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Donnerstag, 24. September 2020

Hespos, Hans-Joachim - Solo Works 69-96

Solistische Klangexperimente


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der 1938 geborene Hans-Joachim Hespos hat Pädagogik studiert, im Bereich der Komposition ist er Autodidakt. Dennoch (oder gerade deswegen) genießen seine mit vielen Preisen ausgezeichneten Werke ein gewisses Ansehen. Der Komponist folgt nämlich keinen Konventionen, Grenzen sind für ihn nur dazu da, durchbrochen zu werden. Wohl auch deswegen ist das Gesamtoeuvre Hespos’ stilistisch unüberschaubar und kaum auf einen Nenner zu bringen. Als gemeinsamer Nenner lässt sich jedoch die Tendenz beobachten, extreme Situationen zu erforschen; die Stücke verlangen dem Interpreten einiges ab. Eine Auswahl von Stücken für meist nicht mehr als einen Spieler wurde mit Mitgliedern des Ensembles ‚L’ART POUR L’ART’ im Jahre 2001 eingespielt und bei cpo veröffentlicht.

Was an dieser Produktion sofort ins Auge fällt, ist das experimentell gestaltete Textheft, das einen ganz ungewohnten Zugang zur Musik gestattet. Zu jeder Komposition bietet sich ein zweifacher Zugang: zum einen enthält es die Eindrücke, die die Werke im Rahmen von Kinderkompositionskursen auf ihre Teilnehmer gemacht haben, gefolgt von den für Hespos typischen neologistischen Spielanweisungen. Hespos’ Schaffen zeichnet sich dadurch gerade aus; er betätigt sich hier als phantasievoller und produktiver Wortschöpfer, über 2000 solcher Anweisungen soll er schon ersonnen haben. Als kleine Kostprobe seien einige derjenigen aus dem Stück ‚leia’ genannt: ‚weich verschlupft, von stummer schuftung brockig, schwarz verbrockt, gefrorene vibration, sachlich, hart’.

Die Eindrücke der Kinder beschreiben die akustischen Ereignisse meist auf eine recht fassliche, bildlich-naive Weise, manchmal driften sie aber geradezu ab in mehr oder weniger sinnlose Wortverbindungen, fast so, als wollten sie dem Komponisten, wenn auch auf etwas andere Weise, Konkurrenz machen. Etwas befremdlich sind zudem die negativen Energien, der geradezu morbide Charakter vieler Assoziationen: egal, ob gefoltert wird, Unfälle geschehen, jemand in seiner Werkstatt auf ‚mysteriöse Weise’ umgebracht oder ein kleiner Singvogel abgeschossen wird: Tod und Zerstörung sind fast allgegenwärtig. Für die Klangwirkung der Stücke ist das allerdings bezeichnend. Die Kommentare der Kinder sind zudem schonungslos offen, und wenn eine Komposition langweilig wirkte, wird das auch ausgesprochen. Und beziehen sich Kommentare wie ‚durchgeknallter Blödsinn’ und ‚sinnloses Herumgekreische’ auf das Werk selbst oder auf die Metaebene des Geschilderten?

Hespos Stil hat sich nie einem Wandel unterzogen. Die, wie der Titel der CD andeutet, zwischen 1969 und 1996 entstandenen Kompositionen unterstreichen das, ihre Unterschiede liegen eher in Details, unter dem Strich können aber alle als schonungslos experimentell gelten.
Das erste Stück, ‚splash’ für Kontrabass und Schlagzeug, weckt schon durch die Besetzung, aber auch durch die Behandlung der Instrumente jazzige Assoziationen, ist sehr ausdrucksstark und dynamisch äußerst kontrastreich. ‚duma’ für Altflöte schließt neben traditionell geblasenen Abschnitten auch Atem- und Klappengeräusche, sowie Lautäußerungen ein; nach einem (verbalen) Aufschrei bricht die Musik in sich zusammen.
Das passiert ganz ähnlich bei ‚monske’ für ‚mobile timpani in C’, einer Komposition, die in ihrer dramatischen Anlage wie ein instrumentales Hörspiel wirkt. ‚kitara’ für Gitarre stellt erneut wildeste Ausbrüche (die Kinder denken an ‚explodierende Gitarren’) ruhigsten Momenten gegenüber; ferner wird das Klangspektrum um perkussive Elemente wie Klopfen auf den Korpus oder ‚Knarzgeräusche’ erweitert. ‚leija’ für Harfe ist eine der dezenteren der hier präsentierten Kompositionen. ‚pico’ für Piccoloblockflöte ist das genaue Gegenteil, das Stück fällt nicht nur durch eine ungemein hohe Bandbreite an assoziativen Klängen (Pfeifen eines Teekessels, Vogelgezwitscher, Sumpfstimmung) auf, sondern wartet auch mit dermaßen schrillen Tönen auf, die eigentlich als Körperverletzung eingestuft werden sollten. Hier wandelt Hespos auf ganz elementare Weise in Extremen. ‚èang’ für Zimbal ist dann wieder deutlich gemäßigter. Die letzte Komposition, ‚Z...( )’, hebt sich nicht nur äußerlich von den anderen ab, sondern scheint auch im Niveau in gewisser Weise abzufallen. Einerseits kommt hier nämlich das Ensemble erstmals zusammen, neben Gitarre, Bläsern und Schlagzeug wird auch Elektronik verwandt. Meinte man bei den vorigen Stücken eine innere Dramaturgie herauszuhören, wirkt ‚Z...( )’ eher wie ein Flickenteppich. Der Klangeindruck ist chaotisch, manchmal fast klamaukartig, das Stück weist beängstigende Affinitäten zum ‚Blödsinn’ auf.

Die Interpretationen des namhaften Ensembles L’ART POUR L’ART können auf ganzer Linie überzeugen. Alle Stücke werden nicht nur technisch makellos dargeboten, sondern zudem mit eben dem Gefühlsleben versehen, das Hespos seinen Werken durch seine skurrilen Anweisungen mitzugeben gedachte. Sämtliche Fremdklänge, die den altbekannten Instrumentalklang erweitern, wirken auf harmonische Weise integriert und natürlich. Hespos’ eigene Vorstellung, die Instrumente seien verlängerte Gliedmaße, scheint hier bestens umgesetzt. Das dynamische Potenzial wird dabei voll ausgeschöpft, die hierbei entstehenden musikalischen Extreme scheinen ebenfalls voll in Hespos’ Sinne.

Die Tonqualität dieser Aufnahme lässt ebenfalls keine Wünsche offen, was in diesem Falle besonders wichtig ist, hat man es doch mit Stücken zu tun, die stellenweise am Rand der Hörbarkeit operieren und vom dramatischen Mittel der Pause reichen Gebrauch machen. Weder Rauschen noch irgendwelche sonstigen Störgeräusche trüben das Klangerlebnis der Stille, aber auch die klangvoluminösen Ausbrüche der Kompositionen sind stets ohne Verzerrungen oder sonstige Beeinträchtigungen eingefangen. Im Gesamtbild ist der Klang sehr klar, fast ohne jeden Hall.

Besondere Anerkennung verdient sich das eigenwillige und andersartige Textheft, bei all dem Lob sollte aber nicht vergessen werden, dass es neben den erwähnten Texten und kurzen Informationen über den Komponisten und das Ensemble etwas dürftig ausfällt; gerade ein Stück wie ‚Z...( )’ scheint ohne nähere Informationen, und seien es nur Angabe der genauen Besetzung oder nähere Informationen über Entstehung oder Widmung (Albert Ayler), kaum verständlich.

Der an experimenteller Musik Interessierte wird an dieser CD sicher seine Freude haben, aber angesichts des so völlig anderen, ohne betont intellektuelle Texte, die eher verdunkeln als beleuchten, auskommenden Zugangs zu dieser Musik könnte die Produktion auch einem (vielleicht an moderner Poesie interessierten) Neue-Musik-Muffel gefallen. Einen ganz anderen besonderen Reiz dürfte die Aufnahme aber in instrumentenkundlicher Sicht ausüben: denn wo sonst bekommt man schon eine solche Palette ‚moderner’ Spieltechniken, exemplarisch dargeboten in speziellen solistischen Kompositionen?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hespos, Hans-Joachim: Solo Works 69-96

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.02.2003
67:16
2001
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203989027
999 890-2


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Hespos, Hans-Joachim


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Interpret(en):L´Art pour l´Art,


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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