> > > Isn't this a time?: Amerikanische Werke für Klarinette
Sonntag, 18. August 2019

Isn't this a time? - Amerikanische Werke für Klarinette

Experimentelle Vielschichtigkeit


Label/Verlag: Metier Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ian Mitchell präsentiert sich hier als neugieriger Klarinettist, der in Kompositionen des 20. Jahrhunderts seine Vielschichtigkeit und Interpretationsvielfalt offenlegt und keine neuen Experimente auf seinem Instrument scheut.

‚Isn’t this a time for enjoying clarinet music?‘ Der britische Klarinettist Ian Mitchell zeigt mit dieser CD-Einspielung nicht nur ein breites Spektrum angelsächsischer Klarinetten-Kompositionen des 20. Jahrhunderts, sondern macht auch mit den vielschichtigen Ausdrucksmöglichkeiten auf seinem Instrument und darüber hinausgehenden musikalischen Fähigkeiten vertraut. Die Auswahl der Werke scheint den Fokus genau auf diese interpretatorische, experimentelle Vielschichtigkeit zu legen und keinem homogenen ästhetischen Programm zu folgen. Einzelne Verknüpfungen zwischen den Kompositionen und Komponisten sind zwar klar erkennbar, wenn sich beispielsweise die Kompositionen von Peter Warlock, Barney Childs und Eric P. Mandat aufeinander beziehen, doch die musikalischen Eigenheiten der einzelnen Stücke lenken die Aufmerksamkeit nicht auf das Verbindende dieser Stücke, sondern vielmehr auf die Interpretation von Ian Mitchell.

In 'Reflection' von William O. Smith und 'Dark as a Dungeon' von Merle Travis erhält der Klarinettist vokale Unterstützung von der Trinity Laban Clarinet Class, und es wird deutlich, dass sich die Klarinette hier einerseits von dem vokalen Klangfundament abheben will, aber andererseits auch immer Eingliederungsversuche in den nicht immer homogenen Chorklang versucht. Ian Mitchell zeigt hier deutlich, dass er es versteht, die technischen und physischen Grenzen der Klarinette auszuloten und weite Intervallsprünge, nuancenreiche Tonschwingungen und Effektklänge bestens einzusetzen. In Christian Wolffs aleatorischer Komposition 'For One, Two or Three People' greift Ian Mitchell nicht nur zu seiner Klarinette, sondern auch zum Klavier und sogar zu unterschiedlichen Becken. Im titelgebenden Stück 'Isn’t This a Time?' tritt er mit sich selbst in einen Dialog und hat zu seiner ersten Interpretation eine zweite Stimme eingespielt, die über die erste Stimme gelegt wird. In Tom Johnsons 'Bedtime Stories' schlüpft er zudem abwechselnd in die Erzähler- und Klarinettistenrolle: Einer kurzen Lesung folgt jeweils eine Klarinettenminiatur, die Ian Mitchell sehr präzise artikuliert und die als Brücke zu den einzelnen literarischen Ausschnitten fungiert.

Ein besonderes Highlight dieser Einspielung ist für jeden Holzbläser mit historischer Beschlagenheit sicherlich das Werk 'Epitaphs' von William O. Smith: Der Komponist greift hierbei auf Texte der antiken Dichterin Anyte von Tegea zurück und teilt die Verse auf eine insgesamt siebenteilige Komposition auf. Ian Mitchell verwendet für diese zweistimmige Komposition seine selbst entworfene Doppel-Klarinette, die angelehnt an den altgriechischen Aulos ein zweistimmiges Musizieren ermöglicht. Klanglich bewältigt er diese nicht zu unterschätzende technische Schwierigkeit sehr gut und lässt erahnen, wie eventuell der (Doppel-)Aulos geklungen haben mag.

Ian Mitchell zeigt auf seiner CD, dass er vor allem ein experimenteller Klarinetten-Virtuose ist, der Herausforderungen und neue Interpretationsmöglichkeiten für sein Instrument sucht. Seine hohen Töne in der drei- und viergestrichenen Oktave sind gestochen scharf und sauber und er zeigt immer wieder, welche unterschiedlichen Klangerzeugnisse und Intonationsmöglichkeiten auf seiner Klarinette möglich sind. Man vermisst allerdings die schöne mittlere und tiefe Lage der Klarinette und sehnt sich zwischenzeitlich nach lyrischen Passagen. Er lässt sich zudem nur schwer in die Reihe der klassischen Klarinetten-Interpreten einordnen, aber dies scheint auch gar nicht sein primäres Ziel zu sein. ‚Isn’t This a Time?‘ verdeutlicht vor allem seine Experimentierfreude und eröffnet einen Blick auf angelsächsische Klarinettenkompositionen, die nicht im alltäglichen Konzertrepertoire zu finden sind. Wer für diese Entdeckungsreise bereit ist, lässt zwar den warmen, traditionellen Klang etwas beiseite, aber wird viele neue Facetten auf der Klarinette entdecken.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Isn't this a time?: Amerikanische Werke für Klarinette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Metier Records
1
28.08.2015
Medium:
EAN:

CD
809730855320


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Metier Records

1992 gegruendet, hat METIER schnell einen Namen fuer eine augezeichnete moderne Repertoire- und Produktionsqualitaet erworben. Metier ist mittlerweile einer der wichtigsten Namen der heutigen klassischen Musik ? durch die Zusammenarbeit mit Tonkünstlern aus Grossbritannien, aber auch international mit grossen Komponisten der Welt wie Roberto Gerhard, Charles Ives, George Crumb, Walter Zimmermann, Georg Rochberg, unter anderen.

Metier stellt eine breite Auswahl von musikalischen Stilen und Ideen der ganzen heutigen Komposition vor und schliesst eine grosse Zahl von wichtigen Weltpremieren, insbesondere der Komponisten, welche von den multinationalen Firmen vernachlaessigt werden, mit ein. Metier legt keinen grossen Wert auf schwaermerisches Werbematerial, Prominenten-Empfehlungen und falsche Versprechungen, die die moderne Reklame charakterisieren, sondern einfach auf kuenstlerische Qualitaet. Metier ist daher ein unentbehrlicher Name fuer serioese Sammler.

Die Firma stellt in ihrer ?Re-appraisal? (Neubewertung) Serie auch Musik der Vergangenheit dar ? zum Beispiel Bach und Beethoven, aber mit neuen Herangehensweisen von hochrangigen Künstlern, deren Erfahrung und Innovationsgeist neue, faszinierende Interpretationen hervorbringen.

METIER hat 12 ?CD of the Year? und ?Critic?s Choice? Preise gewonnen und wurde 2007 ein Teil der Divine Art Gruppe. Eine neue Serie von wichtigen modernen Werken ist im Werden, abermals von sehr positiver Kritik begleitet.


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