> > > Widmann, Jörg: Streichquartette
Donnerstag, 6. Oktober 2022

Widmann, Jörg - Streichquartette

Widmann reloaded


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Minguet Quartett wartet mit der zweiten Gesamteinspielung von Jörg Widmanns Streichquartetten auf, kann aber nicht in allen Details überzeugen.

Kaum zu glauben, dass bereits sieben Jahre nach der ersten Gesamteinspielung von Jörg Widmanns Streichquartetten mit dem Leipziger Streichquartett (MDG, 2008) eine weitere Aufnahme dieser gewichtigen Werkgruppe auf den Markt kommt. Das im Mittelpunkt der neuen Wergo-Produktion stehende Minguet Quartett (mit Ulrich Isfort und Annette Reisinger, Violine; Aroa Sorin, Viola; Matthias Diener, Violoncello) hat während der vergangenen Jahre immer wieder durch die Zusammenarbeit mit Widmann sowie durch zyklische Aufführungen der fünf fraglichen Kompositionen von sich reden gemacht, weshalb das Ensemble für den Komponisten – dies legt zumindest sein kurzer Einleitungstext zum Booklet – die ideale Formation zur Interpretation der Quartette zu verkörpern scheint. Dennoch bleibt in der Einspielung einiges in der Schwebe, was man sich klarer und prägnanter vorstellen könnte, zumal die ältere Aufnahme diesbezüglich ein sehr hohes, schwer zu erreichendes Niveau erreicht hat.

Beim 1997 entstandenen Streichquartett Nr. 1 kämpft das Minguet Quartett beispielsweise gegen die kompositorisch etwas unbeholfen wirkende, auf der Reihung von Gedanken basierenden formale Struktur an: Einige Passagen – etwa der extrem fein gestaltete Werkbeginn oder der atemlos dargebotene Rezitativ-Ausbruch der Viola im ersten Drittel – sind sehr gut gelungen; andere wiederum bleiben undurchsichtig und klanglich wenig strukturiert, was vor allem an der Überakzentuierung expressiver Momente und der damit einhergehenden Einebnung von Vorder- und Hintergrund liegt. Dadurch wirkt das Stück nicht als sich entwickelnde Abfolge von Klangmomenten; es zerfällt vielmehr in Situationen, die vom Drang nach vorne bestimmt sind, und in solche, die musikalisch auf der Stelle treten. Die als 'Choralquartett' betitelte zweite Komposition der Werkreihe (2003, revidiert 2006) offenbart dagegen vor allem im exakten Zusammenspiel, in den gemeinsamen, oftmals abrupten Lautstärkeveränderungen sowie in der klanglichen Ausgestaltung der in choralartigem Schreiten eintretenden harmonischen Wechsel die Stärken des Ensembles. Allerdings ließe sich – gerade zu Beginn – eine noch extremere Wiedergabe der dynamischen Angaben vorstellen, und auch die von Widmann stellenweise integrierten Geräuschklangfarben könnten differenzierter gestaltet werden.

Im 'Jagdquartett' (2003) fallen allerdings die diesbezüglichen Hemmungen, da hier ein bis zur äußersten Virtuosität getriebener Umgang mit Geräuschaktionen gefordert ist, ohne den die Wirkung des Stücks völlig verpufft. Das eigentliche Problem dieses dritten Streichquartetts liegt vielmehr darin, dass es auf CD nicht richtig funktioniert, da das ständige Schreien und inbrünstige Brüllen der Musiker doch eher albern wirkt und sich der schwarze Humor der Komposition (der ohnehin über die gesamte Dauer des Quartetts etwas zäh und altbacken wirkt) trotz eines geradezu brachialen Zugangs der Musiker (dem manche filigranere Komponente nicht geschadet hätte) kaum erschließt, wenn man die optische Komponente der Aufführung nicht vor Augen hat. Im Streichquartett Nr. 4 (2005) ist wiederum die Gestaltung von Übergängen und agogischen Feinheiten beachtlich, doch bleiben die von den Musikern gezeichneten Texturen an manchen Stellen undurchsichtig, weil sich – ähnlich wie in den Espressivo-Passagen des ersten Streichquartetts – die Vorder- und Hintergrundstrukturen der Musik hörend nicht nachvollziehen lassen. Dadurch und durch das um eine Spur zu ruhig angesetzte Andante-Tempo gerät die Komposition insgesamt etwas langatmig.

Im 'Versuch über die Fuge' schließlich, dem 2005 entstandenen fünften Streichquartett, in dem sich Claron McFadden mit glasklarem Sopran zum Ensemble hinzugesellt, findet das Minguet Quartett am ehesten zu sich selbst. Widmanns pseudo-historisierender und bisweilen auch allzu belehrend ausgesponnener Kontrapunkt scheint den Musikern zu liegen, denn Artikulation, Klanggebung und Zusammenspiel sind hier exzellent. Trotz dieses Höhepunkts überzeugt die Einspielung des Minguet Quartetts in ihrer Gesamtheit aber weitaus weniger als die in vielerlei Hinsicht extremere, von fiebriger Intensität durchzogene und in ihrer ganzen Darstellung plastischere Interpretation des Leipziger Streichquartetts. Was vielleicht für die auf zwei CDs verteilte Neuproduktion sprechen mag, ist der Aspekt der Vollständigkeit, hat man doch noch zwei weitere, allerdings eher unscheinbare Werke hinzugefügt: Neben dem Streichquartett aus der Oper 'Asence' (1990, revidiert 1993) erklingt – mit Alexander Hülshoff und Andrei Simion (Violoncello) – das Streichsextett '180 Beats per Minute' (1993), das trotz seiner angeblichen Inspiration durch die schnellen Beats der elektronischen Tanzmusik eher wie eine verunglückte, gewaltsam mit humoristischen Spitzen angereicherte Bartók-Kopie wirkt, die ungeachtet ihrer Dauer von nur fünfeinhalb Minuten einfach nicht enden will.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Widmann, Jörg: Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
2
15.05.2015
90:47
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228731620
WER 73162


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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