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Montag, 21. Oktober 2019

Reimann, Aribert - Lear

Düstere Geschichten in neuem Gewand


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aribert Reimanns 'Lear' kam 2012 in Hamburg neu auf die Bühne. Dieser Mitschnitt aus dem Jahr 2014 lässt keine Wünsche offen, sonfern man sich darauf einlässt, einer Aufführung ohne Momente des Lichts und der Hoffnung beizuwohnen.

Aribert Reimanns Oper 'Lear' mag im Uraufführungsjahr 1978 noch interessant gewirkt haben. In dieser Zeit gehörte das Werk zur Avantgarde. Die Gesellschaft der alten BRD, noch beschattet von der jüngeren Vergangenheit, wollte zeigen, dass man Schritt halten kann mit New York oder London, ein Muss für Deutschland in dieser Zeit. Das gebeutelte Land, verfolgt von den Schatten einer unglücklichen Vergangenheit, wollte wieder international mitmischen.

Lobenswert ist die Inszenierung des 'Lear' aus dem Jahr 2012 an der Hamburger Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Simone Young (für diese DVD wurde allerdings ein Mitschnitt von 2014 genutzt). Karoline Gruber hat die desolate Handlung mit einem düsteren Bühnenbild in Szene gesetzt. Die Kargheit der Musik unterstreicht vehement diese Trostlosigkeit; alle Protagonisten scheinen sich am Rande eines Abgrunds zu bewegen. Schon mit dem ersten Ton erkennt man, dass die Würfel schon längst gefallen sind. Es gibt quasi keine Entwicklungsspannung mehr, sondern nur das Teilnehmen an einer Tragödie, die nie in Frage gestellt werden wird, nie Anlass zur Hoffnung gibt. Selbst wenn man die Handlung kennt, sollte jede überzeugende Inszenierung Momente enthalten, derentwillen der Zuschauer wünscht, sie ginge anders aus.

Shakespeare hat seine Werke mitnichten dermaßen eindimensional, ohne Hoffnung, ohne innere Kämpfe, konzipiert. Das Libretto wurde von Claus H. Henneberg verkürzt skizziert und von Karoline Gruber recht vordergründig in Szene gesetzt. Natürlich ist Lear wieder der eiskalte Manager. Bei Shakespeare hingegen agieren Menschen, die immer einzigartig erscheinen, mit unterschiedlichen Charakterzügen aus der Tiefe ihres Seins heraus.

Wenn auch die Aufführung am Schluss in Hamburg bejubelt wurde, wird man von dem Werk sicherlich keinen solch langen Verbleib auf den Bühnen erwarten können wie die der Vorlage. Selbst wenn die Sängerdarsteller mit einer beeindruckenden Präsenz agieren in dem Bühnenbild von Roy Spahn, das diese kaputte Gesellschaft im dunklen Ambiente noch verzweifelter wirken lässt, entsteht keine wirkliche Dramatik. Zu sehr aufgesetzt und auf Effekt angelegt erscheint das Konzept.

Auch Simone Young kann keine Tiefe aus der Musik holen. Die Musik von Reimann wirkt über weite Strecken eindimensional dunkel und spröde.Vorsicht, keine Poesie erlaubt, keine wirkliche Musikalität – so war in Deutschland das Kulturleben zumeist ausgerichtet in der Entstehungszeit dieser Oper.

Darstellerisch exzellent ist Bo Skovhus als König Lear, auch stimmlich in Höchstform während des Abends, der sich allerdings fortwährend als Abend des Sprechgesangs  entpuppt. Seine drei Töchter könnten unterschiedlicher nicht sein; die unterschiedlichen Persönlichkeiten werden von Katja Pieweck, Hellen Kwon und Siobhan Stagg auf den Punkt genau interpretiert. Erwin Leder brilliert als intriganter Graf von Gloster und auch das restliche Team vermag für sich einzunehmen. Wenn man sich gern auf das Dunkle einer schon von Anfang an gescheiterten Welt einlässt, kann diese Produktion also gefallen.

Midou Grossmann Kurzkritik von Midou Grossmann,


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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Reimann, Aribert - Lear
    Ich denke, eine CD- oder DVD-Kritik sollte sich schwerpunktmäßig auf die vorliegende Interpretation des aufgenommenen Werkes beziehen. Darüber liest man in obiger Kritik nur in wenigen Zeilen bzw. im letzten Absatz etwas. Zum aufgenommenen Werk selbst sowie zur Musik A. Reimanns kann man sicher an kompetenter Stelle Substantielles lesen und braucht deshalb nicht die subjektive Auffassung der Autorin hierüber als Argument für oder gegen einen Kauf heranziehen. Erstaunlich erscheint es jedoch, dass die Interpretation nur mit drei Sternen bewertet wird, obwohl doch z.B. die Leistung der Sänger im letzten Absatz so positiv dargestellt wird.

    SGW, 25.11.2015, 00:22 Uhr
    Registriert seit: 20.11.2010

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reimann, Aribert: Lear

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
13.04.2015
Medium:
EAN:

DVD
807280906394


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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