> > > Schtschedrin, Rodion: Der Linkshänder
Sonntag, 29. März 2020

Schtschedrin, Rodion - Der Linkshänder

Shchedrins jüngster Opernstreich


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rodion Shchedrins jüngstes Opernwerk 'Der Linkshänder' ist eine temporeiche Tragikomödie, die im vorliegenden Mitschnitt ihr mögliches Potential nicht vollkommen ausreizen kann.

Zur Eröffnung der zweiten Bühne des traditionsreichen Mariinsky Theaters in St. Petersburg im Juli 2013 hat der Komponist Rodion Shchedrin eine neue, abendfüllende Oper geschrieben und sie obendrein auch noch dem Dirigenten Valery Gergiev gewidmet. Ein durchaus festlicher Akt, wenn man davon absieht, wie viel Politik hinter solchen Gesten und Zeremonien stehen kann. Aber das soll nicht Gegenstand dieser Rezension werden.

Shchedrins Oper 'Levsha' (Der Linkshänder) basiert auf Nikolai Leskovs Novelle ‚Die Geschichte vom Tulaer schielenden Linkshänder und vom stählernen Floh‘, die von der grotesken Komödie bis zur erschütternden Tragödie alles bietet. Das Ergebnis ist eine knapp zweistündige Nationaloper, die sowohl die russische Geschicklichkeit und Lebenskunst preist, aber auch Unterdrückung und Alkoholismus ins Blickfeld rückt. Das alles auf der Folie eines Wettstreits mit dem Westen. Zar Alexander I. bekommt vom britischen Königshaus ein technisches Miniaturkunstwerk geschenkt: einen stählernen Floh, der das Alphabet aufsagen kann und anschließend tanzt. Der Zar will beweisen, dass die russischen Handwerker noch geschickter sind und beauftragt einen schielenden Linkshänder in Tula, der sich schließlich selbst übertrifft. Er beschlägt den stählernen Floh mit gravierten Hufeisen und ändert die Mechanik. Nun sagt der Floh das russische Alphabet auf und tanzt einen russischen Tanz. Hochachtung für diese Leistung erfährt der Handwerker allerdings nur in England. In seiner Heimat geht er schließlich, von aller Welt vergessen, vor die Hunde.

Traditionsbewusst

Das Werk ist durchaus gefällig. Shchedrin bedient sich des klassischen Orchesterapparates, der mit dem für Shchedrin typischen Hang zu perkussiven Elementen im Schlagwerk etwas erweitert ist. Für die Stimmen schreibt der Komponist keine erheblichen Hürden, alles bleibt sangbar, einzig dem Titelhelden legt er einige Höhenextreme und große Sprünge in den Hals, während die kleine Partie des Flohs zum technischen Koloraturgezwitscher à la Olympia wird. Dieser 'Linkshänder' wiegt konservative Opernbesucher in bedenkenloser Sicherheit. Ein straff formuliertes Libretto, schnelle Bildwechsel zwischen klar konturierten Spielszenen, ein überschaubares Personal, dazu Shchedrins Musik, die Modernität suggeriert, ohne zu überfordern (oder gar besonders herauszufordern), gewürzt mit gefälligen Inseln wie den beiden Floh-Liedern, die auch prompt mit spontanem Beifall bedacht werden. So stimmig dieser Mitschnitt auch sein mag, es bleibt ein fahler, unbefriedigender Beigeschmack. Vielleicht muss das Werk auch einfach ein paar weitere Produktionen durchlaufen – denn repertoirefähig und publikumswirksam ist der 'Linkshänder' allemal.

Die beiden klanglich überzeugenden SACDs mit dem Mitschnitt der szenischen Uraufführungsserie sind beim hauseigenen Label des Mariinsky Theaters herausgekommen. In der Titelpartie des Linkshänders hinterlässt Andrei Popov bleibenden Eindruck. Stimmlich agil und scharf konturiert zeichnet der Tenor in seinen Szenen einen starken Charakter. Die vokalen Extreme bereiten ihm offenbar keinerlei Mühe. Er besitzt Durchschlagskraft, verfügt aber ebenso über zarte und anrührende Töne und Farben. Wer ihm diese Partie so schnell nachsingen soll, bleibt mit Spannung zu erwarten.

Die übrigen Solisten pflegen allesamt jenen voluminösen, dramatischen Opernton, den man eher als russisches Klischee erwartet hätte. Aber es klingt durchgehend einfach kräftig und gesund, manchmal vielleicht zu großzügig im Gebrauch des Vibratos. Edward Tsanga zeichnet den Ataman Platov als unerschütterlichen, großstimmigen Patrioten, ebenso Vladimir Moroz in der Doppelrolle als Zar Alexander I. und Nicholas I. Über deutlich mehr Wärme und Differenzierung verfügt Andrei Spekhov als englischer Under-Skipper, der den Linkshänder erst zum Trinken animiert und am Ende für sein Ansehen spricht.

Maria Maksakova leiht mit starker Persönlichkeit der Princess Charlotte ihren eher lyrisch fundierten Mezzosopran, der aber ohrenfällig bei dramatischeren Rollen Verwendung findet. Als stählerner Floh ist Kristina Alieva mit blitzsauberen Koloraturen und Stratosphären-Tönen ein unbestrittener Publikumsliebling. Mehr Wärme und eine mehr im Körper verhaftete Stimme muss man sich da nicht wünschen, es handelt sich ja hier um eine singende Maschine. Und dieser Aufgabe entledigt sich die Sängerin mit Bravour.

Im Orchestergraben lässt es der Widmungsträger Valery Gergiev ordentlich krachen, bemüht sich aber auch um strukturelle Durchsichtigkeit. Dabei stellt das Mariinsky Orchestra seinen Ruf als brillant aufspielender Klangkörper eindrücklich unter Beweis. Vor allem die Schlagzeuger haben einiges zu tun und meistern ihre Aufgabe mit Souveränität und Routine.

Allerdings kann auch die orchestrale Klangfülle und Präzision nicht über die spürbare Leere hinweghelfen, die sich beim Hören der Oper einstellt. Shchedrins 'Linkshänder' ist zumindest in dem vorliegenden Mitschnitt noch ein kunstvoll errichtetes Konstrukt, das zwar in seinem Tempo auf eine beißende Groteske wie Shostakovitchs 'Nase' abzielt, aber letztlich wenig Raum für Doppelbödigkeit, Tiefe oder Emotion bereithält. Wie schon gesagt: Vielleicht bringt eine erneute, von einem Festakt unabhängige Produktion mehr Licht in Shchedrins jüngstes Opernwerk.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schtschedrin, Rodion: Der Linkshänder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
2
07.04.2015
Medium:
EAN:

SACD
822231855422


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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