> > > Sabaneev, Leonid: Sämtliche Werke für Klavier Vol. 1
Sonntag, 20. Oktober 2019

Sabaneev, Leonid - Sämtliche Werke für Klavier Vol. 1

Zwischen Skrjabin und Rachmaninoff


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Leonid Sabaneevs Klavierwerke sind, zumal in Michael Schäfers kongenialer Interpretation, eine spektakuläre Entdeckung.

Michael Schäfer ist stets auf der Suche nach neuer Musik. Dabei ist ‚neu‘ nicht im Sinne der Avantgarde (wahlweise auch mit großem ‚N‘) zu verstehen, sondern im Sinne von bisher unbekannt, vergessen, vernachlässigt – was keineswegs ein Qualitätsurteil darstellt. Wie viele Komponisten waren zu Lebzeiten international bekannt, tauchen jedoch im heutigen Konzertleben kaum auf? Auch der umgekehrte Fall kann eintreten: Ein Tondichter war zeitlebens nur für einige Spezialisten ein Begriff, heute werden seine Werke verblüffend häufig gespielt und gehört. Schäfers pianistische Pioniertaten im riesigen Kosmos der Klaviermusik des späteren 19. und 20. Jahrhunderts zielen auf die erstgenannte Gruppe. Er hat unter anderem Werke von Erich Wolfgang Korngold, Vincent d‘Indy, Ignaz Friedman und Cyril Scott eingespielt, dazu auch die monumentalen 'Etudes karnatiques' des Franzosen Jacques Charpentier.

Mit der vorliegenden CD widmet sich Schäfer einem Komponisten, der selbst für viele Experten ein unbeschriebenes Blatt sein dürfte: Leonid Sabaneev (Sabanejew), 1881 in Moskau geboren und 1968 im französischen Antibes verstorben. Obwohl er Schüler von Tanejew und Rimsky-Korsakoff war und die Musik seines viel berühmteren Kollegen Skrjabin förderte, ist Sabaneev heute kaum mehr als eine Fußnote der Musikgeschichte. Ein wissenschaftliches Werkverzeichnis existiert nicht, und selbst die einschlägigen Internet-Quellen nennen allenfalls einige Klavierwerke, darunter die von Schäfer hier eingespielten. Der Musikforscher Larry Sitsky konnte in seinem Buch ‚Music of the Repressed Russian Avant-Garde‘ immerhin 23 Werke mit Opuszahl identifizieren. Der Titel von Sitskys Buch verdeutlicht das Problem: Sabaneev wurde wie viele andere moderne Tondichter im Russland der 1920er Jahre unterdrückt und sah sich 1926 zur Emigration gezwungen.

Was auf einen Hörer vor hundert Jahren radikal avantgardistisch gewirkt haben muss, klingt für den heutigen Musikfreund allenfalls maßvoll modern. Sabaneevs zumeist als 'Prélude' oder 'Morceaux' betitelte Werke könnte man heute als mit der einen oder anderen Dissonanz gewürzte Spätromantik bezeichnen, die in der russischen Tradition von Skrjabin und Rachmaninoff wurzelt. Vor allem in den je vier Préludes opp. 1 und 2 sind diese beiden Vorbilder herauszuhören. Ein virtuoser, vollgriffiger Klaviersatz verbindet sich mit einer meist düster-grüblerischen Grundstimmung zu einem Gesamtbild, das man – Vorurteil hin, Klischee her – durchaus als typisch russisch bezeichnen könnte. Sabaneev ist aber kein Plagiator, sondern geht seinen eigenen Weg, ohne die bunte Harmonik Skrjabins und auch ohne Rachmaninoffs Über-Virtuosität, dafür aber mit einem sehr feinen Gespür für das lyrische Element. Ein großer Pluspunkt von Schäfers Interpretation ist es, dieses Element bei allen pianistischen Herausforderungen stets präzise herauszuarbeiten. Die Melodie geht nie im Oktav- und Akkord-Donner (der durchaus vorhanden ist) unter.

Auch die sehr fein nuancierte dynamische Gestaltung des Pianisten kann sich hören lassen. Gerade die späteren (und meist kürzeren) Werke auf der zweiten CD, die neben den genannten Vorbildern auch hier und da an Debussy erinnern, erfahren vielfältige Abstufungen zwischen dem leisesten Pianissimo und kraftvollen Ausbrüchen (besonders beeindruckend etwa in op. 7 Nr. 1, wo der Komponist 'Festivamente, trionfato' vorschreibt). Zudem gelingt es Schäfer, die rhythmisch teils sehr vertrackten Kompositionen so zu präsentieren, dass der große dramaturgische Bogen gespannt bleibt und kein Stück in seine Einzelteile zerfällt – gerade bei den längeren Préludes besteht diese Gefahr durchaus. Klanglich ist diese CD eine rundum gelungene Sache: Der Bösendorfer-Flügel klingt satt und transparent, auch das wildeste Akkord-Dickicht bleibt noch durchhörbar.

Wie so oft bei vergessenen Komponisten muss man sich auch bei Sabaneev fragen, warum seine Musik jahrzehntelang praktisch nicht gespielt und gehört wurde. Selbst ein flüchtiger Blick in die Noten macht dem aufgeschlossenen Musikfreund klar, dass es keinesfalls an der Qualität der Stücke liegen kann – Sabaneev erreicht nicht nur das Niveau der genannten Kollegen, sondern schwingt sich in dem einen oder anderen Prélude zur geistigen und musikalischen Höhe eines Chopin auf. Was also könnte der Grund sein? Der Komponist selbst hat in einem der im Booklet abgedruckten Texte eine hellsichtigen Hinweis gegeben: Seine Musik sei ‚wegen ihres Materials, ihrer Ausdrucksform und auch der Strenge ihrer Grundstimmung‘ nicht gerade leicht zugänglich. In der Tat muss man sich einhören in die rasanten Stimmungswechsel und die komplexe Ausdrucksvielfalt dieser Klavierwerke. Die optimalen Voraussetzungen hierfür bietet Schäfers Klavierspiel.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sabaneev, Leonid: Sämtliche Werke für Klavier Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
2
02.10.2015
Medium:
EAN:

CD
4260036253801


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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