> > > Mazo, Maria spielt: Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven
Donnerstag, 19. September 2019

Mazo, Maria spielt - Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven

Junge Beethoven-Interpretin


Label/Verlag: Arts music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Maria Mazos Einspielung der beiden Beethoven-Sonaten opp. 53 und 57 überzeugt auf handwerklicher Ebene durch pianistische Versiertheit, entbehrt aber zeitweilig noch der künstlerischen Inspiration und Eigenständigkeit.

Das Repertoire, das die Nachwuchspianistin Maria Mazo für ihre beim Label Arts Music erschienene Einspielung ausgewählt hat, steht ganz im Zeichen ihrer jüngsten Erfolge: Mit Beethovens Klaviersonaten opp. 53 (‚Waldstein‘) und 57 (‚Appassionata‘) präsentiert die Gewinnerin des Wiener Beethoven-Wettbewerbs 2013 zwei berüchtigte Standardwerke der Klavierliteratur. Maria Mazo wird dank ihrer Auszeichnungen bereits als anerkannte Beethoven-Interpretin gefeiert, die auch vor monumentalen Kompositionen wie der ‚Hammerklaviersonate‘ nicht zurückschreckt. Einen Platz in der oberen Liga vielversprechender Talente hat die Künstlerin sich längst gesichert.

Die vorliegende Einspielung der beiden Klaviersonaten lässt es an pianistischer Überlegenheit und Brillanz nicht fehlen. Darüber hinaus zeigt Mazo sich merklich bemüht um eine texttreue, reflektierte Wiedergabe der Stücke: Die eigenwilligen dynamischen Vorgaben Beethovens, bei dem nicht selten auf ein heftiges Crescendo unmittelbar ein Piano folgen soll, nimmt die Pianistin durchweg ernst, sodass der Überraschungseffekt der jähen Brüche nicht verloren geht. Das Satzgeschehen bleibt durchsichtig auch in dicht gearbeiteten Passagen; die führende Stimme meißelt Mazo über weite Strecken hörbar heraus. Diesen Vorzügen zum Trotz ziehen sich durch fast alle Sätze geringfügige Tempomodifikationen, die kaum gewollt sein können und der Pianistin offensichtlich unterlaufen. Hinzu kommen einige rhythmische Ungenauigkeiten, die sich vor allem deshalb bemerkbar machen, weil Mazo sich vielerorts gerade durch präzises, gewissenhaft artikuliertes Spiel auszeichnet.

Die Akkordrepetitionen zu Beginn der populären C-Dur-Sonate op. 53 gestaltet Maria Mazo der interpretatorischen Tradition gemäß gestochen scharf und punktuell. Dem virtuosen Laufwerk, das den ganzen Kopfsatz beherrscht, zeigt sie sich mühelos gewachsen und spielt jede der Skalen deutlich aus. Ihr Pedalgebrauch bleibt wohltuend sparsam. Dabei entgeht sie nicht der Gefahr, das Moment der Akkuratesse, dessen der Satz zweifellos bedarf, zum musikalischen Inhalt zu erheben: Interpretatorische Ideen werden einer präzisen, exakten Darstellung weitgehend geopfert. Wenn diese Präzision der Wiedergabe durch Tempobrüche, die besonders dort ohrenfällig werden, wo das repetierende Anfangsthema wieder auftaucht, kurzfristig ins Schwanken gerät, verliert der Hörer sämtlichen Halt. Bei aller technischen Überlegenheit driften rechte und linke Hand zum Teil minimal auseinander, sicher einer der Gründe dafür, warum das Tempo manchmal instabil wirkt. Die Dauer der Fermate schon nach den ersten 13 Takten scheint willkürlich gewählt und wird damit unverständlich.

Im 'Adagio' beeindruckt Mazo durch eine gemessene Ruhe des Vortrags, die dem düsteren Satz trotz seiner Kargheit einen feierlichen Anklang verleiht. Sehr gut getroffen ist das Tempo des Schlusssatzes, dessen Vorgabe 'Allegretto moderato' die Interpretin wirklich Rechnung trägt. Wie schon im Kopfsatz ist Mazo hörbar um Durchsichtigkeit und Klarheit bemüht. Mut zu exzessiven dynamischen Steigerungen und Kontrasten verraten viel Gespür für Beethovens schroffe Ader. Die Unnachgiebigkeit des Ausdruckswillens, die die Pianistin hier an den Tag legt, wäre für das Metrum, das auch hier geringen Schwankungen unterliegt, ebenfalls zu wünschen.

Die Interpretation der 'Appassionata' op. 57 krankt an ähnlichen Mängeln wie die der ‚Waldstein‘-Sonate, wenngleich auch hier die Diskrepanz zwischen solchen Passagen, in denen Mazo sich als mitreißende, überlegene Künstlerin präsentiert, und anderen, die der straffen Tempoführung schlichtweg entbehren, zu bedauern ist. Positiv hervorgehoben sei erneut der langsame Satz: Zwar fehlt dem Thema die nötige Kontur durch die Oberstimme, doch die nachfolgenden Variationen gestaltet Mazo bei allem forschen Beethovenschen Zugriff hell und plastisch, mit perlenden Läufen und überlegter Phrasierung, sodass inmitten zweier aufgewühlter, abgründiger Außensätze eine lichte Insel entsteht. Der Finalsatz fährt in gebotener Schärfe herein; Mazo entfesselt alle Kühnheiten der Komposition, scheut sich nicht vor heftig zupackenden Sforzati und führt die Sonate einer fulminanten Coda zu.

Im Kopfsatz bewegt sich die Künstlerin schlicht noch sehr im Fahrwasser eingefahrener Interpretationsmuster. Kaum möchte man einer so jungen Musikerin diese Tatsache vorwerfen; an anderen Stellen aber liefert Mazo sehr wohl den Beweis dafür, dass sie in der Lage ist, mit den Vorgaben des Textes umzugehen. So bestünde eigentlich kein Grund, die synkopierten Akkordaufgänge, die nach dem ersten Ausbruch zu Beginn des Satzes unwillkürlich die Stille der Fermate durchbrechen, im Tempo radikal zu steigern, nur weil es sich so „eingebürgert“ hat. Gleiches gilt für das penetrante Klopfen der nachfolgenden Tonrepetitionen, die von den meisten Interpreten mit greller Schärfe in die Tastatur gemeißelt werden, obgleich der Text hier weder Staccato noch Forte vorschreibt. Das Thema des Seitensatzes dagegen drosselt Mazo unvermittelt im Tempo; auch das ein eingefahrenes Vorgehen, das nicht begründet scheint. Die Kadenz und die ganze Coda des Satzes gelingen ihr nichtsdestoweniger mit frappierender Bravour, Zeugnis einer wirklich begnadeten Pianistin, die mit ihren technischen Fertigkeiten umzugehen weiß.

Mit den beiden Sonaten opp. 53 und 57 gibt Maria Mazo eine Kostprobe ihres souveränen, überlegenen Klavierspiels. Die Wahl von zwei Werken des Beethovenschen Oeuvres, die eine so lange und vielgestaltige Interpretationsgeschichte haben wie ‚Waldstein‘-Sonate und „Appassionata“, macht sie jedoch zugleich umso angreifbarer für vergleichende Kritik. Wer hier nichts Innovatives, nichts Individuelles zu bieten hat, unterläuft die von Anfang an hohe Erwartungshaltung der Hörer. Damit ist mitnichten gemeint, dass jeder, der mit Beethovens opp. 53 und 57 heute noch brillieren will, zum Exzentriker werden müsste; allein Mazos Interpretation ist zu allgemein gehalten und entbehrt in der Folge des Spannungsbogens, der nötig ist, um ihre Einspielung von unzähligen anderen abzuheben. Hinzu kommen die nicht gravierenden, aber dennoch den Gesamteindruck störenden Unstetigkeiten in der Tempoführung. Gern glaubt man der jungen Künstlerin, die die ersten Schritte zu einer vielversprechenden Karriere als Konzertpianistin schon hinter sich hat, dass sie mit der vorliegenden Einspielung ihr Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft hat und der Hörer gespannt sein darf, was die Zukunft noch bringt. Beklagenswert ist, dass das Booklet, obwohl in vier Sprachen abgefasst, keinerlei Informationen über die Künstlerin selbst bereithält.

Elisa Ringendahl Kurzkritik von Elisa Ringendahl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mazo, Maria spielt: Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arts music
1
12.06.2015
Medium:
EAN:

CD
600554776422


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