> > > Rossini, Gioacchino: Die diebische Elster
Montag, 18. Oktober 2021

Rossini, Gioacchino - Die diebische Elster

Rossinis Semiseria


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Henrik Nánási interpretiert 'Die diebische Elster' mit inspirierter und inspirierender Akkuratesse und vermag den Funken auch auf die Sänger überspringen zu lassen.

'Die diebische Elster' ist nicht die populärste Oper Rossinis. Zwar ist die Ouvertüre zum Schlager avanciert, aber der Rest der Oper kann sich neben den großen Erfolgen des Komponisten nicht wirklich behaupten. Das mag auch an der etwas abstrusen Handlung rund um die Hauptfigur Ninetta liegen. Diese Handlung schwankt zwischen Liebe und Verrat, bösen und armen Elternteilen, zwischen Gefängnis und Hochzeit. Bei aller zwischendurch aufblitzenden musikalischen Leichtigkeit bleibt das Geschehen unentschlossen in der Semiseria hängen und spätestens die größeren Ensembleszenen machen deutlich hörbar, dass Rossini als Buffo-Komponist einfach unschlagbar war.

Da ist es ein ganz besonderes Glück für den Opernabend, dass Henrik Nánási das Frankfurter Opern- und Museumsorchester so präzise durch die gesamte Partitur führt, dass eine Leichtigkeit entsteht, der der Spaß am Detail, an der akkuraten und temporeichen musikalischen Gestaltung entwächst. Diese sehr wohltuende Interpretation können die Sänger nicht bis zum Letzten mittragen, aber selbstverständlich gibt es auch hier Abstufungen. Die Partie der Ninetta ist mit Sophie Bevan nahezu ideal besetzt. Die britische Sopranistin bringt vielleicht nicht die leichteste Stimme mit, kann ihrer Rolle aber durch die lyrische Farbe ein angenehmes Gewicht verleihen. So wirkt sie für den interpretatorischen Zugang des Dirigenten zwar fast etwas zu behäbig, weiß das aber wunderbar durch den Schmelz ihrer Stimme und ihre musikalische Gestaltung auszugleichen. Diese Besetzungspolitik setzt sich mit Francisco Brito als Giannetto, Ninettas Geliebter, fort. Sein Tenor hat das zu erwartende Rossini-Timbre, bringt auch eine gute Beweglichkeit mit, bleibt aber nicht in der Leichtigkeit verhaftet, sondern findet auch immer wieder einen Moment der Dramatik, des lyrischen Anklangs.

Die Eltern der beiden Liebenden sind sehr rollendeckend besetzt. Der verfolgte Vater Ninettas, Fernando wird von Bassbariton Jonathan Lemalu einfühlsam interpretiert. Das zu Beginn der Partie auftretende Vibrato verliert sich im zweiten Akt, und so gelingt ihm ein kleiner Höhepunkt mit seiner Szene, in welcher er beschließt, seine Tochter zu retten. Seiner wohltönenden Stimme sind Katarina Leoson als Mutter und Federico Sacchi als Vater Giannettos entgegengesetzt. Beide Sänger befinden sich hörbar schon in einem anderen Stadium der Karriere oder klingen zumindest so. Bei Federico Sacchi strömt kein balsamischer Klang, sondern hier steht - sehr rollendeckend - die Charakterstimme im Vordergrund. Katarina Leoson hat als intrigante Lucia einige Szenen, in welchen sie ihr Können unter Beweis stellt. Diese Chancen nutzt sie auch allesamt und überzeugt durch eine bewegliche Stimme und eine volle Mittellage. Ihr Vibrato sowie die Spitzen und teilweise erzwungene Höhe sind musikalisch nicht auf der Plusseite zu verbuchen, stehen der Rollengestaltung aber gut zu Gesicht. Die Besetzung dieser Eltern lässt die Buffa als Brutstätte bester Rossinischen Musik durchscheinen. Mit Kihwan Sim ist die Rolle des Bürgermeisters sehr hervorstechend besetzt. Nicht immer besonders feinsinnig differenzierend überzeugt der koreanische Bassbariton durch seine Stimmgewalt, die mit einer bewundernswerten Beweglichkeit einhergeht.

Das Ensemble wird durch Nicky Spence als Isacco, den runden Mezzosopran von Alexandra Kadurina in der Rolle des Pippo und die Charakterstimme von Michael McCown als Kerkermeister Antonio abgerundet. Das Ensemble findet im Laufe der Aufnahme, die während der Premierenserie der Oper in Frankfurt 2014 entstanden ist, immer mehr zusammen, entfaltet seine Stärken und sorgt so für einen musikalisch stimmigen Abend. Die zahlreichen Bilder der Produktion, die in dem hervorragenden Booklet einen Eindruck von der Optik und Inszenierung der Oper vermitteln, lassen erahnen, dass die Art und Weise wie Nánási und sein Ensemble die Oper gestalten eine gute Einheit mit dem Bühnengeschehen bilden. Hier ist der Oper Frankfurt ein hörenswerter Mitschnitt gelungen. Man muss sich nur darauf einlassen, sich mit diesem nicht ganz einfachen Werk auseinanderzusetzen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossini, Gioacchino: Die diebische Elster

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
3
31.07.2015
Medium:
EAN:

CD
4260034869615


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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