> > > Kreisler, Georg: Das Klavierwerk
Donnerstag, 27. Juli 2017

Kreisler, Georg - Das Klavierwerk

Der andere Kreisler


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Georg Kreisler als Schöpfer ausgewachsener E-Musik? Nur scheinbar ein Widerspruch.

Georg Kreisler (1922-2011) kennt man gemeinhin als den zynisch-satirischen, politisch motivierten und gesellschaftskritischen Kabarettisten, der einst mit Liedern wie 'Tauben vergiften' oder 'Der General' im Nachkriegsdeutschland keineswegs nur die Lacher auf seiner Seite hatte. Mit unbequemen Themen und seinem schwarzen Humor eckte er immer wieder an und geriet wiederholt mit Rundfunkanstalten in Konflikt.

Scharfe Konturen

So gut wie gar nicht bekannt ist er als Schöpfer veritabler E-Musik für das von ihm so virtuos beherrschte Klavier. Dieser gänzlich andersartigen Seite seines Schaffens widmet sich die vorliegende, bei Wergo in Koproduktion mit dem Sender Kulturradio RBB erschienene Einspielung. Die meisten der Kompositionen stammen aus Kreislers Zeit in den USA, wohin er während der Kriegsjahre aus Nazi-Deutschland emigriert war. Eingängige, fast schlagerartige Melodien wie in vielen seiner Chansons sucht man hier vergeblich; die Werke bewegen sich vielmehr in polytonalen, harmonisch und rhythmisch oft derben Sphären. Mal finden sich Anlehnungen an die Zwölftontechnik der Neuen Wiener Schule, mal fast schon dadaistische Elemente. Schon in den fünf 1953 entstandenen 'Bagatellen' schlagen sich diese stilistischen Verzweigungen nieder, von der amerikanischen Pianistin Sherri Jones mit kontrastreichem Anschlag und pointierter Akzentuierungen (etwa im 'Allegro molto') scharf konturiert dargestellt. Man versteht, weshalb sie es war, die – tatsächlich auf Kreislers persönliches Bitten hin – ab dem Jahr 2009 begann, sein Soloklavierwerk öffentlich aufzuführen. Auch technische Herausforderungen, wie beispielsweise die rasanten Repetitionen im 'Presto, con fuoco', meistert sie überzeugend.

Lebendige Charakterisierung

Eine zentrale Stellung in Kreislers pianistischem Oeuvre nimmt seine aus dem Jahr 1952 datierende Klaviersonate ein. Der als Walzer konzipierte zweite Satz trägt – ebenso wie die zweite der vorangegangenen Bagatellen – eher parodistische denn ernsthaft tänzerische Züge, von Jones wiederum stilistisch auf den Punkt gebracht. Dem mit 'Slow – with warmth, but not too slow' überschriebenen Finalsatz haucht sie die programmatisch eingeforderte Wärme zum Beweis dafür ein, dass Kreislers Kompositionen neben der sonst oft schroffen Klangsprache auch diese Seite in sich tragen. Erst 2011, kurz vor seinem Tod, vollendete Kreisler im Gegensatz zu den reinen Klavierkompositionen früher Jahre die so genannten 'Fünf Lieder für Barbara' – Insidern fällt bei dem Namen sofort das gleichnamige Chanson ein. Die niederländische Mezzosopranistin Olivia Vermeulen stellt die Melodien mit schlanker Phrasierung und natürlichem Timbre überzeugend dar. Zusätzlich versehen sind die Lieder mit einer Violinstimme, die Andreas Reimer mit gutem Gespür für einen subtilen Begleittonfall spielt. Parallel zu den überwiegend surrealistisch angehauchten Texten zeigt Kreisler in der dritten Nummer, dass man aus Wilhelm Müllers Gedicht 'Der Lindenbaum' auch etwas ganz anderes machen kann als Schubert. Freilich nicht ohne – ein echter Kreisler eben – deutlich hörbare, stilistische Bezüge zu jenem einfließen zu lassen. Auch die drei 1947 entstandenen Klavierstücke spiegeln Kreislers thematischen Einfallsreichtum wider und zeigen nicht zuletzt dank Jones‘ lebendiger Charakterisierung, dass die Entdeckung seines Soloklavierwerks unbedingt lohnenswert ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kreisler, Georg: Das Klavierwerk

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
28.06.2015
51:29
EAN:
BestellNr.:

4010228731729
WER 73172


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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