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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Thuille, Ludwig - Kammermusik

Wuchtige Kammermusik


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ludwig Thuilles Kammermusik findet in diesen Musikern berufene Interpreten, die es verstehen, die expressive Fülle dieser Musik beispielhaft auszubreiten.

Die Kammermusik des Münchner ‚Jugendstil-Komponisten‘ und Musikpädagogen Ludwig Thuille steht teils zu Unrecht immer noch weit im Schatten der Werke seines um drei Jahre jüngeren Freundes Richard Strauss. Doch letztendlich trug der Austausch zwischen den beiden ‚Spätromantikern‘ viel zu beider künstlerischer Entwicklung bei. Die Kammermusikkompositionen Thuilles stellen wohl den Höhepunkt seines musikalischen Schaffens dar. Diese Sicht vertritt zumindest der Autor des Textes auf der Website des Labels cpo, bei dem die Neuproduktion (2 CDs) dieser wichtigen Werke Thuilles erschienen ist.

Es sind in der Tat vier bezaubernde Werke voller Klangpathos, die hier gebündelt werden. Schwungvoll kosten sie sowohl leidenschaftliche wie heitere Passagen aus. Auch vermag die Fülle der reichen thematischen Erfindung noch heute zu fesseln – diese Werke werden gerade wiederentdeckt. Während die Frühwerke, die Violinsonate d-Moll op. 1 und das Trio Es-Dur für Klavier, Violine und Viola noch die Auseinandersetzung mit der Wiener Klassik Beethovens erkennen lassen, sind die viel später komponierte Cellosonate d-Moll op. 22 und vor allem die rasante Violinsonate E-Moll op. 30 stärker an neudeutsche Idiome angelehnt, zum Beispiel erkennen wir hier eine geschärfte Harmonik, die Neigung zur Verwendung frei entwickelter Formen und expressiv-deklamatorische Gestik.

Der Cellist Peter Hörr, der zusammen mit Frank-Immo Zichner (Klavier) Thuilles Cellosonate op. 22 von 1901/02 eingespielt hat, gilt als profilierter Vertreter seiner Generation. Seine prägenden Studienjahre bei Heinrich Schiff und Harnoncourt-Schüler Christophe Coin (Alte Musik) an der Musikakademie Basel und der Schola Cantorum Basiliensis waren beste Schule für seine weltweite Konzerttätigkeit. Mit 23 wurde er Professor für Violoncello und Kammermusik an der Hochschule der Künste Bern. Seither gilt er als gefragter Pädagoge und lehrt derzeit Violoncello als Professor an der Hochschule für Musik und Theater ‚Felix Mendelssohn-Bartholdy‘ Leipzig. Hörr war 2005-2011 Intendant des Musikfestivals ‚Westfalen Classics‘, 2006 gründete er mit Mark Gothoni, Hartmut Rohde und Paul Rivinius das Mozart Piano Quartet. Seither ist das Ensemble auf allen wichtigen Podien zuhause und gehört zu den gefragtesten Klavierquartetten der Szene.

Hörrs Spiel hinterlässt einen nachhaltig positiven Eindruck: Schon der quasi-kadenzartige virtuose Einstieg in den 'Allegro energico, ma non troppo presto' übertitelten Satz ist eine fabelhafte Visitenkarte. Der Cellist versteht hier mit Nachdruck ein Spiel von Leidenschaft und dramatisch-wogender Expressivität zu zelebrieren. Sein Partner am Klavier, Frank-Immo Zichner, unterstützt ihn da in der im Juli 2011 in der Siemensvilla zu Berlin-Lankwitz eingespielten Aufnahme nach Leibeskräften. Sein Klavierspiel ist dezent, virtuos und farblich abschattiert zugleich. Es unterstreicht die geheimnisvoll-düstere Atmosphäre der Musik. Perlendes Girlandenspiel im Hintergrund changiert da kunstvoll mit solistisch intendiertem Zugriff. So sind beide Interpreten von Anfang an wirklich gleichberechtigt in diesem Kammermusikwerk. Seine reiche Kammermusikerfahrung, die Frank-Immo Zichner an seine Studenten an der UdK Berlin weitergibt, verleiht ihm hier große spielerische Autorität. Peter Hörr kann sich dabei voll entfalten. Zum Beispiel finden die beiden zu gänzlich introvertiertem Ausdruck im 'Adagio' überschriebenen langsamen Satz, der eine Verklärtheit verströmt, wie sie Künstlern nicht oft gelingt. Es muss schon fast von Resignation gesprochen werden, die in diesem tristen melodienreichen Satz evoziert wird. Die Dynamik wird zurückgefahren, feinste Änderungen der Harmonik werden behutsam zwischen den Kammermusikpartnern entfaltet. Alles klingt dabei seidenweich im Cello und sonor im Klavier. Ein fahles Klaviersolo erinnert immer mal wieder an Chopins Sonatenwelt, wobei Thuille schon gern hier und da ein paar Blue Notes einflechtet. Es ist das späte 19. Jahrhundert, das hier unmittelbar erlebbar wird. Das 'Finale. Allegro ma non troppo' leitet ein Klaviersolo ein, dessen rhythmisches Gerüst dem Scherzo aus Tschaikowskys Fünfter Sinfonie (Uraufführung 1888) entlehnt ist. Auch hier in diesem vitalen Satz harmonieren die beiden Interpreten aufs angenehmste. Sowohl technisch wie interpretatorisch gibt es hier nichts zu kritteln – e ne mustergültige Aufnahme.

Ungewöhnlich ist die Besetzung Violine (Mark Gothoni), Viola (Ulrich Eichenauer) und Klavier (Frank-Immo Zichner) für Thuilles Klaviertrio Es-Dur (1885). Bemerkenswert umgesetzt ist hier der zweite Satz 'Andante maestoso', dessen musikalischer Einfall beglückend ist. Mozart hatte in dieser Besetzung mit seinem ‚Kegelstatt-Trio‘ Maßstäbe gesetzt. Leider ist die Intonation der Streicher in vielen Unisono-Passagen hier – wie schon im ersten Satz 'Allegro moderato' – nicht immer lupenrein. Doch die geradezu beklemmende c-Moll-Atmosphäre treffen die drei Künstler zielsicher. Gothonis Vibrato ist geschmackvoll und lyrisch-lockend zugleich, dazu lodert der Violaton Eichenauers. Zichner am Piano rundet das Ganze weich ab und setzt immer wieder farblich Akzente.

Mit fließender Bewegung gleitet das 'Moderato cantabile' dahin und versprüht seinen ganz eigenen aufhellenden Charme. Die Geige singt hier wunderbar, die Viola füllt wonnig die Mittelstimmen aus und das Klavier muss mit deutlichem Bass das Violoncello ersetzen. Es ist angenehme, klangschöne Musik, die Thuille hier geschrieben hat. Viele ‚kleine‘ Noten am Klavier umspielen die Streicher ehe der Satz in das heitere 'Allegro vivace' mündet, ein Geniestreich des erst 24-jährigen Komponisten. Allerdings gibt es hier ein paar Unsauberkeiten in virtuosen Klavierpassagen. Auch klemmt die Stretta etwas gegen Ende; da ist noch Luft nach oben.

Die CD 2 ist Ludwig Thuilles beiden Violinsonaten op. 1 und op. 30 gewidmet. Obwohl die d-Moll Sonate op. 1 (1880) noch ganz an Joseph Rheinbergers Kompositionsstil angelehnt und diesem auch gewidmet ist, finden sich ansprechende Züge darin. Sie kann aber kompositorisch mit der sieben Jahre später entstandenen Es-Dur Sonate op. 18 (1887/88) von Richard Strauss überhaupt nicht mithalten. Zu niedlich sind ihre Themen, zu simpel ist ihre Verarbeitung. Der erst Satz 'Allegro risoluto' gerät mit über 10 Minuten Spieldauer ausladend lang. Dafür fehlt es an zündendem Material. Da können auch Mark Gothoni und Frank-Immo Zichner nicht mehr herausholen, selbst wenn das Klavier manchmal etwas zu vordergründig tönt. Das kann auch an der Aufnahmeeinstellung liegen. Geigentechnisch ist das 'Scherzo. Molto allegro' eine Herausforderung. Gothoni kämpft hier. Sein Spiel ist aber flexibel und variabel. Oktaven sind aber nicht immer intonationsrein sauber. Das 'Adagio cantabile' badet dafür in religiöser Seligkeit. Das perfekte Stück für die Kirche. Gothonis Klang ist aber hier nicht immer ganz stabil und könnte bisweilen auch voluminöser sein. Kompositorisch etwas unausgegoren erscheint die Pizzicato-Passage. Es ist eben hier in dieser Sonate noch ein suchender Komponist auf dem Weg zu erleben. Vielleicht wurde er von Grieg für sein 'Finale. Allegro di molto' inspiriert? Es klingt zumindest danach.

Die zweite Sonate ist ungleich gediegener gearbeitet und hat mit der ersten kaum etwas gemein, auch kompakter ist sie, weil ‚nur‘ noch dreisätzig. Hier gibt es bizarrere Rhythmen, verwegenere Harmonik und ausladenderes Pathos. Das einleitende 'Allegro appassionato, ma non troppo mosso' schreit nach Erfüllung. Es ist schon ein Spätwerk, diese Sonate op. 30 e-Moll von 1904, drei Jahre später, im Februar 1907, stirbt der Sohn eines Bozener Kunst-, Buch- und Musikalienhändlers an plötzlichem Herzversagen. Im zweiten Satz 'Adagio molto' kostet Mark Gothoni alle Nuancen der Komposition weitestgehend aus, lauscht ihm einen reflexiven Tonfall ab, der selbst noch einmal Violinsonaten wie die von Brahms in anderem philosophischen Licht erscheinen lässt. Man könnte sagen, dieser langsame Satz ist wie ein Requiem, ein Abgesang auf alle langsamen Sonatensätze davor komponiert. Alles scheint hier expressiv gedehnt, wagnerianisch verklärt, bis an den Rand ausgekostet. Saftig ist hier der Ton des Violinisten, kraftvoll strotzen die Akkorde des Klaviers. Aber diese Musik lebt auch vom Kontrast, den die Musiker exzellent entfalten. Diese Sonate – samt ihrem aufbrausenden 'Finale. Allegro deciso' – erweitert wahrlich das Repertoire und sollte öfter in den Konzertsälen erklingen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Thuille, Ludwig: Kammermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.04.2015
Medium:
EAN:

CD
761203796724


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Thuille, Ludwig
 - Sonata for Violoncello & Piano op.22 in D minor - I. Allegro energico, ma non troppo presto
 - Sonata for Violoncello & Piano op.22 in D minor - II. Adagio
 - Sonata for Violoncello & Piano op.22 in D minor - III. Finale. Allegro ma non troppo
 - Trio for Violin, Viola & Piano without op. in E flat major - I. Allegro moderato
 - Trio for Violin, Viola & Piano without op. in E flat major - II. Andante maestoso
 - Trio for Violin, Viola & Piano without op. in E flat major - III. Moderato cantabile
 - Trio for Violin, Viola & Piano without op. in E flat major - IV. Allegro vivace


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Interpret(en):Gothoni, Mark
Eichenauer, Ulrich
Hörr, Peter
Zichner, Frank-Immo


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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