> > > Poulenc, Francis: Kammermusik
Dienstag, 19. Juni 2018

Poulenc, Francis - Kammermusik

Französisch verzaubert


Label/Verlag: Paladino
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Poulenc-Einspielung präsentiert Kammermusikwerke in all ihrer Ausdrucksvielfalt. Man kann diese Musik nicht facettenreicher spielen.

Francis Poulenc glaubt man als neoklassizistisch gewitzten Komponisten zu kennen. Die einseitige Betrachtungsweise unterschlägt aber die ernsthafte Seite seines Schaffens, die sich beispielsweise in den religiösen Werken und in der Oper 'Les dialogues des Carmélites' zeigt. Schließlich war er mehr als vier Jahrzehnte, bis zu seinem unerwarteten Tot im Jahre 1963, Mitglied des Pariser ‚Groupe des Six’, ein Zusammenschluss von Künstlern, die die gemeinsame Ablehnung gegen die romantische Musik verband.

Poulencs Ernsthaftigkeit zeigt sich in den Sonaten vorliegender Einspielung. Nicht umsonst gelten die Violinsonate (FP 119), die Flötensonate (FP 164) und die Sonate für zwei Klaviere (FP 156) zu den berühmtesten Kammermusikwerken des 20. Jahrhunderts. Führende Musiker des derzeitigen Musikbetriebs in Deutschland bringen die Sonaten Poulencs facettenreich zum Klingen; Kolja Lessing, Violine; Henrik Wiese, Flöte; Eva-Maria May, Piano und Alexander Wienand, Piano.

Kolja Lessing setzt die Satzbezeichnung axakt um: rhythmisch expressiv. Von Anfang an lodert vitales Feuer. Stupend in technischen Dingen widmet er sich ungebremst dem Inhalt der Musik. Farbenreich unterstreicht er die verschiedenen Charaktere der Sonate. Die Violine wechselt ständig zwischen Bogenstrich und Pizzicato und offeriert zwischendurch süffig-melodische Themen, typisch für Poulencs Kompositionsstil. Mosaiksteine werden zusammengesetzt, wobei sich Steine unterschiedliche Färbung überraschend abwechseln; unversehens ändern sich Tempo und Stil. Geschickt wechselt das Duo die Tempi kraftvoll und dann wieder einschmeichelnd. Die schier unbegrenzten technischen Möglichkeiten der Pianistin Eva-Maria May gestatten ihr, selbst in horrenden Tempi eine Raffinesse im Spiel zu behalten und Impulse von höchster Intensität zu gestalten.

Fließend, spielerisch beginnt der Flötist Henrik Wiese die Sonate (FP 164). Der erste Satz 'Allegro malinconico' bringt kontrastierende Stimmungen und enthält ein markantes Hauptthema. Henrik Wiese behält den Schwung in dynamisch leisen wie lauten Stellen bei, wobei der zum Teil forcierte Flötenton Luftgeräusche mit sich bringt und so den Klang stört. Der zweite Satz 'Cantilena' stellt eine bewegende Melodie vor, indessen Harmonik und Textur des Klavierparts von trügerischer Einfachheit sind. Auffallend darin die Sensibilität und musikalische Intelligenz der Pianistin Eva-Maria May. Gekonnt bringt sie in der Schlichtheit der Begleitung einzelne Spitzentöne zum Vorschein, die den Satz unwiderstehlich machen. Das Werk endet mit einem raschen, freundlichen 'Presto giocoso', dessen lebhafter Verlauf kurz von einer nachdenklicheren Passage unterbrochen wird, eröffnet mit einer quirligen Sequenz, die in flotter Virtuosität durchflogen wird. Die Flöte glänzt vogelgleich und zeigt sich auch in scharf angezogenem Tempo absolut sicher.

Francis Poulencs Sonate für zwei Klaviere gespielt von Eva-Maria May und Alexander Wienand zu erleben, kommt einem Abenteuer gleich. Wie auf einer Reise begegnen wir vielen verschiedenen Landschaften, gegensätzlichen Stimmungen, erfahren Bewegung, Hektik, tauchen ein in Ruhe, nehmen Anteil an großartigen Visionen. Die Musiker verschmelzen zu einem großen Ganzen. Die ganz eigene Harmonik bringt Dissonanzen-Schärfe, Polytonalität, Formeln und Floskeln. In jeder Situation lassen die Musiker den reichhaltigen Harmonien genug Zeit, um sich zu entfalten. Sie zelebrieren die Ruhe und verwandeln Nonenakkorde wie simple C-Dur-Dreiklänge zu berauschender Schönheit. Die Instrumentalisten musizieren mit überschäumender Lebensfreude, frechem Witz bis hin zu kühler Sprödheit. Liebhaber der französischen Musik erleben auf dieser Einspielung Sonaten von Francis Poulenc auf allem höchsten Niveau.


Marina Brunner Kurzkritik von Marina Brunner ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Poulenc, Francis: Kammermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Paladino
1
28.08.2015
EAN:

9120040731533


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Paladino

Das CD-Label paladino music wurde 2009 von dem Cellisten Martin Rummel gegründet und ist sozusagen die Keimzelle von paladino media, wozu mittlerweile neben paladino music auch Orlando Records, KAIROS und Austrian Gramophone gehören. Inzwischen bei einem Durchschnitt von 15 Veröffentlichungen pro Jahr angekommen, hat paladino music sich zu einem anerkannten Boutique-Independentlabel entwickelt. Die Veröffentlichungen sind zumeist auf einen Komponisten fokussiert, aber auch Rezitalprogramme und aufsehenerregende Debütaufnahmen sind neben Ersteinspielungen von Komponisten wie Franz Krommer, David Popper, Johann Joachim Quantz, Thomas Daniel Schlee, Robert Stark und Johann Wenzel Tomaschek entstanden. Herausragende Interpreten aller Generationen, von jungen Künstlern bis hin zu internationalen Stars wie Vladimir Ashkenazy garantieren, dass die künstlerische Qualität der Einspielungen außer Frage steht. Ursprünglich auf Kammermusik fokussiert, veröffentlicht paladino music in jüngster Zeit auch zunehmend Solokonzert- und andere Orchesteraufnahmen.

Zahlreiche Veröffentlichungen haben Auszeichnungen bekommen oder sind zumindest dafür nominiert worden, und Kritiker in internationalen Medien loben nicht nur die Aufnahmen und das Repertoire selbst, sondern auch die strikt durchgezogene Eleganz des Designs, dass aus dem Firmendesign von paladino media entwickelt ist. paladino music wird von Martin Rummel kuratiert, der von einem kleinen Team an Fachleuten in der Umsetzung, Fabrikation und Distribution unterstützt wird. Das Lager wird von Naxos Global Logistics verwaltet, und ein Netzwerk von über 50 internationalen Vertrieben garantieren, dass jede Aufnahme weltweit über den Fach- und Internethandel sowie über alle wesentlichen Streaming- und Downloadplattformen verfügbar ist.


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