> > > Tschaikowsky, Pjotr Iljitsch: Pique Dame
Donnerstag, 29. September 2022

Tschaikowsky, Pjotr Iljitsch - Pique Dame

Leidenschaftlich und mitreißend


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neue 'Pique Dame' vom Bayerischen Rundfunk ist das Dokument eines lebendigen und mitreißenden Opernabends.

Es gibt CD-Mitschnitte, bei denen man am Ende den unsichtbaren Künstlern in der Stereoanlage applaudieren möchte, weil man dem Gefühl Ausdruck verleihen muss, einer mitreißenden Aufführung beigewohnt zu haben. Die neue 'Pique Dame' beim hauseigenen Label des Bayerischen Rundfunks ist ein solcher Fall. Mariss Jansons und seine Musiker bieten gemeinsam mit einem fast ausschließlich muttersprachlichen Ensemble eine ungemein leidenschaftliche und mitreißende Interpretation von Tschaikowskys Meisterwerk. Der Mitschnitt stammt von den konzertanten Aufführungen der 'Pique Dame' im Oktober 2014 im Münchner Gasteig. Den frenetischen Jubel des Publikums gibt’s bei der CD-Aufnahme ebenfalls dazu – und das wirkt nicht im Geringsten selbstverliebt, sondern vermittelt einen lebendigen Eindruck dieser außergewöhnlichen Aufführungen.

Mariss Jansons brennt ohrenfällig für Tschaikowskys Komposition. Wie ein Klangmagier entwirrt er die akustischen Fäden, fügt sie transparent wieder zusammen, wühlt abgründige Farben aus dem Untergrund auf, dass dem Hörer teilweise der Atem stockt. Diese 'Pique Dame' kennt ebenso die geballte Klangwucht wie den kammermusikalischen Tonfall. Beeindruckend, mit welch gespenstischer Eleganz die Holzbläser den satten Streicherteppich durchdringen, wie prachtvoll und zugleich sensibel das Blech agiert. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks macht hier seinem exzellenten Ruf alle Ehre. Auch der Chor des Bayerischen Rundfunks und der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper sind glänzend disponiert.

Das herrliche Solistenensemble wird von Misha Didyk und Tatiana Serjan als Hermann und Lisa angeführt. Didyk singt diese Partie seit einigen Jahren von Mailand bis Barcelona, auf Tonträger ist seine Interpretation des spielsüchtigen Hermann noch nicht greifbar. Das ändert sich nun glücklicherweise, denn der Tenor verfügt über eine große Palette an Farben und die notwendige Stamina. Den Verfall Hermanns zeichnet der Sänger mit ergreifender Intensität nach. Zunächst klingt er noch jugendlich mit viel lyrischem Schmelz, dann ergreift ihn die Dunkelheit – und das hört man. Hermanns Sterbeszene ging selten so unter die Haut. Misha Didyk versteht es, rein über Farbe und Intensität ein Schicksal zu erzählen, ohne vokale Effekthascherei.

Die rauschhaften Duettszenen mit Lisa gehören ebenso zu den Höhepunkten des vorliegenden Mitschnitts, denn auch Tatiana Serjan wirft sich mit Verve und vokaler Präsenz mächtig ins Zeug. Die dramatischen Momente der letzten beiden Akte liegen ihr zwar hörbar besser als die Lyrik des ersten Aktes, aber auch diesen gestaltet Serjan mit Hingabe und Sensibilität. Wie ihr Sopran dann aber im Newa-Bild auflodert ist schlichtweg entwaffnend. Misha Didyk und Tatiana Serjan sind ein 'Pique Dame'-Paar der Extraklasse.

Die weiteren Partien sind ebenso überzeugend besetzt – allen voran die titelgebende ‚Pique Dame‘: die Gräfin von Larissa Diadkova. Einst war die russische Mezzosopranistin eine wunderbar jugendliche Olga in 'Eugen Onegin' oder eine Polina in 'Pique Dame'. Nun gibt sie sich als stimmgewaltige und gar nicht abgesungene Gräfin die Ehre. Diadkova kann nun beide Trümpfe dieser Rolle ausspielen: ihre absolut intakte Mezzostimme und obendrein ein scharf gezeichnetes Charakterbild. Wer große Künstlerinnen wie Rita Gorr, Martha Mödl, Leonie Rysanek, Elisabeth Söderström, Elena Obraztsova oder Anja Silja in dieser Partie im Ohr hat, sollte dieser Best-of-Auflistung nun Larissa Diadkova hinzufügen.

Als Fürst Yeletzky hinterlässt Alexey Markov einen wahrhaft fürstlichen Eindruck mit seiner markanten Tiefe und seinem glutvollen Zugriff auf die berühmte Arie. Alexey Shishlyaev ist ein wunderbar kerniger Tomsky und als Polina beeindruckt Oksana Volkova mit ihrer abgründigen Altstimme, die ihre Romanze noch schauriger macht und das anschließende Tanzlied bedeutungsvoll unterfüttert. Für das übrige Ensemble seien stellvertretend der charakteristische Tenor von Vadim Zaplechny als Chekalinsky und der Bass Tomasz Slawinski als Surin genannt.

Freilich wartet diese neue 'Pique Dame' nicht gerade mit großen Namen auf, wenngleich alle Solisten auf eine ansehnliche Karriere blicken können. Man kann nur hoffen, dass sich potenzielle Käufer nicht aus Unkenntnis vom Erwerb dieser Aufnahme zurückhalten lassen – es würde ihnen ein lebendiger und mitreißender Opernabend entgehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Pjotr Iljitsch: Pique Dame

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
BR-Klassik
3
11.09.2015
168:43
2014
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4035719001297
900129


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"In die Arbeit an der Oper „Pique Dame“ habe er seine ganze Seele gelegt, bekannte Peter I. Tschaikowsky einmal. Aber zunächst war der Komponist von „Schwanensee“, des „Evgenij Onegin“ und der „Symphonie Pathétique“ skeptisch, ob sich die Puschkin-Novelle zur Oper eigenen würde, dann ließ er sich 1890 in einem knapp zweimonatigen Aufenthalt in Florenz auf die Geschichte ein und erweckte die Geschehnisse um Lisa, Herrmann und Fürst Jeletzkij musikalisch zum Leben. Dabei zeichnete er ein menschliche Untiefen auslotendes Drama, in dem Spielernatur Hermann die ihn anbetende Lisa in den Tod treibt – jene Lisa, die dem Fürsten Jeletzkij versprochen ist, den sie aber nicht liebt. Im finalen Kartenspiel besiegt Jeletzkij den Nebenbuhler und Hermann begeht schließlich Selbstmord unter der erneuten geisterhaften Erscheinung der Großmutter Lisas, der er das Geheimnis gewinnbringender Karten zu entlocken suchte: „Das Leben ist ein Spiel! Und Gut und Böse nur ein Traum!“ – Wer könnte die symphonische Wucht, die Klangfarben, die musikalischen Charakterisierungen der Personen und den emotionalen Stimmungsgehalt der Szenen besser deuten als Mariss Jansons, der lange Jahre in St. Petersburg, dem Ort der Uraufführung, als Dirigent der Leningrader Philharmoniker wirkte! Mit großer Kennerschaft hat er für die Darbietung in russischer Originalsprache eine Sängerriege zusammengestellt, die mit den Rollen der „Pique Dame“ auch muttersprachlich bestens vertraut sind, darunter Misha Didyk als Hermann¸ Tatiana Serjan als Lisa und Alexey Markov als Fürst Jeletzkij. Neben Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wirkt der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper in dem Live-Mitschnitt aus der Münchner Philharmonie im Gasteig mit. "


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BR-Klassik

BR-KLASSIK, das Label des Bayerischen Rundfunks (BR), veröffentlicht herausragende Live-Konzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO), des Chors des Bayerischen Rundfunks, des Münchner Rundfunkorchesters sowie der Konzertreihe musica viva. Dabei ist es ein wesentliches Ziel des Senders, über seine Radio- und TV-Programme hinaus auch digital sowie via CD und DVD allen Musikfreunden weltweit Zugang zu besonderen Aufnahmen zu bieten und auf diese Weise auch jenes Publikum zu erreichen, welches keine Möglichkeit hat, die Konzerte der internationalen Tourneen selbst vor Ort live zu erleben.

Neben den jeweiligen Chefdirigenten wie beispielsweise Mariss Jansons oder Sir Simon Rattle finden sich großartige Künstlerpersönlichkeiten wie Daniel Barenboim, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink und viele andere mehr.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert unterhaltsame und kurzweilige Hörbiografien von Jörg Handstein mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen auf jeweils 4 CDs, erzählt von Udo Wachtveitl sowie spannende Werkeinführungen in bedeutende Kompositionen der Musikgeschichte.

Durch die Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE werden historische Aufnahmen des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wieder verfügbar. Beispielsweise die legendäre Aufführung des Verdi-Requiems unter der Leitung Ricardo Mutis mit Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras und Jewgenij Nesterenko und dem Chor des BR im Jahr 1981 oder etwa denkwürdige Konzertabende mit der Pianistin Martha Argerich: 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr.1 unter Seiji Ozawa.

Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen und hat bereits mehr als 50 renommierte und internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, den Diapason d’or, den BBC Music Magazine Award und den ICMA.

BR-KLASSIK wird weltweit durch NAXOS vertrieben. Selbstverständlich gehören hierzu auch digitale Portale wie Spotify, Apple, amazon u.v.a.. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK. 


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