> > > Strauss, Johann: Eine Nacht in Venedig
Montag, 18. Oktober 2021

Strauss, Johann - Eine Nacht in Venedig

Souvenir vom See


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer in diesem Sommer in Mörbisch war und das Hörerlebnis mit nach Hause nehmen möchte, der ist mit dieser 'Nacht in Venedig' sicherlich gut beraten. Allen anderen sei von der CD abgeraten.

Souvenir-Shops haben im Urlaub eine magische Anziehungskraft: Man möchte neben den emotionalen Eindrücken oftmals auch ein handfestes Andenken mit nach Hause nehmen. Das ist für den Moment genau richtig und schön, doch schon beim nächsten Großputz und Ausmisten hat man sich an diesen Souvenirs sattgesehen und sie fliegen raus. Zur Kategorie ‚Urlaubs-Andenken‘ gehört letztlich auch die neueste CD-Produktion der Seefestspiele Mörbisch beim Label Oehms. Begleitend zur Neuinszenierung auf der Seebühne ist die 'Nacht in Venedig' von Johann Strauß in aktueller Festspielbesetzung auf einer knapp einstündigen CD-Version erschienen. Das Ganze gilt offenbar als musikalische Gesamtaufnahme, die Striche sind aber deutlich spürbar. Alle Nummern erklingen knackig bis erstaunlich knapp. Auch hier herrscht Souvenir-Mentalität: Alles mal anspielen und sich an die gelungene Aufführung erinnern. Ob diese allerdings wirklich so mitreißend war, lässt sich anhand dieser Studioaufnahme nicht belegen. Alles funktioniert ordentlich und klingt hübsch – mehr aber auch nicht.

Da wäre beispielsweise die Annina von Annika Gerhards, die mit gut fokussiertem Sopran und recht hoher Textverständlichkeit das Porträt einer opernhaft ambitionierten Fischverkäuferin gibt. Bei aller stimmlichen Schönheit perlt hier kein Charme, fehlt die Doppelbödigkeit und es fehlt an der immens schwierigen Leichtigkeit. Gewiss, das Libretto strotzt auch nicht gerade vor doppelbödigem Humor und hoher Qualität, aber die dauerhafte Konzentration auf imposanten Gesang trägt auch nicht gerade zur Auflockerung einer ohnehin schwerfälligen Operette bei.

Dabei gibt sich Andreas Schüller am Pult des gut aufgelegten Orchesters der Festspiele Mörbisch alle Mühe, federnd und beschwingt zu musizieren. Das Ergebnis ist solide und man hört deutlich, dass Schüller mit dem Genre einige Erfahrung hat. Erfrischend oder gar überraschend gelingt ihm die 'Nacht in Venedig' aber nicht. Da fragt man sich nach gut 20 Minuten CD-Hören schon, weshalb diese Aufnahme nun den Plattenmarkt bereichern soll. Ja, Mörbisch bringt traditionell in jedem Jahr die Begleit-CD zur Neuproduktion heraus, das macht aber diese Tonträger nicht international attraktiver.

Junge Solisten und Veteranen

Vielleicht rechtfertig die weitgehend junge Besetzung die Veröffentlichung der 'Nacht in Venedig'. Das ist Werbung für die kommende Sängergeneration, die hier zumindest vokal bei Weitem kein schlechtes Bild hinterlässt. Richard Samek ist ein tenoral wohlklingener Caramello, Barbara Pöltl liefert den frechen Soubrettenton für Ciboletta, Otto Jaus meistert als Enrico ein flottes Duett mit der Mörbischer Intendantin und Jeffrey Treganza buhlt als Pappacoda um die Gunst des Zuhörers. Den selbstverständlichen Operetten-Konversationston treffen sie allerdings nur bedingt. Das wird einem beim Wiederhören mit Heinz Zednik schmerzlich bewusst. Was dieser Altmeister aus den wenigen Momenten des Delaqua zaubert, ist bemerkenswert, prägnant und authentisch. Auch Dagmar Schellenberger zeigt sich als großtönende Barbara erstaunlich stilsicher und weiß um die Wirkung einer ‚guten Nummer‘: Denn in dieser Version singt Barbara das berühmte ‚Schwipslied‘ als musikalische Einlage.

Ein wirklicher Hinhörer – und damit auch das eigentliche Kauf-Argument für diese Aufnahme – ist der Tenor Herbert Lippert als Herzog. Er stattet den Operetten-Adeligen mit einem hörbaren Lächeln und lyrischem Schmelz aus. Lipperts Stimme mag nicht mehr die jüngste sein, aber sie verführt noch immer mühelos mit ihrem Glanz im 'Lagunenwalzer' oder der Phrasierung in 'Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia'. Der Sänger beweist zusätzlich Stilsicherheit, und das kann überzeugen.

Wer in diesem Sommer in Mörbisch war und das Hörerlebnis mit nach Hause nehmen möchte, der ist mit dieser 'Nacht in Venedig' sicherlich gut beraten. Allen anderen sei von der CD abgeraten, denn sie ist keine Bereicherung fürs CD-Regal. Da greift man besser noch immer zur alten EMI-Aufnahme unter Allers oder erträgt Elisabeth Schwarzkopf unter der energetischen Leitung von Otto Ackermann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Johann: Eine Nacht in Venedig

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
14.08.2015
Medium:
EAN:

CD
4260034864504


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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