erste Reihe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Edel: Was wird Philippe Herreweghe getan haben, nachdem er seine Protagonisten zusammengeholt und das Programm mit ihnen studiert hatte? Vermutlich hat er einfach begeistert gelauscht, wie sich seine Vokalisten zu einem Gesualdo-Ensemble geformt haben. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Phi...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... In Oktaven: Zweifellos ein delikates Klangexperiment voller Reiz, das Giuliano Carmignola und Marco Brunello hier unternommen haben: Vivaldi und Bach kann man unbedingt so spielen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gesualdo mit Methode: Graindelavoix mit einem neuerlichen Statement gegen vokale Hochglanzkunst, dieses Mal bei Carlo Gesualdo. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich