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Sonntag, 5. Dezember 2021

Lehar, Franz - Paganini

Feuriger Teufelsgeiger


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Paganini' kann sich hören lassen und sich selbstbewusst an die Seite älterer Aufnahmen stellen.

Seit vielen Jahren pflegt Ulf Schirmer in München mit seinem Münchner Rundfunkorchester das gängige und ebenso das oftmals vernachlässigte Operettenrepertoire. Nicht immer betreiben diese ambitionierten Wiederbelebungsversuche die gewünschte Imagepflege, wie leider im Falle seiner Aufführungen von Franz Lehárs ʹDer Zarewitschʹ und ʹFriederikeʹ, die beide beim Label cpo erschienen sind. Mit Lehárs ʹPaganiniʹ hat Schirmer im Oktober 2009 im Prinzregententheater aber ein weitgehend glückliches Händchen bewiesen. Warum dieser lebendige Mitschnitt von cpo oder dem Bayerischen Rundfunk so lange zurückgehalten wurde und nun mit weit über fünf Jahren Verspätung erst erscheinen darf, ist nicht nachvollziehbar.

Die mit Tränen der Rührung versehene Operette vom Violinvirtuosen Paganini und seiner Liebe zur Fürstin Anna Elisa gibt für Franz Lehár den Startschuss zu seinen späten ʺLyrischen Operettenʺ mit Entsagungsschluss. Ein Happy End bleibt aus. Bei 'Paganini' steckt dieses Konzept noch in den Kinderschuhen, weshalb der operettenuntypische finale Kloß im Hals ein wenig kleiner ausfällt als in den letzten Operetten dieses Schlages. Anna Elisa kommt über den Verlust ihres Geliebten letztlich ganz gut hinweg, denn sie hat ihn ja ʺnurʺ an seine Geige verloren. Für den Startenor Richard Tauber war die Partie des Paganini die Initialzündung für seine langjährige, von riesenhaften Erfolgen gekrönte Zusammenarbeit mit dem Komponisten Lehár. Taubers vokale Raffinesse, die Träne im Knopfloch, sein fein dosierter Charme sind auch im Falle des 'Paganini' in Ausschnitten auf Tonträger erhalten und dieser Konkurrenz muss sich auch ein heutiger Interpret stellen – ganz gleich, ob er sich von Taubers Porträt bewusst absetzen oder ob er dem großen Lehár-Tenor nacheifern möchte.

Südländisches Temperament

Zoran Todorovich gelingt in dem vorliegenden Mitschnitt eine faszinierende Mischung aus beidem. Er weiß um die zarten Mischtöne im berühmten 'Gern hab‘ ich die Frau‘n geküsst', kennt die Farben für das schwebend erotische 'Niemand liebt dich sowie ich'. Auch wenn sie ihm nicht so nonchalant zur Verfügung stehen wie einst noch einem Rudolf Schock, so entfalten sie doch ihre Wirkung – nicht nur bei der Fürstin Anna Elisa. Todorovich überzeugt aber vor allem mit seinem glutvollen, südländischen Temperament. Den Teufelsgeiger nimmt man ihm von der ersten gesungen Note an ab. Sein leichter Akzent im Deutschen unterstützt zudem diese reizvoll exotische Komponente. 'Bella Italia' klang selten so authentisch und der im besten Sinne latent großspurige Opernton des Tenors macht außerordentlichen Effekt.

Auch die Sopranistin Kristiane Kaiser stellt sich gänzlich in den Dienst ihrer Partie. Wunderbar textdeutlich und frei von Manierismen haucht sie Lehárs Musiknummern moderne Frische und emotionale Direktheit ein. In der Höhe wirkt ihr Sopran manchmal etwas angestrengt, aber das fällt bei diesem ganzheitlichen Einsatz nicht störend ins Gewicht. Zudem ist Kristiane Kaiser eine Sängerin, die auch mit Dialogpassagen natürlich umgehen kann. Selbiges kann man von Martin Zysset als Pimpinelli leider nicht behaupten; dessen Dialogpassagen sind in ihrer Künstlichkeit nur schwer zu ertragen, aber musikalisch beherrscht Zysset das Buffofach mit Bravour. Dabei ist ihm Eva Liebau als Bella Giretti eine adäquate Partnerin und so werden die Duette der beiden zu mitreißenden Höhepunkten.

Das liegt natürlich nicht zuletzt am Dirigenten Ulf Schirmer, dem es gelingt, das große Pathos gekonnt zu umschiffen und den leichten, aber stets süffigen Operettenton zu finden. Seine 'Paganini'-Lesart atmet Unbeschwertheit, alles federt und perlt nichtsahnend ins Unhappy End und rührt dennoch mit sattem Streicherklang ans Herz. Das Münchner Rundfunkorchester sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks sind mit der angeblich leichten Muse bestens vertraut – und das spürt man in jeder Note. Dieser 'Paganini' kann sich hören lassen und sich selbstbewusst an die Seite älterer Aufnahmen stellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehar, Franz: Paganini

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
2
23.02.2015
116:34
2009
Medium:
EAN:

CD
761203769926


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Lehár, Franz
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - I. Nr. 1 Violinsolo
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - III.. Nr. 2 Auftrittslied der Anna Elisa "L' Empereur Napoleon"
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - V. Nr.3 Lied (Paganini) "Bella Italia"
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - VII. Nr. 4 Duett "Was ich denke, was ich fühle"
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - IX. Nr. 5 Lied "So ein Mann ist eine Sünde wert"
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - XI. Nr.6 Duett "Mit den Frau'n auf du und du"
 - Operette in drei Akten - 1. Akt - XIII. Nr.7 Finale 1
 - Operette in drei Akten - 2. Akt - I. Nr.. 8 Introduktion "Wenn leine Liebe wär..."
 - Operette in drei Akten - 2. Akt - III. Nr. 9 "Gern hab ich die Frau'n geküsst"
 - Operette in drei Akten - 2. Akt - V. Nr. 10 Duett "Deinen süßen Rosenmund"
 - Operette in drei Akten - 2. Akt - VII.. Nr. 11 Duett "Einmal möcht ich was Närrisches tun"
 - Operette in drei Akten - 2. Akt - IX. Nr. 12 Duett "Niemand liebt dich so wie ich"


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Dirigent(en):Schirmer, Ulf
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester
Interpret(en):Kaiser , Kristiane
Liebau, Eva
Schörner, Jörg
Todorovich, Zoran


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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