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Samstag, 25. Juni 2022

Dvorák, Antonín - Bagatelles Op. 47

Geheimtipp für Kenner und Neugierige


Label/Verlag: Tudor
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Scharoun Ensemble präsentiert drei bisher kaum bekannte Werke aus Dvořáks Kammermusikrepertoire in künstlerischer Vollendung, lebendiger musikalischer Interpretation und mit viel Liebe zum Detail.

Mit ihrer sechsten CD beweisen die Mitglieder des Scharoun Ensembles Berlin ein weiteres Mal ihr Gespür dafür, außergewöhnliche Programme zusammenzustellen. Antonín Dvořák ist weder in sinfonischer noch in kammermusikalischer Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt, und doch stehen die drei hier vorgestellten Werke – die Bagatellen op. 47, das Terzetto op. 74 und das Streichquintett op. 77 – deutlich im Schatten berühmterer Werke wie dem Klavierquintett op. 81, dem Cellokonzert op. 104 oder der Neunten Sinfonie op. 95. Die vorliegende Einspielung könnte dazu beitragen, diese vermeintlich unscheinbaren Werke in ihrer Qualität aufzuwerten und sie einem interessierten Publikum näherzubringen. Während an den von Dvořák verwendeten Gattungsbezeichnungen zunächst noch nichts Ungewöhnliches auffällt, liegt die Besonderheit im Detail, nämlich an der Art der Besetzung. In jedem der Werke weicht der Komponist von dem ab, was den Zuhörern bisher als Standard bekannt ist, was sich jedoch nicht in dem radikalen Wunsch nach Andersartigkeit äußert, sondern stets dezent bleibt und damit für manche erst auf den zweiten Blick erkennbar wird.

Ungewöhnliche Besetzungen in feiner musikalischer Nuancierung

Wie dem in drei Sprachen vorliegenden und sehr informativen Booklettext zu entnehmen ist, machte Dvořák in seinen Bagatellen op. 47 aus der Not, dass den Musikers kein Klavier, sondern ein Harmonium zur Verfügung stand, eine Tugend, indem er kurzerhand die Klavierstimme auf dieses Instrument übertrug. Die anfängliche Fremdartigkeit des Klangs, der manchen Zuhörer an Dudelsack oder Akkordeon erinnern könnte, weicht schnell einem Höreindruck, der das Spiel aller vier Musiker miteinander verschmelzen lässt. Auf diese Weise entsteht ein ausgewogener Gesamtklang, bei dem schließlich nur noch die Frage im Raum steht, ob der dunkle, unaufdringliche Klang des Harmoniums nicht sogar weitaus besser zum Charakter der Stücke passt als die Helligkeit und Brillanz des Klaviers. Mit seinem differenzierten Spiel sorgt Wolfgang Kühnl für einen soliden Klangteppich, über dem sich Violinen und Cello frei entfalten können, erzeugt aber in anderen Passagen sinfonische Klangfülle, welche die Bagatellen op. 47 als Werk von großer dynamischer Bandbreite, klanglicher Vielfalt und solistischer Präsenz auszeichnet.

Ähnliches gilt auch für das Terzetto, das mit der Kombination aus zwei Violinen und einer Viola seinem aus der Vokalmusik stammenden Namen alle Ehre macht. Dvořák überträgt hier die charakteristische Kantabilität eines Vokalensembles auf eine Besetzung aus hohen Streichinstrumenten, so dass die Assoziation eines dreistimmigen Frauenchors – Sopran, Mezzosopran und Alt – naheliegt. Das Werk lebt von dem Wechsel zwischen lyrischen, leidenschaftlichen und hochvirtuosen Passagen, in denen die Künstler neben klanglicher Eleganz und Zartheit eine Spielfreude zum Ausdruck bringen, die sich auf den Hörer überträgt.

Dramaturgisch sinnvoll aufgebaut

Nicht nur die Zusammenstellung der Werke erweist sich in ihren inhaltlichen Gemeinsamkeiten als gelungen, sondern auch die Dramaturgie der Anordnung. Das Scharoun Ensemble empfängt den Hörer mit jenen vertrauten Klängen, die ein Dvořák-Kenner mit der Musik dieses Komponisten in Verbindung bringt. Der erste Satz der Bagatellen vereint viele Elemente, die hierzulande als typisch slawisch bezeichnet werden, wie z.B. melancholischen Ausdruck, tänzerischer Charakter, eingängige Melodie und ein hohes Maß an Leidenschaftlichkeit. Zur Lebendigkeit der Interpretation trägt auch der Umstand bei, dass die Musiker unabhängig von ihrer intonatorisch stets sauberen Darstellung nicht davor zurückschrecken, ihren Instrumenten etwas rauere, beinahe kratzige Töne zu entlocken, um den volkstümlichen Charakter der Musik zu unterstreichen – ein klangliches Phänomen, das besonders gut im fünften Satz der Bagatellen zu hören ist, der mit einem charakteristischen Cellosolo beginnt. Im weiteren Verlauf der Einspielung ist der Hörer eingeladen, die gesamte Bandbreite von Dvořáks kammermusikalischer Welt kennenzulernen, die vom Scharoun Ensemble sowohl in dynamischer als auch in klangfarblicher Hinsicht in ihrer ganzen Vielfalt ausgelotet wird. So endet die Entdeckungsreise mit einem Streichquintett, das sich dank Dvořáks Hinzunahme eines Kontrabasses bis zu sinfonischen Ausmaßen steigert und in einem furiosen Finale mündet.

Die Einspielung des Scharoun Ensembles hat jedem Dvořák-Freund, egal ob Kenner oder Laie, etwas zu bieten. Die klanglich und technisch überzeugende Aufnahme macht neugierig auf weitere Interpretationen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Dvorák, Antonín: Bagatelles Op. 47

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tudor
1
14.08.2015
Medium:
EAN:

CD
812973011873


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