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Freitag, 14. August 2020

Splinters - Ungarische Klavierwerke des 20. Jahrhunderts

Zersplitterte Musik


Label/Verlag: Odradek
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das monochrome Cover sollte einen nicht glauben machen, hier würde bloß Grau in Grau geboten. Mariann Marczi stellt ein ebenso fesselndes wie einheitliches Programm ungarischer Klaviermusik des 20. Jahrhunderts vor.

Das namensgebende erste Werk von Mariann Marczis ‚Splinters‘ vereinigt in sich bereits alle Qualitäten, die für diese Einspielung bestimmend sind: Klarheit, scharfe Konturen und aphoristische Kürze. Der Titel, der übersetzt soviel wie Splitter bedeutet, kennzeichnet sowohl die Werke als auch die Art ihres Vortrages. Am auffallendsten ist die Präzision ihres Spiels, nicht nur dort, wo sie ausdrücklich gefordert ist wie bei der Etüde 'Fem' von Ligeti. Diese Präzision färbt auch auf die 'Burlesques' Bartoks ab, die in der Live-Aufnahme von Svjatoslav Richter so viel anarchischer klingen und durchdringt auch alle anderen Stücke.

Alle Werke der CD liegen der Pianistin am Herzen. Bei der Programmauswahl bevorzugte sie die weniger bekannten Namen der ungarischen zeitgenössischen Musik, sodass Bartok und Ligeti gemeinsam nur zehn Minuten Spielzeit eingeräumt wird, damit auch György Kurtag, Zoltan Kodály, Lászlo Lajtha, Zoltán Jeney und Gyula Csapó zu ihrem Recht kommen. Das Programm umspannt damit das frühe ebenso wie das späte 20. Jahrhundert. Die in den 1910er Jahren entstandenen '7 Pieces for Piano' sowie die 'Mediation sur un motif de Claude Debussy' sind geprägt von der Auseinandersetzung mit der französischen Musik – wie die meisten Werke der CD. Man beachte die Referenzen der (oft französischen) Titel auf Rimbaud und Verlaine! Sie decken ein weites Spektrum ab von sonorer Monumentalität bis zum intimen Misterioso.

Die meisten Stücke klingen ausgesprochen enigmatisch, wobei manchmal auch spielerische Elemente aufhorchen lassen wie in 'The Ultimate Goal' von Csapo. Wo eine liedhafte Substanz zugrunde liegt, wird sie meist soweit verfremdet, dass sie wie entstellt wirkt. 'Arthur Rimbaud in the Desert' von Zoltán Jeney exerziert die Dekonstruktion einer Melodie beispielhaft vor. Dass man bei einem so technischen Verfahren – der schrittweisen Subtraktion von Melodietönen – dennoch gefesselt zuhört, ist der Konzentration der Interpretin zu danken, die keine falsche Nuance zulässt. Marczi lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Verklingen und die folgende Stille, etwa im ersten und zweiten Stück der 'Splinters'.

Alles in allem ein wohldurchdachtes Programm, dessen innere Querbezüge aus französischem Einfluss, Elementen des Volksliedes und gegenseitiger Beeinflussung man immer genauer wahrnimmt, je öfter man sich darin vertieft. Schade nur, dass es vorwiegend aus Miniaturen besteht. Aber die Einheitlichkeit der Zusammenstellung suggeriert ohnehin, es handele sich um Teile eines alles umfassenden Werkes, Splitter gewissermaßen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Splinters: Ungarische Klavierwerke des 20. Jahrhunderts

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Odradek
1
27.03.2015
68:41
Medium:
EAN:

CD
855317003073


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Odradek

Odradek Records ist keine beliebige neue Plattenfirma. Es ist der erste Schritt eines größeren Projekts, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, klassische Musik neu zu produzieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir sind der Meinung, daß die derzeitige Struktur der Musikwelt das wahre Wesen der Musik verkennt und ihr nicht die gebührende Bedeutung beimisst. Die Welt der klassischen Musik dreht sich im Wesentlichen um wenige, berühmte Namen, einige große Konzerthäuser und ein Repertoire, welchem - eingeschränkt durch die Fesseln der Popularität - wenig Spielraum gelassen wird. Nachwuchskünstler werden zumeist im musikfeindlichen Labyrinth der Wettbewerbe gefunden, wobei der große Erfolg dort nicht selten enger mit Extravaganz und Theatralik als mit der Genauigkeit und Feinheit der Interpretation verknüpft ist. Solch ein System, welches den Gesetzen der freien Marktwirtschaft ausgesetzt ist, zwingt die große Mehrheit der Künstler immense Summen für eine CD Aufnahme aufzubringen, deren Gewinn größtenteils wieder an die Plattenfirma zurückfließt. Dadurch bleibt vielen guten Musikern die Möglichkeit einer professionellen Aufnahme verwehrt. Solch ein System hat sich nicht nur schon weit von der Kunst entfernt, es ist ein System, das in sich selbst in einer großen Krise steckt.

Idealerweise sollte Musik, genau wie andere Primärgüter, nicht vom Markt abhängig sein. Uns ist klar, dass dies streng genommen eine utopische Vision ist. Aber gerade dieses Streben nach dem Unerreichbaren ist ein grundlegender Antrieb für die Dynamik unseres Projekts.

Odradek Records ist eine nicht an Profit orientierte Plattenfirma. Nach Deckung aller Produktions- und Vertriebskosten gehen alle Erlöse an den Künstler. Die zwei maßgebenden Kriterien zur Auswahl der Künstler sind einerseits höchste musikalische Qualität und andererseits die Attraktivität des vorgeschlagenen Programms. Wir wollen nicht ausschließen, sondern mit einbeziehen: Es ist nicht von Bedeutung ob jemand einen wichtigen Wettbewerb gewonnen oder schon in großen Konzerthallen gespielt hat. Ebenso interessieren uns weder Alter und Herkunft eines Künstlers, noch ob er bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag ist. Das einzig relevante Kriterium ist die musikalische Qualität des Künstlers. Wir interessieren uns für Aufnahmen von Chopin und Co., genauso wie für Aufnahmen von Stücken von Berio, Scelsi, Copland, Carter, Webern, Schönberg, Ligeti, Kurtag, Ives u.v.a.

Odradek Records produziert nicht nur CDs. Wir sind überzeugt, daß Musik in ihrer Ganzheit erst im Konzert voll zur Geltung kommen kann. Aus diesem Grund organisieren wir regelmäßig Musikfestivals in verschiedenen Städten, um unsere CDs und die Musik zu fördern.

Zu guter Letzt noch ein Wort zu unserem Namen, den wir einer Kurzgeschichte von Kafka entliehen haben. Ebenso wie der Familienvater in Kafkas Geschichte, sind auch wir besorgt. Besorgt, dass Musik immer mehr ein ?Odradek? wird; ein undefinierbares und unverständliches Wesen, dessen Stimme künstlich klingt ? wie die Stimme eines Menschen ?ohne Lungen?; ein Wesen ohne Form, das auf beängstigende Weise all das kopiert was jemals lebendig war und von jenen, die über die notwendigen Instrumente der Macht und Kontrolle verfügen, in jede Form gepresst werden kann. Wir hoffen, dass das käfigähnliche Geländer, das den Mann in Kafkas Bildern umgibt, sich in ein Instrument verwandelt ? wir möchten unser Gefängnis in Freiheit verwandeln.

Wir möchten dazu beitragen, dass Musik wieder ausschließlich als Kunstwerk wahrgenommen und die ursprüngliche Funktion musikalischer Interpretation wiederhergestellt wird ? die einzige, die eine mögliche Zukunft eröffnet: ein Feld der Forschung.

Willkommen beim Projekt Odradek!


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