> > > In the Midst of Life: Werke von Byrd, Tallis, Taverner u.a.
Samstag, 25. Januar 2020

In the Midst of Life - Werke von Byrd, Tallis, Taverner u.a.

Edle Überlieferung


Label/Verlag: signum classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Einige Sätze hochklassiger englischer Vokalpolyphonie aus den Baldwin Partbooks: Owen Rees und sein feines junges Ensemble Contrapunctus machen Appetit auf mehr.

Geistliche Musik Englands hatte im 16. Jahrhundert, in konfessionell kritischen Zeiten also, oft keinen einfachen Weg zu langfristiger Überlieferung. Wichtig waren teils umfangreiche Sammlungen wie die Baldwin Partbooks, in denen zeitlich und damit auch stilistisch weit ausgreifend siedelndes Repertoire überliefert wurde. Manches hat inzwischen seinen Weg in die vokale Praxis gefunden, vieles will Owen Rees, Ensembleleiter von Contrapunctus und Musikforscher, in einer Reihe bei Signum erstmals erlebbar machen. Die erste Platte versammelt unter dem Titel ‚In the Midst of Life‘ eine illustre Reihe von Sätzen, die der Tenorist der Chapel Royal, John Baldwin, in den 1570er Jahren kopierte und zu einem Konvolut zusammenfügte.

Diese Sammlung war entscheidend an der Tradierung höchstrangiger Musik beteiligt, hat Überlieferung in vielen Fällen überhaupt erst möglich gemacht. Die Reihe der Komponisten vereint erstrangige Namen: Natürlich Tallis und Byrd. Aber Robert Parsons‘ an harschen Dissonanzen so reiche Kompositionen stehen dem nicht nach, auch nicht die wahrhaft edlen, in höchstem Maße ausgewogenen Werke von William Mundy. Der zeitlich früheste, gleichwohl stilistisch durchaus nach vorn gerichtete Beitrag zum Programm stammt aus der Feder von John Taverner. Und der dem Rezensenten bis dato vollkommen unbekannte, wohl flämischstämmige Dericke Gerarde weckt mit seiner feinen Motette 'Sive vigilem' deutlich Interesse. Schluss- und Höhepunkt ist das über dreiundzwanzig Minuten andauernde Riesenopus 'Media vita in morte sumus' von John Sheppard, dem die Platte ihren Titel verdankt: Natürlich ist das Stück bekannt und wurde schon vielfach gesungen und aufgenommen, doch fasziniert es immer wieder neu, mit seinem langen Atem, mit der dicht gearbeiteten Struktur, mit seiner bemerkenswerten Intensität über größte Distanzen hinweg.

Eigenständiger Ansatz

Owen Rees hat seit der Gründung 2010 ein Ensemble geformt, das einerseits aus der Fülle der Qualitäten in der englischen Vokaltradition schöpft, das sich zugleich ein durchaus von anderen Formationen vergleichbaren Zuschnitts unterscheidbares Profil ersungen hat – wenngleich man bei der erst zweiten Plattenveröffentlichung auch nicht zu weitreichend urteilen sollte: Auffällig ist aber, dass die neun Vokalisten neben aller lobenswerten Professionalität und versierten Stilkunde einen bemerkenswert weichen Ansatz verfolgen – nie verschwimmend oder gar unpräzis, doch sehr auf den behutsamen Einsatz der durchaus großen Stimmen bedacht, auf klingende Gleichrangigkeit, auf eine dezente und besonders glücklich kontrollierte Entfaltung. Die Bässe Greg Skidmore und Giles Underwood stehen gleichsam als Idealtypen dafür: Ihre wirklich großen Stimmen entfalten sich ausschließlich kultiviert, auch wenn dem Potenzial zur größeren Geste nachgegangen wird. Den Sopranen Esther Brazil, Katy Hill, Roya Stuart-Rees und als Gast für einige Sätze Amy Haworth gelingt das ganz ähnlich. Die Altisten Rory McCleery und Matthew Venner sowie die Tenöre Guy Cutting und Ashley Turnell fallen trotz nominell gleichfalls erstrangiger Besetzung vielleicht etwas weniger auf, singen aber auf identischem Niveau. In Sheppards 'Media vita' erweisen sich die Vokalisten als wahre Meister der Langstrecke.

Und Owen Rees unterstreicht, dass er ein glänzender Disponent der Möglichkeiten des Ensembles ist. Dazu wählt er fließende, vollkommen freie Tempi, ohne jeden Druck, damit ganz entschieden das lineare Moment der Musik betonend. Gesungen wird eine oft nicht weniger als perfekte Linie, sehr nah am ideal Vorstellbaren. Intoniert wird hervorragend, aufbauend auf sicherer technischer Basis gelingt alles wunderbar leicht und ohne wahrnehmbare Anspannung. All das wird von einem relativ großen Klangbild mit üppiger, deutlich angemessener Räumlichkeit geadelt, dennoch höchst präzis und mit harmonischer Balance.

Die Platte ist hochattraktiv für alle Freunde der so unverwechselbaren englischen Vokalpolyphonie – vielleicht gerade abseits von Tallis und Byrd. Contrapunctus und Owen Rees pflegen einen eigenständigen, sehr überzeugend ausgebauten Ensembleansatz. Den Fortgang der Explorationen zu den Baldwin Partbooks darf man mit Spannung verfolgen.


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    In the Midst of Life: Werke von Byrd, Tallis, Taverner u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
signum classics
1
07.04.2015
Medium:
EAN:

CD
635212040829


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signum classics

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