> > > Penderecki, Krzysztof: Magnificat
Donnerstag, 21. September 2017

Penderecki, Krzysztof - Magnificat

Die Kraft des Gebets


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In dieser Einspielung vereint das Warsaw Philharmonic Orchestra zwei Vertonungen religiöser Texte verschiedener Religionen, die musikalisch völlig unterschiedliche Sprachen sprechen, doch jeweils von einer unglaublichen Ausdrucksintensität geprägt sind.

Das Magnificat, auch bekannt als Lobgesang der Maria, gehört zu den Grundtexten christlicher Glaubensgeschichte. Die besondere Wirkung des Textes, der ursprünglich aus dem Lukas-Evangelium stammt und mit den Worten "Meine Seele erhebt den Herrn" beginnt, zeigt sich auch auf musikalischer Ebene, zumal sich seit dem 14. Jahrhundert etliche Komponisten verschiedenster Epochen um eine Vertonung bemüht haben, z.B. Vivaldi, Schütz, Bach, Mozart, Schubert, Tschaikowsky, Kaminski, Distler und Pärt, manche von ihnen sogar mehrfach.

Dass ein Komponist, der im katholischen Glauben aufgewachsen ist und zahlreiche andere religiöse Werke komponiert hat - hierzu gehören das 'Stabat mater', die Lukaspassion, das 'Te Deum' oder das 'Polnische Requiem' - , sich inspiriert fühlt, auch ein so bedeutsames Werk wie das Magnificat zu vertonen, ist kaum verwunderlich. Dennoch dürfte mancher Zuhörer angesichts dessen, was ihn auf dieser Einspielung erwartet, getäuscht werden, denn was er hier erlebt, entspricht in keinster Weise dem Lobgesang, den er möglicherweise aus der Liturgie hoher Festtage kennt, nämlich einen, der von Jubelfreude, Zuversicht und Dankbarkeit zeugt. Penderecki spart sich den einzigen jubelnden Klang - auch einen der wenigen Dur-Akkorde im Werk, der dafür umso strahlender klingt - bis zum Gloria des letzten Satzes auf, d.h. bis zum Schluss des etwa 45-minütigen Werkes. Zuvor jedoch präsentiert sich dem Hörer ein Klanguniversum, in dem eine in erster Linie düstere, unheimliche Atmosphäre vorherrscht, die zunächst kaum zu der Assoziation eines typischen Lobgesangs zu passen scheint. Auch harmonisch gesehen führt der Komponist den Hörer in wenig vertraute Gefilde, zumal die klangliche Atmosphäre mithilfe moderner Kompositionstechniken heraufbeschworen wird, wie z.B. Glissandi, Clusterbildung, Vierteltönigkeit, Zwölftontechnik etc.

Hohe Ausdrucksdichte mit eindringlichen Klangfarben

So befremdlich allerdings dieses musikalische Neuland zunächst wirken mag, so eindrucksvoll kann es sich demjenigen präsentieren, der sich unvoreingenommen darauf einlässt - denn an dieser Stelle kommt die hervorragende Leistung der beteiligten Musiker zum Tragen. Trotz der schier unüberschaubaren Masse der aktiv Beteiligten - unter der Leitung von Antoni Wit sind neben dem Orchester noch zwei gemischte Chöre, ein Knabenchor und ein Ensemble aus sieben männlichen Solostimmen zu hören - ist das klangliche Ergebnis nicht nur ausgewogen, sondern überaus nuanciert. Das musikalische Geschehen bleibt trotz aller harmonischen wie satztechnischen Experimente stets transparent. Von Anfang an, und darin liegt das Beeindruckende an dieser Aufnahme, ist klar, was im Vordergrund der Interpretation steht: nicht etwa die technischen Raffinessen oder das Neuartige der Kompositionskunst, sondern einzig und allein der musikalische Ausdruck, der dem Hörer ein Textverständnis ermöglicht, wie er es möglicherweise vorher noch nie hatte. Wer sich auf Pendereckis Werk hin noch einmal den Text des Magnificats durchliest, wird erkennen, dass der Jubelgedanke nur einer von vielen ist, und dass eine Vertonung durchaus verschiedene Perspektiven eröffnen kann. So lenkt die vorliegende Interpretation den Blick eher auf Textabschnitte, in denen von der Gewalt Gottes die Rede ist, von der Hilflosigkeit des Menschen und seinen Ängsten und Zweifeln.

Das Magnificat von Penderecki gehört sicher zu jenen Werken, die im Konzertsaal die größte Wirkung entfalten können. Wer sich die Aufnahme zuhause anhört, sollte darauf gefasst sein, dass die Musik beim ersten Hören noch wenig eingängig ist und unter Umständen befremdlich oder sogar beklemmend wirken kann. Gerade diese Gefühle werden allerdings bei intensivem Zuhören Bestandteil eben jener Interpretation, die der Komponist vermutlich erzielen wollte, denn egal welcher Religion der Zuhörer angehört und egal ob er überhaupt religiös ist - der Ausdrucksgehalt dieser Musik ist so universal, dass die Kraft der Worte für jeden Hörer einen eigenen persönlichen Inhalt annimmt, so dass jeder sie auf seine Weise mit Bedeutung füllen kann.

Aufatmen

Auch das zweite Werk Pendereckis beschäftigt sich mit religiösen Inhalten. Die Worte des Kaddisch bezeichnen eines der bekanntesten jüdischen Gebete, das in verschiedenen Formen vorliegt. Interessanterweise handelt es sich bei dem Kaddisch ebenso wie beim Magnificat um einen Lobgesang, doch im Laufe der Zeit wurden mehr und mehr Assoziationen mit Tod und Trauer hergestellt, die sich auch in der Komposition Pendereckis niederschlagen. Dennoch erscheint es paradox, dass dieses Werk trotz all seiner aufgeladenen Emotionen und der geballten Dramatik nicht so niederschmetternd und bedrückend wirkt wie das Magnificat. Dies mag einerseits an der abwechslungsreichen Besetzung in den einzelnen Sätzen liegen, in denen mal eine Solosopranistin hervorsticht, mal ein Sprecher, der mit seiner extrem rauen, bewusst kratzig klingenden Stimme eine regelrecht gruselige Atmosphäre heraufbeschwört, die jedem Zuhörer unter die Haut geht. Andererseits erscheint die musikalische Sprache dieses Werkes, wenngleich es erst ca. 30 Jahre später komponiert wurde als das Magnificat, wesentlich weniger fremd als sein Vorgänger. Auf diese Weise wirkt das Kaddisch-Gebet trotz seines traurigen Inhalts und der aufwühlenden Präsentation der Musiker wie ein Aufatmen - es ist eine Musik, in der sich besonders jene Zuhörer mehr beheimatet fühlen könnten, die den moderneren Techniken mit Skepsis bzw. Unverständnis begegnen.

Daher ist diese bereits 2015 bei Naxos erschienene Aufnahme all jenen Zuhörern zu empfehlen, die religiöser Musik etwas abgewinnen können - unabhängig davon, ob sie selbst gläubig sind oder nicht, und ungeachtet ihrer musikalischen Vorkenntnisse bzw. Vorlieben. Die einzige Voraussetzung ist die Bereitschaft, sich in eine Musik hineinzuhören, die möglicherweise die Grenzen der bisherigen Hörgewohnheiten überschreitet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Penderecki, Krzysztof: Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
01.06.2015
EAN:

747313269778


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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