> > > Atterberg, Kurt: Orchersterwerke Vol. 3
Montag, 27. Januar 2020

Atterberg, Kurt - Orchersterwerke Vol. 3

Gänsehaut-Spätromantik aus Schweden


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Können nur heimische Orchester die Musik ihrer Landsleute optimal zum Klingen und Leuchten bringen? Die Aufnahme der Fünften Sinfonie von Kurt Atterberg mit dem Nationalen Schwedischen Sinfonieorchester legt dies nahe.

Beinahe hält man es für ein Klischee, dass Orchester die Musik ihrer Landsleute besser, authentischer und mit mehr Biss interpretieren können als ausländische Spitzenklangkörper. Manchmal gibt es aber immer noch diese (Nischen-)Werke, die nur von diesen Musikern richtig zum Klingen, zum Leuchten gebracht werden können. Auch wenn das Göteburger Sinfonieorchester, seines Zeichens "nationales Sinfonieorchester Schwedens", in der vorzustellenden Chandos-Aufnahme mit schwedischem Repertoire unter der Leitung des estnisch-amerikanischen Dirigenten Neeme Järvi steht - das Klischee scheint zumindest im Fall der Musik Kurt Atterbergs noch immer zu gelten.

Bis vor kurzem war das Repertoire dieses schwedischen Spätromantikers nur einem Nischenpublikum bekannt. Atterberg kannte man außerhalb Schwedens wohl mehr als Musikkritiker und langjährigen Präsidenten des schwedischen Komponistenverbands denn als großen Sinfoniker. Dies hat sich spätestens mit dem beispielhaften Zyklus der Sinfonien des Komponisten, die 1998-2003 für cpo aufgenommen wurden und der auf ein begeistertes Presseecho stieß, geändert.

Warum Chandos, ein Label, das sich bisher zweifellos große Meriten bei der Aufnahme von Werken weniger bekannter skandinavischer Komponisten erworben hat, 2012 noch einmal eine ganz ähnliche Edition mit Atterbergs Sinfonien und Orchesterwerken auflegte, wird wohl das Geheimnis von Firmenchef Ralph Couzens bleiben. Vielleicht ging es ja einfach darum, eine klangliche hochwertigere Version in Form von Super Audio CDs nachzulegen, oder um den Anspruch, mit Neeme Järvi und schwedischen Klangkörpern den teilweise etwas biederen Klang der deutschen Orchester der cpo-Edition mit geballter Authentizität zu übertrumpfen.

Was auch immer es war, was Chandos zu diesem Schritt bewogen hat, das Ergebnis ist ein phänomenales. Wer keine Kosten zu scheuen braucht, sollte mit gutem Gewissen nicht zur günstigen Gesamtedition von Atterbergs Sinfonien auf fünf CDs bei cpo, sondern zu den tontechnisch ansprechenderen und musikalisch mustergültigen Aufnahmen des britischen Labels greifen. Das beweist auch Volume 3 dieser Reihe eindrucksvoll. Neben Atterbergs Erstling enthält es mit der Fünften Sinfonie ein tragisches und hochkomplexes Werk mit einer vielschichtigen Entstehungsgeschichte.

Doch schon bei der Ersten Sinfonie hört man bei Neeme Järvi genauer hin. Was die Göteburger Sinfoniker hier zelebrieren, ist ein zarte, feinschwebende romantische Linie. Gerade im zweiten Satz kommt das Orchester mit schwebenden Flöten, weichen Hörnern und einem matten, hochromantischen Streicherklang geradezu ins Schwelgen. Andererseits gönnt Neeme Järvi dem Orchester in den zupackenden Passagen vor allem des dritten Satzes keine Pause, keinen Spannungsabfall. Es wird mit Agilität und Hochenergie musiziert. Eingeflochtene Motive aus der Volksmusik feuern das musikalische Geschehen zusätzlich an.

Neben dem genialen Erstlingswerk bietet die CD mit der Fünften Sinfonie auch ein Werk, das dem Komponisten offenbar besonders am Herzen lag. Es existieren mehrere überarbeitete Versionen, wobei sich die Chandos-Aufnahme auf die Fassung der letzten Überarbeitung 25 Jahre nach der Uraufführung von 1919 stützt. Grelle Bläser, bohrende und pochende Streicherbewegungen und Beckenschlag: Schon der erste Satz verheißt, dass diese Sinfonie, obwohl nur etwas über 25 Minuten lang, mit einer besonderen Klangregie, instrumentatorischer Abwechslung und drastischen Effekten aufwartet. Wenn man sich dabei ertappt, bei dieser Musik Filmbilder mitzudenken - vorzugsweise schwarz-weiße Sequenzen früher Horrorfilme -, so ist dies ganz sicher ein Zeichen für die evokative Kraft, die in diesem Werk steckt und die Järvi auf subtile Art und Weise ausreizt. Wenn er die Blechbläser mit Schärfe, fast schon grell in die repetitiven Streichersequenzen fahren lässt oder den dekadenten Walzer im Schlusssatz sich genüsslich überdrehen lässt - schnell stellt sich ein Gänsehaut-Effekt ein, der bei gewöhnlicher spätromantischer Musik eher selten auftritt.

Zum Prunkstück macht Järvi aber den langsamen Satz ('Lento'). Den hochchromatisch aufgeladenen fatalistischen Streicherklang gibt Järvi genügend Freiräume zur Entfaltung. Und die Musiker versuchen hier jedem Akkord den Grusel und Nervenkitzel zu entlocken, nach dem sich jeder Hörer heimlich sehnt. Mehr Emphase geht nicht, möchte man den Musikern zurufen - aber mit weniger wäre diese Musik eben auch nur halb so schön. Neeme Järvi und seine schwedischen Musiker, die auf allerhöchstem Niveau musizieren, machen diese Sinfonie zu einem musikalischen Ereignis. Es zeigt sich einmal mehr, dass die sogenannten Unbekannten der Musikgeschichte, wenn auch womöglich nur in einzelnen Werken, einmal die ganz Großen sein können.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Atterberg, Kurt: Orchersterwerke Vol. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
05.06.2015
Medium:
EAN:

SACD
095115515426


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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