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Dienstag, 4. Oktober 2022

Bruch, Max - Violinkonzert Nr. 2

Exzellente Bruch-Lektüre


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Ulf Wallin und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Okku Kamu legen eine bestechend klare und klangschöne Einspielung dreier konzertanter Werke Max Bruchs vor.

Derzeit scheint ein gewisses Interesse an Max Bruchs Schaffen für Violine und Orchester zu bestehen, das weit über ständige Neuaufnahmen seines ersten Violinkonzerts hinausgeht. Dass der Komponist neben seinem g-Moll-Konzert die Violine nämlich mit zwei weiteren Konzerten und einer ganzen Reihe sonstiger ein- oder mehrsätziger Kompositionen bedacht hat, ist immer noch weitgehend unbekannt. Da die erste, Ende der 1970er Jahre entstandene Gesamteinspielung von Bruchs konzertanten Werke durch den Geiger Salvatore Accardo und das Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur von vielen Nachlässigkeiten der Ausführenden bestimmt ist und inzwischen reichlich Staub angesetzt hat, nehmen sich die neuen Versuche der Annäherung wie eine Frischzellenkur aus. Aktuell hat die Geigerin Antje Weithaas bereits die zweite CDs ihres vollständigen Bruch-Projekts bei cpo veröffentlicht, und auch der Geiger Ulf Wallin hat – gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter dem Dirigenten Okku Kamu – bei BIS eine SACD mit unbekannteren Werken Bruchs vorgelegt.

Ob diese Veröffentlichung der Auftakt für eine Gesamtaufnahme ist, erfährt man leider weder im Booklet noch auf der Internetseite des Labels, doch wäre es angesichts des hohen Niveaus und des differenzierten Zugangs sehr zu begrüßen. Wenn man Wallins übrige Aufnahmen aus den vergangenen Jahren – beispielsweise die Einspielung von Robert Schumanns Werken für Violine und Orchester (BIS, 2011) oder die Interpretation von Max Regers Violinkonzert (cpo, 2012) – kennt, ist die Qualität von Wallins Annäherung an drei konzertante Werke Bruchs aus unterschiedlichen Schaffenszeiträumen eigentlich nicht überraschend. Dennoch packt sein Zugang sofort durch die Mischung aus Kontrolle und Intensität: Im eröffnenden Trauermarsch des Violinkonzerts Nr. 2 d-Moll op. 44 (1877) ist der Solovortrag gedanklich immer dem Gesang verpflichtet, auch wenn dieser zwischenzeitlich von schroffe Akkordpassagen und Doppelgriffketten abgelöst wird. Wallin weiß den Klang seines Instruments nicht nur vielfach dementsprechend abzustufen, sondern beherrscht auch rhetorische Raffinessen, insbesondere den Ton für Ton anders geformten, gleichsam narrativen Duktus auf musikalischen Höhepunkten oder die sprachnahe rezitativische Gestaltung in den dafür vorgesehenen Passagen vor allem im kurzen Mittelsatz des Werkes.

Darüber hinaus scheut sich der Geiger auch nicht, dem Tonfall der Musik bis in die Emphase zu folgen, auch wenn er dabei zurückhaltend bleibt, um nicht in Gefahr zu geraten – und dies passiert gerade in den kleineren konzertanten Kompositionen Bruchs allzu häufig –, alles sentimental werden zu lassen. Exzellente Beispiel für diesen ausgewogenen Zugang bieten einerseits das Adagio cis-Moll 'In Memoriam' op. 64 (1893), dem Wallin einen großen, klanglich differenzierten musikalischen Bogen einschreibt, andererseits aber auch das späte zweisätzige Konzertstück fis-Moll op. 84 (1910), dessen Solopart wiederum vom rhetorischen Geschick des Geigers und von seinem traumwandlerischen Umgang mit Spannungsverläufen kündet. Beachtlich in dieser Aufnahme ist aber auch die orchestrale Dimension, deren Gestaltung in dieser Einspielung in den Vordergrund rückt und sowohl das instrumentatorische Können des Komponisten wie auch passagenweise Farbvielfalt seiner Partituren unterstreicht. Hier wirkt die Aufnahmequalität Wunder, die gleichzeitig für große Tiefenschärfe und Transparenz sorgt. Nicht nur dadurch wird die Produktion letzten Endes hochgradig faszinierend, so dass man sich nur wünschen kann, das hier zu hörende Gespann möge sich erneut zur Aufnahme weiterer Werke Bruchs im Studio zusammenfinden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruch, Max: Violinkonzert Nr. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
01.07.2015
Medium:
EAN:

SACD
7318599920696


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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