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Samstag, 25. November 2017

Wagner, Julia Sophie - Leipziger Schule

Lieder aus Leipzig


Label/Verlag: Es-Dur
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unter dem Titel 'Leipziger Schule' hat das Label Es-Dur ein Liederprogramm von Robert und Clara Schumann, Mendelssohn und Grieg herausgebracht. Die durchdachte Auswahl gibt der Einspielung eine runde Form mit durchweg wunderbaren Interpretationen.

Eine sorgsame Klangbehandlung macht die intensive Beschäftigung mit der Literatur geradezu hörbar: Der Pianist Eric Schneider versteht es voll und ganz, auf die Singstimme einzugehen, ihr den benötigten Raum zu geben und sie zu stützen, wo es nötig ist. Die Sopranistin Julia Sophie Wagner brilliert mit Vielseitigkeit und beeindruckender Atemkontrolle. Die Textverständlichkeit ist nicht durchweg gewährleistet, was allerdings in der Sopranlage kaum vermeidbar ist. Um so mehr ist es schade, dass die Texte nicht im Booklet abgedruckt sind.

Ein brillantes Paar

Mit Schumanns bekannter 'Widmung' beginnt das Programm. Der Kontrast zwischen den leidenschaftlichen Rahmenteilen und dem ruhigen Mittelteil wird von den Interpreten deutlich gemacht. Das hervorragende Zusammenspiel ist eine Konstante, die sich auch durch den Zyklus 'Liebesfrühling' zieht. Robert und Clara haben ihn nach Gedichten von Rückert zusammen in ihrem ersten Ehejahr geschrieben. Julia Wagner präsentiert verschiedenste Farben und Gefühle. 'Liebste was kann denn uns scheiden' ist strophisch und von geringer musikalischer Abwechslung, gewinnt jedoch in dieser Interpretation an Reiz durch die kontinuierliche Entwicklung und den dadurch entstehenden Spannungsbogen. Äußerst vielseitig ist hingegen 'Flügel! Flügel! Um zu fliegen'. Die unterschiedlichen Teile erfordern verschiedene Haltungen, die von Wagner exemplarisch angenommen und dargestellt werden. 'Mein schöner Stern', die Nr. 4 aus dem Zyklus 'Minnespiel' beendet den Schumann-Teil der Einspielung. Hier wird besonders deutlich, wie Eric Schneider es versteht, feinfühlig mitzugehen. Lediglich bei "wilderen" Zwischenspielen bricht er hervor, tritt dann aber immer wieder in den Hintergrund und erlaubt es, dass der Hörerfokus wieder zurück zur Singstimme geht.

Gelungener Trost für den Gründer

Der Querschnitt aus Mendelssohns 'Sechs Liedern' op. 57 (Nr. 3, 4 und 6) macht musikalisch einen fröhlichen Eindruck, dennoch ist der melancholische Unterton kaum zu überhören. Naturschilderungen verbinden sich mit einer Liebesthematik, in dieser Interpretation von Frische belebt. Der Kontrast von beschwingter Hoffnung und Verzweiflung, von Trauer und Trost zieht sich auch durch die Auswahl der 'Sechs Lieder' op. 71 (Nr. 1, 2, 4 und 6) und wird durch die Interpreten atmosphärisch dicht vermittelt. Die Balance zwischen Beweglichkeit und Ruhe, Anmut und Intensität erzeugt ein wechselhaftes Spannungsfeld, das dennoch einem roten Faden folgt.

Die Lehre trägt Früchte

Die 'Sechs Lieder' op. 48 von Edvard Grieg fügen sich gut in die Auswahl. Die Abwechslung ist weiter präsent: Heiter folgt 'Lauf der Welt' auf das langsame, getragene 'Dereinst Gedanke mein'. Die Interpreten beeindrucken mit exzellenter Phrasierung. Julia Sophie Wagner überzeugt mit anscheinend ewig anhaltendem Atem und abgeklärter Kontrolle und Eric Schneider bildet einen angenehmen Klangteppich, auf dem sich die Stimme ausbreiten und entfalten kann. Bei 'Rosenzeit' kehrt sich dieses Verhältnis geradezu um, das Klavier gibt die Impulse, während die Stimme weite Bögen spannt. Ähnlich populär wie das Programm anfängt, endet es mit 'Ein Traum', dem letzten Stück aus Griegs Zyklus. Durch die unglaubliche Intensität stören die etwas langsam angeschlagenen Tempi wenig.

"Als Studentin der Leipziger Musikhochschule war ich immer wieder fasziniert von der dort ausgestellten Reproduktion des Stundenplans von 1843, auf dem die Namen der Professoren Dr. Robert Schumann und Dr. Felix Mendelssohn Bartholdy zu lesen sind", so die Sopranistin. Auf Felix Mendelssohn Bartholdys Initiative wurde 1843 das erste deutsche Konservatorium für Musik gegründet. Neben ihm und anderen Größen des Leipziger Musiklebens gaben auch Robert Schumann und bald auch dessen Frau Clara Unterricht. Sowohl die Lieder der Schumanns als auch die von Mendelssohn fallen in die Dekade von 1840 bis 1850 und somit in die Anfangszeit der ersten institutionellen Ausbildungsstätte für Musiker in Deutschland. Als einer der bekanntesten Schüler ging Edvard Grieg nach fünfjährigem Studium 1863 aus dem Konservatorium hervor. Trotz seines ambivalenten Verhältnisses zu der Ausbildungsinstitution sprach er gerade in den letzten Jahren seinen Dank aus. Die 'Sechs Lieder' op. 48 entstanden erst 1889, dennoch ist besonders der Einfluss von Schumanns Werk merklich, das Grieg intensiv studierte. Den Begriff "Leipziger Schule", der diesem Programm als Überschrift dient, fand der Musikwissenschaftler Hugo Riemann Ende des 19. Jahrhunderts für die Schumann-Mendelssohn Ära. Schön, dass Julia Sophie Wagner diesem Liederprogramm einen überzeugenden roten Faden zugrunde legt. Lieblos zusammengewürfelte Häppchen und Dauerbrenner des Liedrepertoires findet man anderswo mehr als genug.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Julia Sophie: Leipziger Schule

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Es-Dur
1
03.07.2015
EAN:

4015372820602


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Es-Dur

ES-DUR ist ein Label für klassische und zeitgenössische Musik mit Sitz in Hamburg. Das Label wurde 1992 zusammen mit dem Label CHARADE vom Tonmeister Eberhard Schnellen gegründet und erwarb sich aufgrund der herausragenden künstlerischen und technischen Qualität der mittlerweile rund 50 Veröffentlichungen schnell einen sehr guten Ruf. Im Frühjahr 2011 übergab Eberhard Schnellen die Führung des Labels in die Hände seiner langjährigen Mitarbeiter Karola Parry und Udo Potratz, beide ebenfalls Tonmeister.

ES-DUR bietet sorgfältig produzierte Editionen wie die Kammermusikreihe mit David Geringas und Tatjana Schatz. Im Rahmen dieser Reihe legte David Geringas im November 2011 mit GERINGAS PLAYS BACH PLUS eine außergewöhnliche Einspielung der Cello-Suiten von J.S.Bach vor, die in der Presse überaus positiv aufgenommen wurde.

Die Reihe MUSIK AM GOTHAER HOF mit der Thüringen Philharmonie Gotha unter Herrman Breuer und bekannten Solisten wie Antje Weithaas, Jens Peter Maintz oder Michael Sanderling reflektiert das reiche musikalische Schaffen der Komponisten vom Gothaer Hof wie Louis Spohr, Georg Anton Benda und Andreas Romberg und wurde in der Fachpresse mit höchstem Lob bedacht.

Der ES-DUR-Katalog repräsentiert den Reichtum und die Vielfalt der Musikgeschichte und Gattungen, großen Raum finden aber auch die spannenden musikalischen Entwicklungen der Gegenwart - der Klang unserer Zeit.


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