> > > Skaerved, Peter Sheppard: The Great Violins Vol. 1
Samstag, 4. Februar 2023

Skaerved, Peter Sheppard - The Great Violins Vol. 1

Enttäuschende Geigenerkundung


Label/Verlag: Athene records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Peter Sheppard Skærved widmet sich den Telemann’schen Solofantasien und greift dabei zu einer Geiger Andrea Amatis.

Obgleich er auch eine mehrteilige CD-Reihe unter dem Titel ‚Beethoven Explored‘ veröffentlicht hat, ist der Geiger Peter Sheppard Skærved vor allem wegen seiner außerordentlichen Einspielungen der Violinkonzerte Hans Werner Henzes bei Naxos sowie wegen seines Engagements für schwieriges Repertoire abseits des Mainstreams – etwa George Rochbergs Werken für Violine oder Paul Pellays 'Thesaurus of Violinstic Fiendishness' – bekannt. Dass er nun mit vorliegender Neuerscheinung des Labels Divine Art unter dem Titel ‚The Great Violins‘ den Grundstein für eine Reihe legt, die sich mit berühmten Instrumenten befassen soll, ist prinzipiell ein sehr gute Idee. Der erste Teil widmet sich einer Violine Andrea Amatis aus dem Jahr 1570, die Skærved mit einem Bogen-Nachbau von Antonino Airenti spielt. Aufnahmeort hierfür war die Kirche St. John the Baptiste in Aldbury (Herfordshire, England), die dem Klang ein wenig mehr Räumlichkeit verleiht. Als Repertoire hat sich der Geiger die zwölf Fantasien für Violine solo von Georg Philipp Telemann ausgewählt, die er auf einer zweiten CD um eine behutsame Violinadaption der zwölf Flötenfantasie desselben Komponisten ergänzt.

Im begleitenden Booklet schreibt Skærved sehr viel über die Motivation dieser Aufnahme und erwähnt die Inspiration, die er für seine Wiedergabe durch die Gestaltung des Atems beim Spiel von Bläsern erhalten habe. Schlaue Dinge kann man da lesen, die, wie auch seine ausführliche Betrachtung der Einzelstücke, neben dem Blick für musikalische Details eine tief reichende Kenntnis zeitgenössischer Quellentexte und Instrumentallehren erkennen lassen. Davon ist jedoch – leider! – in der Wiedergabe selbst nur wenig zu spüren. Zwar bevorzugt Skærved – dem Instrument angepasst – eine behutsame, intime Tongebung, die sich weitgehend des Vibratos enthält; doch erscheinen die Stücke zerrissen und in Bezug auf die Themengestaltung oftmals geradezu am Atem vorbei gedacht. Zum Teil liegt dies an den agogischen Freiheiten, die der Geiger manchmal auch dort einsetzt, wo man ihren Sinn – wie vor Akkorden mitten im Thema zum vierten Satz der Fantasia Nr. 1 B-Dur TWV 40:14 – kaum nachvollziehen kann, wodurch die musikalischen Kontexte oft unnötig zerrissen anmuten. Als Gegentendenz baut er aber gelegentlich auch in Stellen mit raschem Passagenwerk oder Saitenwechseln Beschleunigungen ein, deren plötzlich hervorbrechende Hektik gleichfalls Rätsel aufgibt.

Das größte Problem ist freilich – höchstwahrscheinlich durch die Haltung des Instruments ohne Kinnhalter bedingt – die gelegentlich sehr scharf nach oben weisende Intonation, wie man sie besonders auffällig in der Fantasia Nr. 3 f-Moll TWV 40:16 finden kann. Manchmal, beispielsweise bei vielen einstimmigen Stellen der Fantasia Nr  8 TWV 40:21, läuft Skærveds Spiel diesbezüglich so stark aus dem Ruder, dass sich überhaupt kein harmonischer Zusammenhang mehr einstellen will. Bei aller Hochachtung vor den sonstigen Einspielungen des Geigers ist dies doch schwer erträglich. Die zwölf Fantasien für Flöte geraten aufgrund der kompositorisch ausgesparten Doppelgriffe und Akkorde zumindest von der Intonation her besser, doch ergeben sich auch hier über weite Strecken hinweg ähnliche Gestaltungsprobleme. Zudem überzeugen die Stücke nicht wirklich, weil die angedeutete Polyphonie, die Telemann der Einstimmigkeit immer wieder einschreibt, auf einem Streichinstrument nicht wirkt, auch wenn Skærved an manchen Stellen Bordunklänge hinzufügt, um diesem Eindruck entgegen zu wirken. Dass es, wie in der Fantasia Nr. 12 g-Moll TWV 40:13, dennoch ein paar schöne Momente gibt, rettet die Produktion vorm völligen Desaster.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Skaerved, Peter Sheppard: The Great Violins Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Athene records
1
11.05.2015
Medium:
EAN:

CD
809730320323


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Athene records

Athene Records war ursprünglich im Besitz der Pianistin Joanna Leach und hat nur Aufnahmen von Musik, die auf historischen Tafelklavieren gespielt wurden, gemacht. Jene CDs mit Musik von Schubert, Field, Chopin und anderen sind immer noch die besten ihres Genres.

Später hat Athene seine Minerva Serie herausgebracht ? Live- und Studio-Aufnahmen von Instrumental- und Orchester Musik, einschliessslich 4 hoch gelobter CDs von dem begabten deutschen Pianisten Andreas Boyde. Vor kurzem hat Minerva den berühmten franzoesischen Pianisten Bernard d?Ascoli gewinnen können, und dessen Aufnahme der Chopin Nocturnes hat mehrere Preise gewonnen. 2003 wurde Athene Teil der Divine Art Gruppe.


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