> > > Dvorak, Anton: Requiem
Samstag, 15. August 2020

Dvorak, Anton - Requiem

Großwerk


Label/Verlag: Phi
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Requiem von Antonín Dvořák in einer sehr gelungenen, in mancher Hinsicht durchaus eindrucksvollen Deutung durch Philippe Herreweghe und vielfach bewährte musikalische Mitstreiter.

Das Requiem op. 89 von Antonín Dvořák, entstanden in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zur Achten Sinfonie, also zum reifen sinfonischen Stil des Komponisten, hat nicht sehr viel gemein mit seinem ungleich populäreren Stabat Mater op. 58: Das Requiem ist formal groß dimensioniert, affektiv jenseits intimer Trauer, auch ohne jenen leichthändigen Duktus, der Dvořák mit Recht für weite Teile seines Schaffens attestiert wird. Die Sätze wirken oft wuchtig, dunkel, von beinahe opernhafter Expressivität. Allenfalls zum Ende hin lichtet sich die Szene etwas, wenn im 'Pie Jesu' transzendente Momente hinzukommen. Ein gleich zu Beginn auftretendes, beim ersten Hören fast unscheinbares chromatisches Motiv durchzieht das Werk, als Moment musikalischer Kontextualisierung.

Dvořák feiert in seinem Requiem – der Begriff mag bei einem solchen Stoff unpassend erscheinen – ein Fest der Orchestrierungskunst in etlichen fein ausgeleuchteten Konstellationen. Dazu gelingen ihm eindrucksvolle Chöre und Soli; vor allem in etlichen zerbrechlichen Ensembles von hoher Attraktivität zeigt sich die Inventionskraft Dvořáks. Das Requiem bietet insgesamt so viel fabelhafte Substanz, dass nicht ganz einleuchten mag, warum es angesichts dieser üppigen Qualitäten keine größere Rolle im Konzertbetrieb spielt. Sicherlich mangelt es dem abendfüllenden, bei aller Schönheit immer wieder auch spröden Werk an echten ‚Schlagern‘. Gleichwohl lohnt es deutlich, gehört zu werden.

Souveränes Können

Philippe Herreweghe arbeitet weiter unermüdlich am schon jetzt fabelhaft vielfarbigen Katalog seines noch jungen Labels Phi und kehrt nach dem Stabat Mater zu Dvořák zurück. Auch damals arbeitete er mit seinem ehemaligen Orchester, dem Royal Flemish Philharmonic, zusammen, das auch hier in prachtvoll großer Besetzung einem sehr differenzierten Zugriff verpflichtet ist. Natürlich ist die Formation schlagkräftig, mit sehr gesammelt wirkenden Registern. Doch steuern die Streicher immer wieder fast schwebende Klänge bei, mit exzellentem, weichem Blech, das zugleich zu ausdrucksvoller Plastizität begabt ist. Dynamisch ist die Arbeit der Instrumentalisten akribisch zu nennen bei der Entfaltung der reich gegliederten Binnendynamik. Auch die Sphäre der gewählten Tempi verrät Herreweghes Souveränität als Disponent der verfügbaren Möglichkeiten: Neben dem je klar gefassten Grundpuls überzeugen meisterlich gestaltete Übergänge, die in ihren stimmigen Proportionen bemerkenswert natürlich wirken.

Das Collegium Vocale Gent ist bekanntlich eine Formation mit vielen Gesichtern, von Philippe Herreweghe je nach aufgeführtem Werk und Stil vom Vokaloktett bis zu üppiger Präsenz besetzt. Hier singen 60 Vokalisten, vermutlich so etwas wie die Maximalbesetzung. Aber auch in dieser Dimension wird sehr geschmackvoll gesungen, wirkt das Ensemble harmonisch und ist getragen von klar konzentrierten, charaktervollen Registern. Alle Möglichkeiten von verhaltenen Piani bis zu größter Intensität und einiger Wucht werden ausgespielt. Man vermisst keine Qualität eines standardmäßig großen Chors, wird im Gegenteil mit mancher Delikatesse der üblicherweise anderes Repertoire singenden Vokalisten belohnt. Einzig die Diktion wirkt gelegentlich etwas sehr entspannt.

Das Solistenquartett wird angeführt von Ilse Eerens, die mit ihrer perfekt dosierten Dramatik und einiger Expansionsfähigkeit wunderbar in Dvořáks Anforderungsprofil passt, zugleich mit etlichen feinen Noten zu überzeugen weiß. Bernarda Finks große Stimme offenbart ebenfalls eine gute Portion dramatischen Potenzials, hat vor allem in der Mittellage freilich auch mit einem phasenweise kaum bewältigt scheinenden Vibrato zu kämpfen. Maximilian Schmitts heller, frischer, schlagkräftiger Tenor gehört zweifellos zu den vokalsolistischen Höhepunkten der Einspielung, mit mühelos erreichter Höhe und edel verblendeten Registern. Nathan Berg ist ein Bass mit großer Erfahrung in der Alten Musik – ersungen zum Beispiel bei William Christie – und einem inzwischen bis zu Wagner entwickelten Repertoire. Hört man aufmerksam das Material der Stimme, ein durchaus folgerichtiger Weg. Und man kann auch die Vorzüge beider Sphären erleben: Berg ist zum Vortrag dezenter Konturen ebenso fähig wie zu wirklich viriler Schlagkraft und schwarz grundierter Kraftentfaltung. Gelegentlich will sein Organ etwas unbeweglicher scheinen als in früheren Jahren. Doch dann charmiert er wiederum mit perfekter Kontrolle und feiner Zeichnung – und der Hörer ist versöhnt. Die vier Vokalisten harmonieren in den zahlreichen Ensembles bemerkenswert gut, interagieren gerade intonatorisch auf hohem Niveau. Klanglich wird das gesamte Geschehen in einem großen Tableau eingefangen, zugleich präzis, mit sehr ansprechender Präsenz aller klingenden Anteile.

Philippe Herreweghe und seine Mitstreiter liefern ein engagiertes Plädoyer für Dvořáks Requiem: Sehr lebendig, klangvoll und bewegt, mit bemerkenswert kraftbegabter dramatischer Geste. Zugleich erweisen sich die Interpreten als Meister des lyrischen Tons, ohne den bei Dvořák nichts geht, und als Souveräne der verhaltenen Gesten, der üppigen dynamischen Differenz. Herreweghe baut Stein für Stein weiter an seiner wunderbar eigenwilligen Diskografie.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorak, Anton: Requiem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Phi
2
07.04.2015
Medium:
EAN:

CD
5400439000162


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Phi

Der griechische Buchstabe φ (PHI - die Übereinstimmung mit den Initialen von Philippe Herreweghe ist nicht ganz zufällig) versinnbildlicht die Ambitionen des Labels. Er ist das Symbol für den goldenen Schnitt, für die Perfektion, die man in den Staubfäden der Blumen findet, für griechische Tempel, Pyramiden, Kunstwerke der Renaissance oder für die Fibonacci-Zahlenfolge. Seit der frühesten Antike steht dieser Buchstabe im eigentlichen Sinne für Kontinuität beim Streben nach ästhetischer Perfektion.
Mit der Realisierung dieses Katalogs erfüllt sich Philippe Herreweghe seinen Herzenswunsch, die Ergebnisse seiner musikwissenschaftlichen Forschungen und der im Laufe einer langen Karriere gewonnenen Erfahrungen hörbar werden zu lassen.
Mit vier bis fünf Neuproduktionen pro Jahr wird der Katalog Aufnahmen des wichtigsten symphonischen und chorischen Repertoires umfassen, Polyphonisches und natürlich die Werke von Johann Sebastian Bach, die Philippe Herreweghe in dem Bestreben wieder aufgreifen wird, immer vollendetere Versionen zu schaffen.


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