> > > Die schöne Müllerin: Werke von Berger & Schubert
Donnerstag, 23. November 2017

Die schöne Müllerin - Werke von Berger & Schubert

Bemerkenswerte Neuinterpretation altvertrauter Melodien


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Mut zur musikalischen Beschreitung unausgetretener Pfade, künstlerischem Geschick und viel Liebe zum Detail präsentieren Markus Schäfer und Tobias Koch Schuberts 'Schöne Müllerin' in völlig anderem Gewand. Das Ergebnis ist beeindruckend.

Es gibt Werke im Kanon der klassischen Musikliteratur, die man als interessierter Konzertbesucher und Musikliebhaber so oft gehört hat, dass eine neue Aufnahme zunächst nur halbherziges Interesse hervorlocken kann. Auch im Fall von Schuberts Liederzyklus 'Die schöne Müllerin' drängt sich die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, ein derart bekanntes Werk so zu präsentieren, dass es sich nicht nur deutlich von anderen Interpretationen abhebt, sondern – und hierin liegt die wesentlich größere Schwierigkeit – auch noch in sich künstlerisch stimmig ist.

Nach dem Hören der vorliegenden Aufnahme von Markus Schäfer (Tenor) und Tobias Koch (Klavier) scheint die Antwort festzustehen: Ja, es ist tatsächlich möglich. Die Neuartigkeit der hier präsentierten 'Schönen Müllerin' zeigt sich auf mehreren Ebenen, die nicht alle gleichermaßen vordergründig sind, so dass musikalische Laien sich von der Frische, der Lebendigkeit und dem teils überschäumenden Temperament angezogen fühlen könnten, während sich dem Kenner eine von Anfang bis Ende durchdachte Interpretation offenbart, die einer in Klang verwandelten wissenschaftlichen Analyse gleicht und in der die Musik den Text bis ins kleinste Detail auslotet.

Die Musik sagt mehr als der Text allein

Schon das erste Lied von Schuberts Zyklus – 'Das Wandern' – gibt im wahrsten Sinne des Wortes den Ton an und reißt den Zuhörer sofort mit. Abgesehen von dem feurig-frischen Tempo überzeugt die Interpretation dadurch, dass keine Strophe der anderen gleicht, auch wenn der Notentext sich nicht ändert. Dieses Phänomen erreichen die Musiker nicht nur durch eine Vielfalt an Verzierungen, mit der sie die Musik ab der zweiten Strophe anreichern, sondern auch durch die unterschiedlichen Klangfarben im Klavier, die teilweise extremen dynamischen Unterschiede und die an einigen Stellen hinzugefügten Motive. Zu keiner Zeit jedoch dienen die Veränderungen bzw. Ausschmückungen allein dazu, der potentiellen Eintönigkeit entgegenzuwirken, sondern immer unterliegen sie dem künstlerischen Anspruch, dem Zuhörer nicht nur den Text, sondern auch den Gehalt hinter dem Text deutlich zu machen. Dies zeigt sich nicht nur an einzelnen Liedern, sondern besonders auch im gesamten Zyklus, in dem sich die Stimmung nach und nach verändert.

Die textliche Interpretation könnte dahingehend argumentieren, dass es zu einem Bruch kommt, wenn das Mädchen, in das der Müller sich verliebt hat, sich für den Jäger entscheidet, was ihn selbst in tiefste Verzweiflung stürzt und unterschiedlichste Gefühle wie Wut, Eifersucht, Bitterkeit, Trauer und schließlich Resignation hervorruft. Musikalisch jedoch geht diese Wendung viel subtiler vonstatten, was von Markus Schäfer und Tobias Koch hervorragend herausgearbeitet wird. Den Höhepunkt dieser oft unterschwelligen Interpretationsweise erlebt der Zuhörer im Abschluss des Zyklus, in 'Des Baches Wiegenlied'. Dieses beginnt in ruhigem, aber fließendem Tempo; sowohl Pianist als auch Sänger interpretieren den Text als Schlaflied für den Müller, das nur durch gelegentliche Moll-Einfärbungen getrübt wird und dem Zuhörer so klar macht, dass es sich nicht um ein typisches Wiegenlied handelt. Im Laufe der Strophen wird das Grundtempo immer langsamer, als ob der Puls der Musik den Herzschlag des Müllers nachvollzieht, der nach und nach schwächer wird und schließlich verstummt – ebenso wie das permanente Rauschen des Baches, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Zyklus gezogen hat.

Markus Schäfer und Tobias Koch gelingt es mit ihrer Interpretation auf wunderbare Weise, dem Zuhörer einen Gehalt zu präsentieren, in dem Text und Musik eine Einheit bilden, in dem die Musik aber noch weit über den Text hinausgeht und ihm nicht selten eine eigene Färbung zukommen lässt – wie es auch in anderen vokalen Werken von Schubert so oft der Fall ist.

Zwei 'Schöne Müllerinnen' nebeneinander

Nicht nur aufgrund der neuartigen Interpretation von Schuberts Liederzyklus ist die vorliegende Aufnahme, die 2015 im Label Cavi-music erschienen ist, bemerkenswert. So bekannt das Werk von Schubert ist, so ist es keineswegs die einzige Vertonung der Gedichte von Wilhelm Müller. Zu Anfang der CD stellen Markus Schäfer und Tobias Koch eine Komposition von Ludwig Berger vor, einem Zeitgenossen Schuberts, der ebenfalls eine Vertonung zu einigen Gedichten von Müller schrieb und sie unter dem gleichen Titel veröffentlichte. Im Gegensatz zu Schubert liegt der Schwerpunkt hier jedoch auf der Grundlage eines gesellschaftlichen Liederspiels, für das Müller die Gedichte schrieb und sie mit einigen anderen Lieddichtern 1816 auch selbst auf der Bühne aufführte. 1818 wurde der Komponist Ludwig Berger damit beauftragt, einige Gedichte zu vertonen. Unter dem Titel 'Gesänge aus dem gesellschaftlichen Liederspiele Die schöne Müllerin' wurden sie schließlich veröffentlicht – fünf Jahre, bevor Schuberts gleichnamiger Zyklus entstand. Die Gegenüberstellung der beiden Vertonungen ist nicht nur wegen ihrer Unterschiede interessant, sondern auch wegen ihrer Gemeinsamkeiten. So dient das letzte Lied aus Bergers Zyklus 'Des Baches Lied' als optimale Einstimmung in den folgenden Zyklus von Schubert, zumal es viele Aspekte von Schuberts Musiksprache bereits vorwegnimmt.

Alles in allem eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Aufnahme, in der die Ausführenden nicht nur durch ihre außerordentlichen künstlerischen Fähigkeiten und ihr bemerkenswertes instrumental- bzw. vokaltechnischen Darstellungsvermögen, sondern ebenso und in besonderer Weise durch ihr Gespür für den emotionalen Ausdruck und Gehalt der Komposition überzeugen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Die schöne Müllerin: Werke von Berger & Schubert

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
CAvi-music
1
28.08.2015
EAN:

4260085533336


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Fantastische Vier: Das Boulanger Trio hat sich für sein neustes Album Verstärkung geholt: Zusammen mit Bariton André Schuen schaffen sie hervorragende Interpretationen verschiedener Beethoven-Lieder. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
  • Zur Kritik... Haydnscher Mahler: Die Düsseldorfer Symphoniker und Ádám Fischer präsentieren auf ihrer zweiten Mahler-CD eine sachlich bestens ausgearbeitete Interpretation ohne jedoch die emotionalen Konflikte der Sinfonie zu vertiefen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Klangbilder aus Osten: Viola Wilmsen und Kimiko Imano erschließen neue Welten Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Uta Swora:

  • Zur Kritik... Ohne Pathos: Mit Frische, Leichtigkeit und Feuer interpretiert Christian Poltéra die Cellokonzerte von Dvorák und Martinu. Auch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin beeindruckt durch seine bemerkenswerte Leistung in solistischer und begleitender Funktion. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Ode an die Melancholie: Poetischer und ausdrucksvoller kann man sich Melancholie kaum vorstellen, als sie hier vom Chelys Consort of Viols präsentiert wird. Die zu Unrecht kaum bekannten Werke von John Dowland erreichen auf diese Weise endlich ihre verdiente Aufmerksamkeit. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Ein Weg zu Satie: Auch die Fortsetzung ihrer Einspielung der Klaviermusik Erik Saties weist Noriko Ogawa als hervorragende, sensible Pianistin aus, die ein feines Gespür für die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der Stücke entwickelt, ohne sich selbst in Szene zu setzen. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Uta Swora...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Das Chambre séparée bleibt heute leer: Diese Produktion von Heubergers 'Opernball' setzt leider keine Maßstäbe. Sie ist achtbar, wenn auch nicht von besonderem Esprit getragen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Rascher Aufstieg: Das Arcis Saxophon Quartett erkundet Bearbeitungen und Originalwerke und zeigt sich von inspirierender Frische. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Klarinetten-Facetten: Carolin Renner spürt mit dieser Zusammenstellung den vielfältigen Ausdruckswelten der Klarinette im frühen 20. Jahrhundert nach. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich