> > > Nyquist, Kristian: Cembalo Harpsichord Avantgarde
Dienstag, 19. November 2019

Nyquist, Kristian - Cembalo Harpsichord Avantgarde

Mit Saiten soll ich singen


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kristian Nyquist gewährt mit Mitschnitten aus den Jahren 2004 und 2012 einen Einblick in Cembalomusik der Gegenwart, fernab vom Mainstream.

Das Cembalo ist ein bemerkenswertes Instrument. Es führt ein Dasein zwischen Mainstream und Exotik. Es ist ein Instrument, das in permanentem Dialog mit der eigenen Vergangenheit steht - mit sich selbst. Den größten Teil des Repertoires nimmt freilich die alte Musik ein; hier liegt der Schwerpunkt. Dennoch existieren laut musikwissenschaftlichen Recherchen ca. 4000 ‚neue‘ Kompositionen für das Instrument.Diese Zahl wirkt verhältnismäßig klein in Anbetracht des unüberschaubaren Werkbestands Alter Musik. Da fragt man sich, ob dieses Instrument überhaupt seine Geschichte abstreifen und ins ‚neue‘ Universum aufgehen konnte, oder eben doch nur ein klanglich begrenztes Medium darstellt, das für zeitgenössische Komponisten nicht genügend agil, formbar, frisch und unbeschrieben ist: Zeitgenössische Musik für Cembalo ist eine Randerscheinung.

Der amerikanische Cembalist und Hammerklavierexperte Kristian Nyquist (geboren 1964) beschäftigt sich in seiner Einspielung ‚Cembalo Harpsichord Avantgarde‘, die im April 2015 bei musicaphon erschienen ist, mit der faszinierenden Welt dieser Randerscheinung und präsentiert eine Riege an Stücken, darunter vier Ersteinspielungen, eine Premiere auf historischem Cembalo und ein ihm selbst gewidmetes Stück. Werke von Dinescu, Henze, Heeren, Thomas, Eliasson, Yun und de Man schnüren sich in Form der Kompilation aus Mitschnitten zu einem handfesten Bündel (noch) neuer Cembalomusik zusammen.

Gleich zu Beginn der Einspielung die erste historische Referenz: Mit einem 'Prelude' der rumänischen Komponistin Violeta Dinescu (geboren 1982) lenkt Nyquist präludierend den Blick auf die Klanglandschaft Cembalo. Registerkoppeln, Lautenzug, die gesamte Bandbreite der gängigen Spielarten erzeugen interessante, spannungsgeladene Zusammenklänge. Mechanisch-rhythmische Partien wechseln sich mit flächigeren ab. Die für das Cembalo so charakteristische arpeggierende Spielweise eröffnet Assoziationen mit älterer Cembalomusik. Die bereits hier merkliche Spannung zwischen traditionelleren Klanggestalten und denen der Avantgarde, den Kräften radikaler Innovationsgedanken, wird sich in unterschiedlich starker Ausprägung in allen Stücken wiederfinden.

Auszüge von Hans Werner Henzes zwei 'Sonaten über Gestalten von Shakespeare' aus der bekannten 'Royal Winter Music' für Gitarre (1979) erscheinen in Nyquists Transkription plastisch, geradezu unzweideutig wie ein Ricercar. Darin steckt aber auch die Problematik dieser Transkription, die zwar in früheren Jahrhunderten gängige Praxis war, hier aber die vielen Abstufungen, Schattierungen, Zwischennuancen der Gitarre nicht gänzlich auf das Cembalo zu übertragen vermag. Flageolett-Töne, abgestoppte Saiten oder Glissandi gehen somit zu Gunsten von Brillanz und Klarheit verloren. Die Zwischentöne hätten Shakespeares Gestalten aber gutgetan. Die Kompensation dafür liefert die geschmeidige Artikulation und das Fingerpedal Nyquists, das auch in anderen Stücken der CD vielfältige Klangbindungen hervorbringt.

Der Komponist John Patrick Thomas (geboren 1941) ist gleich mit zwei Werken vertreten. Beide sind mehrsätzig und formal klar. 'Eloge 2' aus den 'Leporello Pieces' entwickelt das Material, um es dann wieder auf das Wesentliche zu reduzieren. 'Imaginary Dances' ist hingegen ein Reigen stilisierter, barocker Tänze, deren Charakter von verzerrt-belächelnd bis gleichförmig reicht. Ganz sicher sind es die am stärksten tonalitätsgebundenen Stücke der Einspielung, hört man doch ganz deutlich polyharmonisch-modal inspirierte Harmonik.

Auf zwei Werke der Einspielung möchte ich besonders hinweisen, da sie sowohl in Bezug auf radikale Innovation als auch auf die Personalstile der Komponisten einen besonderen Stellenwert einnehmen: 'Disegno per clavicembalo' des schwedischen Komponisten Anders Eliasson - eine Ersteinspielung - zeigt sich musikalisch eher heterogen, fast unzugänglich. Die 'Disegno'-Werke Eliassons, eine Reihe von Kompositionen, welche der ihm eigenen Ästhetik eine klare Sprache geben sollen, gehören zum wichtigsten Teil seines Œuvres. Um aber in die harmonische Gestalt seiner Musik, die einer ganz besonderen ‚Dreiecksharmonik‘ gehorcht, eintauchen zu können, empfiehlt es sich, davor Eliassons Symphonien anzuhören. Von dort aus ist der zum Teil herbe und das Instrument völlig exponierende Satz verständlicher.

Ganz anders tritt das letzte Stück der CD, ein elektroakustisches Stück des niederländischen Komponisten Roderick de Man, an das Medium heran. 'Chordis Canam', so der Titel, kann man mit ‚ich werde (soll) die Saiten spielen, besingen‘ oder etwas poetischer ‚mit Saiten soll ich singen‘ übersetzen. Dieses Motto stand auf dem persönlichen Cembalo der großen Cembalistin zeitgenössischer Musik, Annelie de Mans, und wurde vom Komponisten ins Stück als Gesang eines kleinen Mädchens eingebaut. Im permanenten Widerstreit zwischen realem Cembaloklang und seinem elektronisch verfremdeten bzw. prozessierten Antagonisten entstand eine Komposition von energiegeladenem, sprunghaftem Affekt und fein ausgehörten, reduzierten Partien. Bemerkenswert ist dabei, dass alle Klänge außer der Stimme mit einem Cembalo produziert wurden. Kristian Nyquist koordiniert 'Chordis Canam' mit höchster Präzision.

Im Vergleich dazu schwächeln meines Erachtens die Stücke von Isang Yun 'Shao Yang Yin' und 'Fünf Stücke' von Peter Heeren ein wenig. Letzteres hat kaum Lyrisches, gewährt dem Cembalo nicht zu singen, wirkt daher etwas starr und unterkühlt. Am Grad der Dissonanzbehandlung lässt sich aber sagen, dass trotz gewisser Ähnlichkeiten zu Yuns Stück Heerens kurze Episoden von Texturen direkter anzusprechen vermögen.

Klanglich zeigen alle Stücke der vorliegenden Einspielung Farbenreichtum und Abwechslung dank des verwendeten Instruments. Leider erfährt der Hörer nichts über das Instrument. Obwohl ausdrücklich auf das historische Instrument im Booklet hingewiesen, finden sich keine Informationen über Alter, Stil oder Disposition des Instruments. Sowohl den Experten als auch den Laien zeitgenössischer wie Alter Musik würde das die Freude um einiges mehren.

Da eine relativ große Bandbreite an Stilen zeitgenössischer Komponisten und deren Herangehensweise an das eher schwierige Medium Cembalo dokumentiert ist - Stichwort Referenzaufnahme -, kann diese Produktion punkten. Tatsächlich sind aber auch eine Kritikpunkte anzuführen, besonders wenn man eine solch auf klangliche Feinwerte ausgerichtete Aufnahme mit audiophiler Erwartung begegnet: Wie jeder Mitschnitt einen einzigartigen Moment einfängt und das Künstlerische unverfälscht abbildet, so besitzt auch diese CD jenen Charme – mit einem zugedrückten Auge. Autobrummen, Husten, ein undefinierbares Rumpeln - Henzes spannungsgeladener imitatorischer Anfang wird von einem herzhaften Niesen zerrissen und bei genauem Hinhören (am besten mit guten Kopfhörern) kann man manchmal, vermutlich aus einem anderen Stockwerk, ein (Hammer-)Klavier vernehmen. Aber live ist eben live.

Kristian Nyquists pianistische Gestaltung ist durchwegs klar und direkt. Er zieht die Stücke wie einen Strom aus dem Instrument heraus, welches dabei silbern und kräftig ins Ohr dringt. Aus seinem großen Repertoire, das sich vom 16. Jahrhundert bis in die zeitgenössische Moderne spannt und auf einem historisch informierten Zugang gründet, gingen bis jetzt zahlreiche Referenzaufnahmen hervor. Auch die Einspielung ‚Cembalo Harpsichord Avantgarde‘ darf dazugerechnet werden.

Abgesehen also von den typischen und beinahe unvermeidlichen Schwächen eines Mitschnitts zeichnet diese Präsentation von Cembalowerken der Gegenwart ein rundes Bild. Kristian Nyquist schafft es, den Bogen über unterschiedlichste Personalstile zu spannen. Vom 'Prelude', das zur stets präsenten Historie des Instruments Bezug nimmt, bis hin zur Extrapolation des Mediums durch Elektronik, gewinnt man differenzierte Eindrücke vom Repertoire dieser musikalischen Randerscheinung. Die Auswahl der Stücke steht zwar nicht unter einem bestimmten Motto, z.B. einem übergeordneten Thema oder Sujet, nach denen die Werke kompiliert wurden und ist somit kein ‚Konzeptalbum‘. Dennoch ist Kristian Nyquist eine sinnvolle, dramaturgische Anordnung der Stücke gelungen, die zum Teil das Medium Cembalo ganz verschieden auffassen.

Constantin Stimmer Kurzkritik von Constantin Stimmer,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. 5 Stücke von Peter Heeren
    Dem Kritiker gefallen meine 5 Stücke für Cembalo nicht. Das kann passieren. Jedenfalls hat es sich damals beim Bundesdeutschen Hochschulwettbewerb gegen ca. 100 andere Werke durchgesetzt und den 1. Preis gewonnen. In der Jury waren ausschließlich renommierte Komponisten und Cembalisten. Der kürzlich verstorbene anerkannte Komponist Wolfgang Stockmeier hat mein Werk in einer anderen Rezension ebenfalls besprochen diese war sehr positiv. Ich bekomme vom Publikum und von Interpreten eine gute Rückmeldung.

    Peter Heeren, 11.04.2016, 05:31 Uhr
    Registriert seit: 20.04.2011

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Nyquist, Kristian: Cembalo Harpsichord Avantgarde

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Musicaphon
1
15.04.2015
Medium:
EAN:

CD
4012476557236


Cover vergössern

Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Musicaphon:

  • Zur Kritik... Verwandtschaftsverhältnisse: Hörbare Herzensangelegenheit in Sachen Nischenrepertoire – mit winzigen Schönheitsfehlern. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Jenseits des Scheins: Volle Hingabe an die Musik: Werke für Viola von Grey, Gorb, Britten, Bliss u.a. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Homogene: Programmtechnisch begibt sich der Violinist Alois Kottmann mit seiner neuen CD auf eine Reise quer durch Europa, dabei bleibt er aber seinen Eigenheiten im Spiel stets mehr als treu. Weiter...
    (Susanna Morper, )
blättern

Alle Kritiken von Musicaphon...

Weitere CD-Besprechungen von Constantin Stimmer:

blättern

Alle Kritiken von Constantin Stimmer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nicht ausgereizt: Mariss Jansons nähert sich Tschaikowskys Fünfter emotional etwas zu kontrolliert. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Drei in einem: Hyperions Auswahl aus Charpentiers Kirchenmusik kann mit der Konkurrenz nicht ganz mithalten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Lebendige vokale Barockkunst: Händels 'Neun deutsche Arien' werden durch Marie Friederike Schöder und die Batzdorfer Hofkapelle gründlich von akademischen Staub befreit. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich