> > > Janacek, Leos: Jenufa
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Janacek, Leos - Jenufa

Fesselnd, lebendig, zwingend


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Grazer 'Jenufa' ist fesselndes Theater für die Ohren.

Das Label Oehms Classics bringt in den vergangenen Jahren zahlreiche Mitschnitte zum Beispiel aus der Oper Frankfurt oder der Hamburger Staatsoper heraus. Diese Veröffentlichungen glänzen nicht immer mit einer durchgehend namhaften Starbesetzung, die den Verkauf der CDs von vornherein sichern könnte, aber sie vermitteln oftmals den lebendigen Eindruck spannungsreicher Theaterabende – mit allen Höhen und Tiefen.

Nun ist auf zwei CDs der Mitschnitt der Grazer 'Jenufa'-Produktion vom Mai 2014 greifbar. Es ist dieser Veröffentlichung nur zu wünschen, dass sie viele Hörer findet, denn was hier geboten wird, ist wirklich außergewöhnlich. Große Namen für die breite Hörerschaft nennt die Besetzungsliste nicht, abgesehen vielleicht von Dunja Vejzovic als alte Buryja. Selbst die großartige Iris Vermillion als Küsterin hat vermutlich nicht die Plattenmarkt-Popularität, die sie verdienen würde. So muss man eben im CD-Regal vertrauensvoll und beherzt zugreifen und sich mit diesem Mitschnitt unter der Leitung von Dirk Kaftan in Janáceks Klangwelt entführen lassen, um das Bühnendrama nahezu unmittelbar zu spüren. Selbst die Sprachbarriere stürzt bei dieser Intensität der vokalen Darstellung in sich zusammen. Ja, es wird in der tschechischen Originalsprache gesungen, aber auch ohne dieser Sprache mächtig zu sein, versteht man jedes Wort, zumindest emotional.

Hörbare Regiearbeit

Vielleicht liegt der Schlüssel zu dieser fast physisch erlebbaren Kraft und Theatralität in der Regie Peter Konwitschnys, die auf CD natürlich nicht optisch transportiert werden kann. Aber man hört, wie glaubhaft die Solisten in die Haut ihrer Partien schlüpfen, wie auch die kleinste Rolle mit scharfem Verstand erschlossen ist. Das fällt schon bei der Episode mit Jano im ersten Akt ins Gewicht, die auch in ihrer Kürze ein einprägsames Schlaglicht wirft, nicht nur auf die Titelfigur. Nazanin Ezazi gibt diesen Jano mit jugendlichen Übermut und tonschönem Sopran.

Am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters behält Dirk Kaftan einen klaren Kopf und würzt seine ansonsten unsentimentale Lesart mit einer wohl kalkulierten Dosis Leidenschaft. Zumindest in der vorliegenden Tonabmischung pflegt Kaftan eine rücksichtsvolle, aber niemals dynamisch ausbremsende Balance zwischen Bühne und Orchestergraben. Den Sängern bleibt Raum zur Gestaltung, ohne gegen Klangmassen ankämpfen zu müssen. Im zweiten Akt wird das Geigensolo zum szenisch greifbaren Ereignis, gespielt von Fuyu Iwaki mit warmem, beseeltem Ton.

Die Herrenriege ist überdurchschnittlich gut besetzt. Taylan Reinhard gibt einen selbstverliebten und doch zutiefst verunsicherten Steva, der zumindest stimmlich begreifen lässt, weshalb er Jenufa den Kopf verdrehen konnte. Zutiefst anrührend ist das Charakterporträt von Ales Briscein als Laca. Sein Tenor besitzt strahlendes Metall und im Vortrag jene unprätentiöse Verbindlichkeit, die seinem Laca große Sympathie abringt. Sein liebevolles, unerschütterliches ‚Jenufa!‘ im finalen Duett geht unter die Haut.

Das beeindruckende Ensemble der Oper Graz ist in den zahlreichen Nebenrollen im Einsatz: David McShane als Altgesell, Konstantin Sfiris als Dorfrichter, Stefanie Hierlmeier als Richtersfrau, Tatjana Miyus als wunderbar penetrante Karolka und die verdiente Fran Lubahn als Schäferin. Mit der Besetzung der alten Buryja mit der ehemals hochdramatischen Sopranistin Dunja Vejzovic ist der Oper Graz ein wahrer Besetzungscoup gelungen. Hart und unbeirrbar ist diese alte Buryja, im besten Sinne zum Fürchten.

Jenufa und Küsterin der Sonderklasse

Die Krönung dieser ungemein stimmigen Besetzung sind die beiden weiblichen Hauptpartien. Gal James und Iris Vermillion beherrschen das Geschehen mit zwingender Präsenz und vollem Einsatz. Jede der beiden Künstlerinnen macht auf ihre Art sprachlos. So versteht sich Gal James auf den jugendlich dramatischen Ton, den sie unnachahmlich mit lyrischer Grundierung versieht. Selten hört man eine so innig glühende Jenufa mit leuchtender Höhe, einer in allen Registern problemlos anspringenden Stimme und interpretatorischer Wahrhaftigkeit. Ihre Stiefmutter, die Küsterin, singt nicht nur, sondern durchlebt geradezu die Mezzosopranistin Iris Vermillion. Sie kennt die klangschöne Vokalpassage ebenso wie den markerschütternden Schrei. Ihr gelingt das Kunststück, Text und Musik zu einer untrennbaren Einheit zu verschmelzen und diese mit Emotion zu beglaubigen. Diese Küsterin ist ein Erlebnis – allein dafür muss man diesen Mitschnitt gehört haben.

Diese Grazer 'Jenufa' hat einen Platz im Plattenschrank neben den Einspielungen von Charles Mackerras und Bohumil Gregor verdient. Sie ist Theater für die Ohren: fesselnd, lebendig, zwingend – ein Muss.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Janacek, Leos: Jenufa

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
18.05.2015
Medium:
EAN:

CD
4260034869622


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Orgelsinfonik: Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bezaubernder Effekt: Ein Duett mit Martha Argerich und ein neues Pedal für den Flügel machen diese Platte des Pianisten Jura Margulis spannend. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... 'Hörst du den Ton?': Dieser 'Ferne Klang' zeigt mit großer Klarheit und Leidenschaft, wie populär Schrekers Meisterwerk und seine Musik im Allgemeinen sein sollten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Eine Art Salzburger 'Sommernachtstraum': Mit diesem 'Endimione' kommt man als interessierte Hörerschaft der stilistischen Vielfalt und dem Ideenreichtums Michael Haydns ein interessantes Stück näher. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Ungebrochen modern: Wer keine historisierende Ausstattung braucht und sich von der ungebrochenen Modernität von 'Così fan tutte' überzeugen will, der kann mit der vorliegenden Veröffentlichung nichts falsch machen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Sounds of Martinsson: 'Garden of Devotion' macht mit einem Querschnitt aus Rolf Martinssons zeitgenössischen Schaffen auf einen hierzulande eher selten gespielten Komponisten aufmerksam. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach der rechten Orgel: Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich