> > > Tishchenko, Boris: Sonaten Nr. 7 & 8
Samstag, 6. März 2021

Tishchenko, Boris - Sonaten Nr. 7 & 8

Am Gipfel einer neueren Geschichte der Klaviersonate


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Wertschätzung der Klavierwerke von Boris Tischtschenko (1939-2010, Schüler von Sofia Gubaidulina und Dimitri Schostakowitsch) dürfte mit dieser überwältigenden Aufnahme der monumentalen Sonate Nr. 7 hoffentlich auch im Westen steigen. Ein Erlebnisbericht.

Boris Tischtschenkos Siebte Sonate für Klavier und Glocken dürfte, obwohl im Westen weithin unbekannt, wohl eines der zwanzig Gipfelwerke der Klaviermusik der letzten fünfzig Jahre sein (von denen meines Erachtens gut die Hälfte zudem dem Bereich des sogenannten ‚Jazz‘ zuzurechnen wäre; vielleicht haben ja einige Leser Lust zu einem Austausch darüber in einem Blog). Die erste Begegnung mit diesem Werk auf dieser CD war für mich von Beginn ein überraschendes, tiefgreifendes Erlebnis. Schon die einleitenden Schläge der herrlich volltönenden (großen) Glocke – wie der klangtechnisch voluminös und dabei ganz realiter erfasste Steinway D – haben quasi eine Erweckungsfunktion, enden sie doch unmittelbar gespiegelt im subjektivierten Klavier-Mimikry durch Aufbau von zunehmend wütenderen Cluster-Schlägen, nach denen schließlich noch eine eigenständige Quart-Quint-Figur mit resignativ-erschöpfter Abrutsch-Geste folgt. Diese beiden den ganzen subjektiven Monolog von Kopfsatz und Sonate letztlich bestimmenden Elemente gehen auch in ein höchst prägnantes, gewaltiges, durchaus an Schostakowitschs Opus 87 erinnerndes Fugenthema ein, welches in eine sich geradezu soghaft entfaltende 'Allegro'-Motorik führt, in der die thematischen Elemente wiederum mutieren und expressiv als Gesten isoliert reflektiert werden.

Die Dimension der motivisch-thematischen Arbeit Tischtschenkos zwischen Fuge und Affekt kann eigentlich nur mit dem Größten, nämlich Beethovens letzten vier Klaviersonaten verglichen werden – ein explizit greifbarer Kontext, der entsprechende Konzert-Koppelungen sofort einleuchtend und attraktiv erscheinen lässt (man bräuchte allerdings einen bereiten Glockenspieler; und das wiederum legt als Gruppierungs-Alternative eine Koppelung mit Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug nahe).

Nicolas Stavry scheint sehr erfahren mit solch spezieller Musik; Live-Aufführungen und Programmplanung würden über die biographischen Details im Booklet hinaus natürlich interessieren. Er wird wahrscheinlich auch die Einspielung aus dem Jahr 1983 mit dem Komponisten selbst am Klavier kennen, deren Beschaffung mich allerdings fast fünf Wochen kostete (sie ist zuletzt auf dem russischen Label Northern Flowers 2009 international veröffentlicht worden; auf dem hierzulande eher schlecht lieferbaren Label entsteht aktuell auch eine Gesamtaufnahme der Klavierwerke Tischtschenkos mit eigenen Aufnahmen sowie überwiegend ergänzenden Neueinspielungen durch seine Schülerin Dinara Mazitova). Tischtschenko spielt bei ähnlichen Tempi seine Siebte Sonate härter, aggressiver und kompromissloser als Stavry. Dieser nutzt allerdings die viel bessere Aufnahmetechnik, um auch mit Klangfarben zu experimentieren und die Wucht der Komposition selbst wirken zu lassen. Das Glocken-Spiel Jean Claude Gengembres ist dem Part von Alexander Mikhaylov bei Tischtschenko in seiner Plastizität klar vorzuziehen, pianistisch halte ich beide Versionen in ihrer Art für gleichwertig.

Stavry führt durch die düstere Meditation und Melancholie des langen, bewegenden 'Lento'-Satzes genauso konzentriert wie der Komponist und entwickelt aus dem Material des Monologs noch mehr schöne Klang- und Ausdrucksvarianten; dafür ist bei Tischtschenko ab Satzmitte das gestische Aufbegehren und schließliche Abrutschen (erstmals im 'Lento' mit Unterstützung der Röhrenglocken) noch etwas eindringlicher, expressiver formuliert. Das sofort angeschlossene Final-'Allegro' nimmt Stavry hingegen mit mehr spielerischer Eleganz und differenziert die wiederum zwischen den fast zitiert erscheinenden Vorbildern Schostakowitsch und Prokofjew angesiedelte, etwas spöttisch präsentierte Lied-Melodie in ihrer Progression und Rückbeziehung zum Kopfsatz-Material durch Anschlagsvarianten stärker aus. Auch der kleine, schöne Finaleffekt (erstmal nicht verraten) gelingt in den Klangsphären der französischen Neuaufnahme noch anrührender als in der älteren Komponistenversion. Nach knapp vierzig Minuten dieser Monumentalsonate dürfte man so berührt und erschlagen sein, dass ein Aufsparen der folgenden Sonate zwecks Atemholen und Nachspüren des Gehörten in seiner ganzen Ausdrucksdimension erstmal sinnvoll erscheint.

Wie das Werk ist auch der Klang der Aufnahme eine Wucht

Denn die Klaviersonate Nr. 8 op. 99 aus dem Jahr 1986 vermag zwar an das grandiose Epos der Siebten nicht ganz heranzureichen, besitzt aber ebenfalls hinreichend Qualitäten und Reize. Das Hauptthema besitzt einen rhythmisch herausfordernden Zuschnitt. Der etwas penetrante synkopische Grundcharakter tritt in der (als MP3-Version bei verschiedenen Anbietern vorliegenden) Konkurrenzversion von Vladimir Polyansky noch stärker hervor, der 2005 fünf Tischtschenko-Sonaten einschließlich der ihm gewidmeten neunten (op. 114, 1992) einspielte. Stavry besitzt nicht Polyakovs härtere, aber auch monotonere Pranke, sondern massiert gewissermaßen die Kraftausbrüche an den Peripetien der recht klassischen Sonatensatzform des eingängigen 'Allegro energico' in den Flügel, dessen ganzes Bass-Volumen wunderbar mitschwingt. Den Choralvariationen des zweiten Satzes – beschwörendem polyphonen Gesang steht ein Kommentar durch eine monotone Stakkato-Bassklausel gegenüber – gewinnt Stavry eine ebenso einfühlsam-meditative wie auch im Grunde ironisch-resignative Stimmung ab; der Satz wirkt viel raffinierter und beeindruckender als bei Polyakov. Und das an Anfang und Schaltstellen fugatoversteifte, tatsächlich aber auch Schubertsche Klavier-Gedanken paraphrasierende finale 'Allegro molto' erinnert abermals in rhetorischer Gestaltungsvielfalt und expressiver Intensität an Beethovens letzte Sonaten. Dass dieser Musik in ihrer historischen Reflexivität und ganz akuten Expressivität ein angemessener Platz im Kanon heutiger Konzertprogramm gebühren sollte, dürfte den meisten Hörern nach beiden Werken und ihrer hervorragenden Präsentation durch Stavry und die BIS-Klangtechniker klar werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Tishchenko, Boris: Sonaten Nr. 7 & 8

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
03.06.2015
Medium:
EAN:

SACD
7318599921891


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Zwischen Spiel und Magie: Überzeugende Einspielung von Ballettmusik Claude Debussys. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Vertraute Klänge in neuem Gewand: Mit einem Ausschnitt aus Brahms' Kammermusik stellen die Musiker auf beeindruckende Weise unter Beweis, dass manche Transkriptionen mühelos mit dem Original mithalten können, wobei gleichzeitig die Wandelbarkeit und Vielfalt des Horns zur Geltung kommt. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Grandiose 'Gran Partita': Es mangelt nicht an Einspielungen von Mozarts 'Gran Partita', doch diese Aufnahme mit Mitgliedern des Concertgebouw-Orchesters hat sich einen der ersten Plätze darunter verdient. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Hartmut Hein:

  • Zur Kritik... Plastische Glaubensbekundungen : Von eindrucksvoller kompositorischer Dichte und Ausdrucksvielfalt sind die beiden Symphonien, die Bernstein in recht jungem Alter schrieb. Die Arktische Philharmonie unter Christian Lindberg spielt das keineswegs unterkühlt in gigantischem SACD aus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Großartige Monumentalgemälde: Ravels Orchestration und ein fabelhaftes Klangbild der CD setzen das Gürzenich-Orchester Köln in Mussorgskys 'Bildern einer Ausstellung' ansprechend in Szene. Mit der Kitesch-Suite von Rimsky-Korsakoff enthält die Produktion auch ein Repertoire-Plus. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Imaginieren per Akkordeon: Auf eine ungewohnte Klangreise geht es mit Nikola Djoric, der originale Klavierpartituren von Mussorgsky und Tschaikowsky auf seinem Knopfakkordeon spielt. Kopf-Arbeit für konzentrierte Hörer. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Hartmut Hein...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schilflieder im japanischen Frühling: Die Doppel-CD 'Aus leuchtender Romantik in dunkle Zeit' macht neugierig auf unbekannte Liederzyklen und Kammermusik. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Belcanto-Oper für Arbeiter: Im Rahmen einer Tournee für die Arbeiterkammer Wien spielte das Ensemble der Wiener Staatsoper 1977 'Don Pasquale' in einer Mehrzweckhalle in der Steiermark. Mit dabei: die junge Edita Gruberova neben Tenor Luigi Alva. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Bildgewaltige Erzählung: Schönbergs episches Oratorium ist in den Händen von Christian Thielemann und der Staatskapelle Dresden gut aufgehoben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Kuhnau: Ich freue mich im Herrn

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich