> > > Cage, John: Two 3
Freitag, 24. März 2017

Cage, John - Two 3

Hochalpine Klanglandschaften


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Faszinierende, aber anspruchsvolle Aufnahme eines Spätwerks von John Cage in der ungewöhnlichen Besetzung für Akkordeon, Sheng und Muscheln.

'Two3' ist eines der sogenannten ‚Number Pieces‘, der Nummernstücke also, die John Cage in den letzten Jahren seines Lebens komponiert hat. Der Titel jedes dieser Stücke besteht aus zwei Ziffern. Die erste, also ‚Two‘ in unserem Fall, bezeichnet die Anzahl der Mitspieler, die hochgestellte Ziffer die jeweilige Komposition, denn Cage hat mehrere Number Pieces für zwei Spieler komponiert. 'Two1' ist beispielsweise eine Komposition für Flöte und Klavier, 'Two2' ein nach 'Two1' komponiertes Werk für zwei Klaviere und 'Two3' ein Stück für eine sehr ungewöhnliche Besetzung: Für shō, eine japanische Mundorgel, die bei zeremonieller Musik an den Höfen gespielt wurde, und fünf mit Wasser gefüllte Muscheln. Schöne Musik habe er mit den ‚Number Pieces‘ komponieren wollen, darauf hat Cage wiederholt hingewiesen.

Für die vorliegende Aufnahme bei Wergo haben sich Stefan Hussong und Wu Wei entschlossen, von der ursprünglichen Besetzung abzuweichen. Hussong spielt Akkordeon, Wu Wei eine chinesische Mundorgel, Sheng, die es seit über 3000 Jahren gibt und ein Vorläufer der shō ist. Die beiden Instrumente lassen sich beim Hören nicht auseinanderhalten und sollten es vermutlich auch nicht, weil beide ja für das ursprüngliche eine Instrument, die shō, stehen. Es gibt noch weitere Besonderheiten, deren Sinnhaftigkeit sich weder dem Hören noch aus dem Booklet klar erschließen. Beide Interpreten weichen von der ursprünglich vorgesehenen Reihenfolge der zehn Stücke der Komposition ab. Zudem werden in vier ihrer eingespielten Stücke jeweils zwei Kompositionen zusammengenommen, so z.B. ist das zweite Stück auf der zweiten CD mit 'nos. 3 and 9' betitelt – es verdichtet die Klänge noch einmal, enthält so gut wie keine Pausen, so dass ein Klang mehr oder weniger nahtlos in den nächsten übergeht. Aber nicht alle ‚Doppelstücke‘ enthalten diese Verdichtungen.

Genug dieser technischen Details – wie hört sich das Ganze an? Es sind faszinierende Klanglandschaften in reinen, abstrakten, aber nie sterilen, sondern eher sinnlichen Klangräumen geworden, die sich vor dem Hörer ausbreiten. Das Grundprinzip der Komposition ist die Aneinanderreihung jeweils einzelner Töne oder Klänge, die oft an- und abschwellen und von auch längeren Pausen unterbrochen werden, in denen die Klänge beim Hörer nachschwingen können. Unterschiedliche Dynamik, unterschiedlich dissonante Verdichtungen und Schärfen bringen Spannungen oder Entspannungen in diese Klangwelten hinein. Es ist wie eine Wanderung durch eine karge, hochalpine Landschaft oder wie das Betrachten von Wolken am Himmel, deren Form sich immer wieder verändern, auseinander entwickeln, mal feiner, mal geballter daherkommen. Die Klangwelten sind ‚schön‘ in dem Sinn, dass man sich gerne in ihnen aufhält. Dass man gebannt den Tönen und Klängen folgt, die nur selten durch eine Art Klopfen oder ‚Ploppen‘ der Muscheln unterbrochen werden. Man wird in die Gegenwart der Musik hineingezogen, in die unmittelbare Wahrnehmung. Freilich setzt das beim Hörer voraus, sich auf diese Wahrnehmungen einzulassen, von den eigenen Gedanken und Gefühlen zu lassen und sich den Klängen hinzugeben. Ganz zutreffend hat man die Nähe von Cages Kompositionen zum Zen-Buddhismus herausgestellt. Insofern ist es vielleicht nicht so sehr ‚schöne‘ Musik, aber auch jeden Fall tief spirituelle Musik, die sich in dieser Aufnahme faszinierend vor dem Hörer ausbreitet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cage, John: Two 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
2
10.04.2015
101:47
EAN:
BestellNr.:

4010228675825
WER 67582


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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