> > > Klughardt, August: Symphonie Nr. 4
Dienstag, 20. Oktober 2020

Klughardt, August - Symphonie Nr. 4

Von Dessau nach New York


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Vierten Symphonie aus dem Jahr 1890 präsentiert das Label cpo in seiner Klughardt-Reihe das vielleicht beeindruckendste Orchesterwerk des Dessauer Hofkapellmeisters. Nicht minder beeindrucken dessen Nachfolger Anthony Hermus und die Anhaltische Philharmonie Dessau mit einer stimmigen, spannenden Darbietung.

Die Diskussion, ob August Klughardt (1847-1902) zu den vielen eher nur regional bedeutsamen "Kleinmeistern" gehörte, die das 19. Jahrhundert zuhauf hervorbrachte, ob seine sicherlich eine ganze Reihe bekannter Idiome anspielende Symphonik heute gleichwohl eine individuelle Beachtung neben Zeit- oder gar Stilgenossen wie Anton Bruckner, Richard Strauss oder zumindest Joachim Raff oder Hans Rott verdient, sollte zunächst einmal hinten anstehen. Hört man in diese Aufnahme - sprich: den Kopfsatz der Vierten - hinein, ist ein erstes Fremdeln mit Klughardts auf der thematischen Ebene zunächst wenig beeindruckenden, in der Charakteristik jedoch stark kontrastiven, in den Orchesterfarben und Harmonien merkwürdig changierenden Klangsprache sicher nicht unangemessen. Eine solche Mischung aus festlichen, kontrapunktischen und lyrischen Versatzstücken, die oft an Richard Wagners 'Meistersinger' erinnern, solider motivisch-thematischer Arbeit und Choralseligkeit à la Brahms und aufgewühlter, opernhafter Gefühlsästhetik erscheint in der Tat unerhört, fragwürdig, eklektizistisch, aber auf Dauer auch ganz gelungen, originell, mitreißend (da auch vom Orchester sehr gut vorgetragen), emotional und intellektuell ansprechend. Dass Klughardt ganz altmodisch die Exposition komplett wiederholen lässt, erscheint angesichts der Fülle an aus den einfachen Grundthemen entwickelten Motiv-Varianten und Rollenspielen der Orchestergruppen zum Verständnis doch recht angemessen. Und wenn man dann die Zuspitzung dieses rhapsodischen Schauspiels in der Durchführung, den Clou der Herausschälung eines völlig neuen melancholischen Themas anstelle des blasseren Seitensatzes zu Beginn erlebt hat (das zudem noch entfernt das Liebesthema aus Bernhard Hermanns Musik zu Hitchcocks "Vertigo" vorwegnimmt), ist man wahrscheinlich schon am Ende des ersten Satzes überzeugt, dass ein wiederholtes Hören dieses Stücks Spaß machen wird.

Der zweite Satz - ein 'Andante cantabile' mit der "unendlich" strömenden Melodie eines Choralthemas, das zu reichen kontrapunktischen Bearbeitungen in Cantus-firmus-Variationen wie fugierten Episoden einlädt - überzeugt sogar noch unmittelbarer: vielfältig orchestriert, rezitativisch im Mittelteil mit kontrastierenden Bläserfanfaren, die erst als Außenwelt der Melancholie des Beginns entgegenstehen, am Ende aber integriert die Erhabenheit der Grundstimmung unterstreichen. Er kann es in der Konzentration mit Bruckners langsamen Sätzen aufnehmen (das ist nicht leichthin gesagt).

Das Presto-Scherzo ist vielleicht der schwächste Satz, dem Topos seit Beethoven entsprechend, schematisch in der Periodik und den Kontrasten zwischen Tutti und Einzelstimmen (u.a. Hörner und Klarinette im pastoralen Trio). Das Finale hingegen ein würdiger Abschluss in der Wendung der Grundtonart c-Moll nach C-Dur: Es baut in der Maestoso-Einleitung zyklisch erinnernd auf Motivik der ersten Sätze auf und sucht sein Heil in Fugentechnik und marschhafter Feierlichkeit - die 'Meistersinger'-Welt lässt nochmals grüßen, mit mahlerischen Episoden und opernhafter Ritterlichkeit.

Die Zugabe der drei Orchesterstücke op. 87 (1901) - in manchen Quellen auch mit Bezug auf die Einzelstücke als 'Capriccio, Gavotte und Tarantelle' gelistet - hat als letztes Orcehsterwerk Klughardts keineswegs Spätwerk-Charakter, sondern entspricht ganz einer genrehaften Konzertgabe an eine Förderin des Dessauer Orchesters. Die Stücke sind natürlich handwerklich tadellos komponiert, die Tarantella gewohnt Rossini-nah als Ausklang, und werden charmant vom heutigen Dessauer Klangkörper dargeboten. Antony Hermus gelingt es beispielhaft, die tadellosen Leistungen aller Klanggruppen und vor allem die Tempi aller Sätze und Abschnitte perfekt aufeinander abzustimmen - eine bessere Werbung kann man sich kaum denken, nicht nur für einen Vertreter der Dessauer Musikgeschichte, sondern gerade auch für eine in ihrer Zeit tatsächlich herausragende Symphonie, deren Belebung im Repertoire wünschenswert wäre. Dank der Einspielung kann (und sollte) man sie nun auch in New York - wie schon 1893 in einem Konzert der dortigen Philharmonic Society - wieder hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Klughardt, August: Symphonie Nr. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.06.2015
Medium:
EAN:

CD
761203774029


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Klughardt, August
 - Sinfonie Nr. 4 c-Moll op.57 - I. Allegro non troppo
 - Sinfonie Nr. 4 c-Moll op.57 - II. Andante cantabile
 - Sinfonie Nr. 4 c-Moll op.57 - III. Presto
 - Sinfonie Nr. 4 c-Moll op.57 - IV. Andante maestoso - Moderato e molto maestoso
 - Drei Stücke für Orchester op. 87 - I. Capriccio
 - Drei Stücke für Orchester op. 87 - II. Gavotte
 - Drei Stücke für Orchester op. 87 - III. Tarantelle


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Dirigent(en):Hermus, Antony
Orchester/Ensemble:Anhaltische Philharmonie Dessau


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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