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Montag, 24. Januar 2022

Suchon, Eugen - Orchesterwerke

Der unbekannte Slowake


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In seiner slowakischen Heimat hochgeehrt, ist Eugen Suchoň dennoch vollkommen in Vergessenheit geraten. Neeme Järvi hat nun drei höchst überzeugende Werke des Tondichters eingespielt.

Sie kennen Eugen Suchoň nicht? Verzeihlich, denn der slowakische Komponist genoss weder zu Lebzeiten einen internationalen Ruf, noch wurde sein Werk bisher wiederentdeckt. Neeme Järvi schickt sich nun an, dies zu ändern; mit seinem Estnischen Nationalen Symphonieorchester legt er auf dieser CD drei Werke Suchoňs vor. Das ist wahre Pionierarbeit, denn die bisher erschienenen Tonträger mit Musik des Slowaken lassen sich an einer Hand abzählen. Warum der Tondichter, 1908 im damals zum Habsburger-Reich gehörenden Bazin (Pezinok) geboren und 1993 in Bratislava verstorben, vollkommen in Vergessenheit geraten konnte, ist schwer zu erklären. Suchoňs vitaler, an Hindemith und Ravel geschulter Stil verzichtete auf radikalen Modernismus und gab die Tonalität nie völlig auf. Doch dies taten anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts auch und gelangten damit zu internationalem Ruhm – Benjamin Britten mag hier ein Beispiel für viele sein. In seiner Heimat war Suchoň zweifelsohne ein Star, als Meisterschüler von Vitezslav Novak gelangen ihm frühe kompositorischer Erfolge, und bereits 1933 wurde er Professor für Musiktheorie. Zahlreiche Auszeichnungen seines Heimatlandes belegen die Bedeutung, die er für die slowakische Musikkultur hatte – da verwundert es kaum, dass folkloristische Elemente in seinen Werken eine wichtige Rolle spielen.

Dies zeigt sich deutlich im chronologisch ersten der drei hier versammelten Werke, der Balladen-Suite ('Baladická Suita') op. 9. Modale und tänzerische Wendungen dominieren das Stück von seinem geradezu explosiven Beginn an. Doch Suchoň setzte nicht einfach slowakische Volksweisen für Orchester, sondern benutzte sie lediglich als Rohmaterial für eine höchst differenzierte, mit feinsten instrumentatorischen Raffinessen agierende Orchesterkunst. Die noch im Hintergrund hörbare traditionelle Viersätzigkeit tritt zugunsten einer freien, rhapsodischen Folge der Abschnitte zurück; mit vielfältigen motivisch-thematischen Verknüpfungen vermeidet es Suchoň dabei, in die kompositorische Beliebigkeit abzugleiten. Ein dankbares Werk also für Dirigent und Orchester, und Järvi lässt sich nicht zweimal bitten: Mit straffen (aber nicht überzogenen) Tempi und einem untrüglichen Sinn für dynamische Höhepunkte zelebriert er die Suite geradezu und vergisst bei allem Elan nicht, die zahlreichen Soli (insbesondere in den langsamen Abschnitten) angemessen zur Geltung zu bringen. Besonders zu loben ist hierbei die Oboe im 'Adagio/Animato' (Beginn von Track 7). Wie souverän Suchoň in diesem Stück Harfe, Celesta und Streicher kombiniert, das erinnert fast schon an Korngold und Strauss. Nur in das Schlagwerk, speziell die kleine Trommel, scheint der Tondichter ein wenig zu sehr verliebt gewesen zu sein.

Dieser Eindruck verstärkt sich in den 'Metamorphosen' (ohne Opuszahl) aus dem Jahr 1953. Obwohl der Slowake weiterhin souverän alle Register seiner Orchesterkunst zog (hier auch mit einem geschickt integrierten Klavier), überwiegt nun das perkussive Element deutlich – zu deutlich für meinen Geschmack. Järvi gibt sich alle Mühe, die intensiven Einsätze von Becken, Trommel und Pauke nicht zu sehr hervortreten zu lassen, doch es gelingt nur bedingt. Der Klangtechnik sollte man diesen Sachverhalt nicht in die Schuhe schieben, denn die Partitur besteht nun einmal aus diesen Perkussions-Anhäufungen. Wo diese nicht auftreten – etwa im zarten Beginn des Werkes mit dem fallenden Horn-Motiv und den sich anschließenden Streicher-Verästelungen – ist Suchoň erstklassige Musik gelungen, die ihre Wirkung im Konzertsaal nicht verfehlen würde. Man müsste ihr nur eine Chance geben. Besonders einfühlsam agieren in dieser Einspielung übrigens die Celli und Kontrabässe des estnischen Orchesters, die so das Fundament für vielfältige melodische Entfaltungen legen.

Nicht zu verachten ist auch die 1955/56 entstandene 'Symfonietta rustica', die aus dem Material einer frühen Violinsonate entstand und Suchoň einmal mehr als genialen Orchestrator ausweist. Der Beginn des Werkes ist besonders eindrucksvoll: Das Ineinander von Streichern und Harfe wird von Järvi so kunstvoll inszeniert, dass man es am liebsten gleich noch einmal hören möchte. Ein weiterer Vorzug des Werkes ist seine Kompaktheit: In nur knapp 15 Minuten kann Redseligkeit gar nicht erst aufkommen. Die Violinsoli von Harry Traksmann runden ein unterhaltsames Werk ab, dessen Schöpfer sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Järvi und das estnische Orchester haben auf jeden Fall die Lust auf mehr Musik von Eugen Suchoň geweckt; vor allem die konzertanten und kammermusikalischen Werke versprechen hier noch so manche Entdeckung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Suchon, Eugen: Orchesterwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
07.04.2015
Medium:
EAN:

CD
095115184929


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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